Anwendungsbeispiel Ebenentrennung

Links ist hoffentlich bald vorbei

Ein Experiment: Kann eine maximal politische Aussage gleichzeitig wahr und falsch sein?

Dieser Beitrag ist ausdrücklich kein Plädoyer für links oder rechts. Er ist der Versuch, an einer bewusst emotional gewählten Aussage zu zeigen, wie Ebenentrennung funktioniert.

Vielleicht haben Sie beim Lesen der Überschrift bereits zugestimmt. Vielleicht haben Sie sich geärgert. Vielleicht haben Sie den Autor schon politisch einsortiert.

Dann hat die Überschrift ihren Zweck erfüllt.

Denn natürlich soll „links“ nicht einfach verschwinden. Linkes, rechtes und liberales Denken haben jeweils ihre Stärken – und jeweils ihre Schwächen. Eine erfolgreiche Demokratie lebt gerade nicht vom endgültigen Sieg einer dieser Denkrichtungen. Ihre Stärke entsteht vielmehr aus dem Versuch, die Stärken unterschiedlicher Positionen miteinander zu verbinden und ihre Schwächen gegenseitig zu begrenzen.

Aber auch das Gegenteil ist möglich: Eine niedergehende Demokratie kann die Schwächen von links, rechts und liberal miteinander kombinieren.

Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber streiten, welche politische Denkrichtung die richtige ist. Interessanter wäre die Frage, auf welcher Ebene welche ihrer Aussagen richtig ist, wo ihre Stärke liegt – und wo aus dieser Stärke eine Schwäche wird.

Genau das ist die Methodik der Synergiewende.

Was an „links“ hoffentlich vorbei ist

Links hat unserer Gesellschaft viel gegeben: soziale Verantwortung, Solidarität, den Schutz Schwächerer, gesellschaftliche Teilhabe und den Anspruch, die Welt gerechter zu machen. Nichts davon soll verschwinden.

Vorbei sein muss aus meiner Sicht etwas anderes: die Hegemonie der Gesinnungsethik – die Vorstellung, dass die moralische Richtigkeit eines Zieles bereits hinreichend für die Richtigkeit des politischen Weges dorthin sei.

Gesinnungsethik stellt die notwendige Frage:

Was ist richtig?

Verantwortungsethik ergänzt eine zweite, ebenso notwendige Frage:

Was wird dabei herauskommen?

Beide Fragen gehören zusammen. Das gut Gemeinte braucht ein Ziel. Politik braucht aber zusätzlich die nüchterne Prüfung der voraussichtlichen Folgen des eingeschlagenen Weges.

Das gilt für nahezu jede politische Entscheidung. Existentiell wird es dort, wo es um Krieg und Frieden geht.

Die Frage vor dem Ukrainekrieg

Gerade in der Außenpolitik reicht es nicht, moralische Kategorien zu bestimmen. Ein Angriff bleibt ein Angriff, Völkerrecht bleibt Völkerrecht, und Menschen haben ein Recht darauf, in Freiheit und Sicherheit zu leben.

Verantwortungsethik verlangt jedoch eine zusätzliche Betrachtungsebene. Sie fragt nicht nur, wer im Recht ist, sondern auch: Wohin führt unser Handeln? Welche Reaktionen sind vorhersehbar? Welche Eskalationsdynamik kann entstehen? Und welchen Preis riskieren wir auf dem Weg zu einem als richtig erkannten Ziel?

Diese Fragen können zu unangenehmen Antworten führen. Denn ein moralisch unbefriedigender Kompromiss kann verantwortungsethisch sinnvoller sein als ein moralisch befriedigender Weg, der am Ende in einer Katastrophe mündet.

Genau diese Frage habe ich mir vor dem Ukrainekrieg gestellt.

Am 2. April 2021, fast ein Jahr vor dem russischen Angriff auf die Ukraine, veröffentlichte ich einen Beitrag mit dem Titel „Teilung der Ukraine akzeptieren – den Frieden in Europa bewahren“.

Die entscheidende Frage darin war nicht:

Wer hat recht?

Sondern:

Wohin führt dieser Weg?

Meine damalige Schlussfolgerung war, dass ein politischer Kompromiss gesucht werden müsse, bevor die zunehmende Konfrontation zwischen Russland und dem Westen in einen Krieg mündet.

Ein knappes Jahr später war Krieg.

Das beweist natürlich nicht, dass mein damaliger Vorschlag den Krieg verhindert hätte. Geschichte erlaubt kein kontrolliertes Gegenexperiment. Es zeigt aber, dass man die Gefahr einer militärischen Eskalation bereits vor dem Krieg als mögliche Folge der politischen Entwicklung betrachten konnte.

Russland entschied sich 2022 für den Angriff auf die Ukraine und trägt die Verantwortung für diese Entscheidung. Damit ist aber eine andere Frage noch nicht beantwortet: Welche Entscheidungen der beteiligten Akteure haben zuvor das Eskalationsrisiko erhöht – und welche hätten es vermindern können?

Verantwortung und Kausalität sind unterschiedliche Bezugsebenen.

Gerade wer Krieg verhindern will, muss beide betrachten können.

Frieden braucht Gesinnung – und Verantwortung

Darin steckt ein scheinbares Paradox: Auch mein Friedensparadigma ist zunächst gesinnungsethisch.

Ich will Frieden, weil ich Krieg für die höchste Form menschlichen Versagens halte. Aber gerade diese Gesinnung zwingt mich dazu, verantwortungsethisch zu denken.

Wenn Frieden das Ziel ist, müssen politische Wege auch danach beurteilt werden, ob sie Frieden wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher machen.

Gesinnungs- und Verantwortungsethik sind deshalb keine Gegner. Sie brauchen einander.

Gesinnungsethik bestimmt, wohin wir wollen. Verantwortungsethik fragt, ob unser Weg tatsächlich dorthin führt.

Problematisch wird es, wenn die erste Frage die zweite verdrängt – wenn die moralische Qualität unserer Absicht wichtiger wird als die voraussichtliche Wirkung unseres Handelns.

Und genau auf dieser Ebene können wir nun zur Überschrift zurückkehren.

Links ist hoffentlich bald vorbei.

Der Satz ist falsch.

Wenn „links“ Solidarität, soziale Verantwortung, Gerechtigkeit und den Schutz Schwächerer meint, hoffe ich ausdrücklich nicht, dass links vorbei ist.

Und derselbe Satz ist für mich gleichzeitig wahr.

Wenn „links“ den Primat des gut Gemeinten meint – die Hegemonie der Gesinnungsethik über die verantwortungsethische Prüfung ihrer Folgen –, dann hoffe ich sehr, dass dieses Links bald vorbei ist.

Denn spätestens dort, wo politische Entscheidungen über Krieg und Frieden entscheiden können, reicht die gute Absicht nicht mehr.

Es kommt auf die Bezugsebene an.

Und damit zurück zu unserem Experiment

Wir haben eine bewusst provozierende Aussage genommen:

„Links ist hoffentlich bald vorbei.“

Statt darüber zu streiten, ob sie richtig oder falsch ist, haben wir eine andere Frage gestellt:

Auf welcher Bezugsebene könnte sie wahr sein?

Damit konnten wir die Stärken linken Denkens erhalten und gleichzeitig eine seiner möglichen Schwächen kritisieren.

Dasselbe können wir mit rechten und liberalen Positionen tun. Wir müssen ihre Stärken nicht ablehnen, weil wir ihre Schwächen sehen. Und wir müssen ihre Schwächen nicht verteidigen, weil wir ihre Stärken schätzen.

Vielleicht besteht die Kunst einer funktionierenden Demokratie gerade darin, die Stärken ihrer unterschiedlichen Denktraditionen zu synthetisieren und ihre jeweiligen Schwächen gegenseitig zu begrenzen.

Dann lautet die interessante politische Frage nicht mehr:

Links, rechts oder liberal?

Sondern:

Was ist die Stärke? Was ist die Schwäche? Und wie sieht die Synthese aus?

Das ist die Methodik der Synergiewende.

Und vielleicht erklärt eine weitere Idee, warum uns genau dieses Denken bei gesellschaftlichen Fragen so schwerfällt. Wir nennen sie die Relativitätstheorie der gesellschaftlichen Wahrheit.

Ihre Ausgangsthese ist bewusst radikal formuliert:

Jede Aussage über Mensch und Gesellschaft ist gleichzeitig wahr und unwahr – solange ihre Bezugsebene nicht genannt ist.

Vielleicht ist deshalb der wichtigste Denktrick für die nächste politische Debatte nicht mehr:

Wer hat recht?

Sondern:

Auf welcher Bezugsebene hat wer recht?

Erst danach beginnt die eigentlich interessante Arbeit:

die Suche nach der Synthese.

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