Warum Haltung nicht die Wege bestimmen sollte

Der ungehobene Erfahrungsschatz der Ossis – Haltungsschaden.info

Viele Menschen sind angesichts aktueller Wahlprognosen enttäuscht von den Ostdeutschen. Da wurde nach der Wiedervereinigung über Jahrzehnte investiert, Infrastruktur erneuert und wurden enorme Summen in den Aufbau Ost gesteckt – und ausgerechnet dort wenden sich heute besonders viele Menschen von den etablierten Parteien ab.

Was für ein undankbares und offenbar auch noch politisch minderbemitteltes Volk, diese Ossis, könnte man denken.

Nun ist es kein besonders schönes Gefühl, sich bei einer großen Investition betrogen zu fühlen. Deshalb möchte ich Ihnen eine andere Bilanz der deutschen Einheit anbieten. Vielleicht haben die Ostdeutschen nämlich etwas außerordentlich Wertvolles in diese Vereinigung eingebracht, das bisher nur niemand bilanziert hat.

Ein Kaufmann würde von einer stillen Reserve sprechen. Und stille Reserven haben eine interessante Eigenschaft: In guten Zeiten beachtet sie kaum jemand. In einer Krise können sie plötzlich darüber entscheiden, ob eine Bilanz noch zu retten ist.

Der ungehobene Ostschatz

Was soll dieser Schatz sein?

Ein ostdeutscher Erfahrungsvorsprung mit dem gut Gemeinten.

Was viele Westdeutsche heute vielleicht kaum noch nachvollziehen können: Auch die DDR war ihrem eigenen Selbstverständnis nach geradezu überwältigend gut gemeint.

Es gab dort eine sogenannte „Hauptaufgabe“, die „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“. Ziel war die Verbesserung des materiellen und kulturellen Lebensniveaus der Bevölkerung. Und es wird noch besser: Die sozialistische Gesellschaft legitimierte sich mit dem Anspruch, die „Ausbeutung des Menschen durch den Menschen“ zu überwinden.

Geil, oder?

Hinzu kam die historische Erzählung, dass Kapitalismus und Imperialismus jene gesellschaftlichen Kräfte hervorbringen, aus denen schließlich Faschismus und Krieg entstehen können. Der Sozialismus sollte deshalb nicht nur eine gerechtere Wirtschaftsordnung schaffen, sondern zugleich eine Konsequenz aus den Katastrophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sein.

Nie wieder Faschismus. Nie wieder Krieg. Keine Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Soziale Sicherheit und ein gutes Leben für alle.

Wer möchte diese Ziele nicht unterschreiben?

Und genau deshalb wird die Geschichte interessant. Denn offenbar waren die Ziele der DDR gar nicht ihr eigentliches Problem.

Wie kommt man vom guten Ziel zur Mauer?

Wie konnte ein Staat mit derart humanistischen Zielvorstellungen schließlich einen „antifaschistischen Schutzwall“ benötigen, der vor allem seine eigenen Bürger daran hindern sollte, das Land zu verlassen?

Wie kommt man vom gut Gemeinten zu Mauer, Stacheldraht und Schusswaffengebrauch?

Natürlich kann man darauf antworten: SED-Diktatur, fehlende Demokratie, Machtinteressen. Das ist alles richtig. Aber vielleicht liegt darunter eine allgemeinere Erkenntnis, die weit über die DDR hinausreicht:

Das gut Gemeinte darf die Ziele einer Gesellschaft bestimmen. Es darf aber niemals ungeprüft auch ihre Wege legitimieren.

Unsere Welt ist paradox. Sie besteht aus unperfekten Menschen, widerstreitenden Interessen, Rückkopplungen und Nebenwirkungen. Eine politische Maßnahme kann deshalb ein wunderbares Ziel verfolgen und trotzdem etwas völlig anderes bewirken.

Gefährlich wird es, wenn diese Möglichkeit nicht mehr gedacht werden darf. Das Ziel ist gut, also erscheint der Weg ebenfalls gut. Wer den Weg kritisiert, stellt scheinbar das gute Ziel infrage. Und irgendwann kann sogar Zwang gegenüber dem Kritiker als notwendige Verteidigung des Guten erscheinen.

Dann beginnt der gute Zweck, seine Mittel zu heiligen.

Und genau hier könnte der bislang unbilanzierte Schatz der deutschen Einheit liegen.

Vielleicht erkennen Ossis dieses Muster früher

Menschen, die in der DDR gelebt haben, besitzen natürlich keine angeborene höhere politische Weisheit. „Den Ossi“ gibt es genauso wenig wie „den Wessi“.

Aber Millionen Ostdeutsche haben eine gemeinsame historische Erfahrung gemacht: Sie haben erlebt, dass zwischen einem moralisch großartigen gesellschaftlichen Anspruch und dem tatsächlichen Ergebnis eines politischen Systems ein gewaltiger Abgrund liegen kann.

Und vielleicht haben sie deshalb einen etwas anderen Blick auf die immer wieder verkündete gesellschaftliche Vorwärtsbewegung.

In der DDR kursierte dazu sinngemäß ein wunderbarer Witz:

„Gestern standen wir am Abgrund. Heute sind wir einen Schritt weiter.“

Damals war das eine boshafte Parodie auf die unablässige Verkündung gesellschaftlichen Fortschritts.

Heute könnte darin eine ziemlich ernsthafte Warnung stecken.

Denn auch eine Gesellschaft, die fest davon überzeugt ist, vorwärtszugehen, sollte gelegentlich prüfen, ob vor ihr tatsächlich der Fortschritt liegt – oder nur der Abgrund.

Vielleicht erklärt diese Erfahrung einen Teil der besonderen politischen Skepsis im Osten besser als die inzwischen etwas ermüdende Erzählung vom undankbaren oder demokratisch noch nicht ganz angekommenen Ostdeutschen.

Wenn manche Ostdeutsche heute polemisch von „DDR 2.0“ sprechen, ist die Bundesrepublik selbstverständlich keine zweite DDR. Interessanter als die falsche Gleichsetzung finde ich deshalb die Frage:

Welches Muster glauben diese Menschen wiederzuerkennen?

Vielleicht ist es genau dieses: Ein moralisch richtig erscheinendes Ziel bekommt einen solchen Vorrang, dass die nüchterne Prüfung des eingeschlagenen Weges zunehmend als Angriff auf das Ziel selbst empfunden wird.

Gut gemeint reicht nicht

Damit sind wir mitten in unserer Gegenwart.

Eine Flüchtlingspolitik kann humanitär gut gemeint sein – und trotzdem müssen ihre langfristigen gesellschaftlichen, finanziellen und integrationspolitischen Folgen untersucht werden dürfen. Eine Energiepolitik kann dem Klimaschutz dienen – und trotzdem müssen Versorgungssicherheit, Kosten und industrielle Konsequenzen betrachtet werden. Eine Corona-Politik kann Menschenleben schützen wollen – und trotzdem müssen Verhältnismäßigkeit, Nebenwirkungen und gesellschaftliche Kosten diskutierbar bleiben.

Und eine Ukrainepolitik kann Freiheit, Selbstbestimmung und Völkerrecht verteidigen – und trotzdem muss die Frage erlaubt sein:

Was soll dabei herauskommen?

Spätestens hier wird aus einer philosophischen Frage eine existentielle.

Russland trägt die Verantwortung für seine Entscheidung, die Ukraine anzugreifen. Aber wenn unser übergeordnetes Ziel darin besteht, einen noch größeren Krieg in Europa zu verhindern, reicht die Feststellung dieser Verantwortung nicht aus. Dann müssen wir zusätzlich fragen, welche Entscheidungen der verschiedenen Beteiligten das Eskalationsrisiko erhöhen und welche es vermindern.

Verantwortung und Kausalität sind unterschiedliche Fragen.

Wer einen Krieg verhindern will, muss Ursachen und Eskalationsmechanismen untersuchen können, ohne dadurch einen Angriff zu rechtfertigen.

Und genau hier kann der Vorrang des gut Gemeinten gefährlich werden. Wenn eine Handlung moralisch geboten erscheint, kann bereits die Frage nach ihren möglichen negativen Folgen als unmoralisch erscheinen.

Zwischen Atommächten können wir uns diesen Denkfehler nicht leisten.

Der Verstand muss wieder mit an den Tisch

Vielleicht ist das die eigentliche Erfahrung, die der Osten dem vereinigten Deutschland noch schenken kann.

Nicht: Traut keinen Idealen. Nicht: Moral ist gefährlich. Und schon gar nicht: Der Osten hat immer recht.

Sondern:

Misstraut dem Moment, in dem die moralische Qualität eines Zieles die rationale Prüfung des Weges ersetzt.

Max Weber unterschied zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Vereinfacht gesagt fragt die Gesinnungsethik danach, was richtig ist. Verantwortungsethik ergänzt die entscheidende zweite Frage:

Was wird voraussichtlich dabei herauskommen?

Wir brauchen beides. Ohne Gesinnungsethik fehlen einer Gesellschaft Ziele und Werte. Ohne Verantwortungsethik fehlt ihr die Fähigkeit zu prüfen, ob die gewählten Wege überhaupt zu diesen Zielen führen.

Das Problem beginnt also nicht damit, dass wir das Gute wollen. Es beginnt dort, wo wir aus der Güte des Zieles auf die Güte des Weges schließen.

Und damit sind wir bei den Medien

Auch hier besitzen viele Ostdeutsche eine besondere historische Erfahrung. Sie haben erlebt, was geschieht, wenn zwischen der moralischen Selbstbeschreibung eines gesellschaftlichen Systems und der medial vermittelten Wirklichkeit kaum noch Abstand besteht.

Damit setze ich den heutigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausdrücklich nicht mit dem DDR-Fernsehen gleich. Die Unterschiede sind fundamental. Aber gerade deshalb lohnt sich die Frage, ob sich aus der DDR-Erfahrung ein allgemeinerer Maßstab gewinnen lässt.

Medien sollten nicht nur fragen, ob die Ziele politischen Handelns moralisch überzeugend sind. Sie müssen mit mindestens derselben Hartnäckigkeit dessen Wege und Folgen untersuchen.

Funktioniert der gewählte Weg? Welche Nebenwirkungen entstehen? Welches Argument der Gegenseite könnte richtig sein? Was könnte unsere eigene Position widerlegen?

Eine Medienwende müsste deshalb überhaupt nicht darin bestehen, die eine politische Gesinnung durch die entgegengesetzte zu ersetzen. Dann hätten wir lediglich die Vorzeichen gewechselt.

Die eigentliche Medienwende wäre viel unspektakulärer und gleichzeitig viel radikaler:

Das gut Gemeinte wieder der verantwortungsethischen Prüfung auszusetzen.

Die friedlichste Revolution findet im Kopf statt

Vielleicht brauchen wir deshalb auch gar keinen neuen „Marsch durch die Institutionen“ in entgegengesetzter Richtung. Menschen müssen nicht aus Universitäten, Verwaltungen, Medien oder anderen Institutionen verschwinden, weil sie von bestimmten gesellschaftlichen Vorstellungen geprägt wurden.

Vielleicht brauchen wir überhaupt keinen Ausmarsch.

Wir brauchen lediglich eine zweite Frage.

Nach „Ist das gut gemeint?“ muss wieder gleichberechtigt die Frage kommen:

„Was wird dabei herauskommen?“

Das wäre eine bemerkenswert friedliche Revolution. Niemand müsste vertrieben, ausgegrenzt oder mundtot gemacht werden. Wir müssten lediglich unser Denken verändern.

Und sogar Hegel dürfte damit zufrieden sein. Das Alte müsste nicht vernichtet werden. Sein berechtigter Inhalt bliebe im Neuen erhalten – oder, um es hegelianisch zu sagen, aufgehoben.

Die Gesinnungsethik bleibt. Sie bestimmt weiterhin, welche Gesellschaft wir anstreben, welche Werte wir verteidigen und welche Ziele uns wichtig sind.

Aber sie bekommt wieder eine gleichberechtigte Partnerin:

die Verantwortungsethik.

Vielleicht liegt genau darin die stille Reserve der deutschen Einheit.

Der Westen brachte Kapital, Institutionen und gewaltige Aufbauleistungen in die Wiedervereinigung ein. Der Osten könnte etwas zurückgeben, dessen Wert erst in einer Krise wirklich sichtbar wird: die historische Erfahrung, dass das gut Gemeinte niemals von der Pflicht befreit, über die Folgen nachzudenken.

Und noch etwas haben die Ostdeutschen in diese Vereinigung eingebracht. Sie wissen aus eigener Erfahrung, dass eine Revolution nicht zwangsläufig Gewalt bedeuten muss. 1989 gelang etwas, das in der deutschen Geschichte beinahe unglaublich erscheint: Ein politisches System brach zusammen, ohne dass daraus ein Bürgerkrieg entstand.

Vielleicht ist genau das unser eigentlicher Ostschatz.

Nicht die Kompetenz für eine neue Revolution gegen Menschen.

Sondern die Erfahrung, dass sich gesellschaftliche Verhältnisse friedlich verändern können, wenn genügend Menschen anfangen, anders zu denken und anders zu handeln.

Und wenn die größte Gefahr unserer Zeit tatsächlich darin besteht, dass moralisch überzeugte Menschen auf verschiedenen Seiten Wege beschreiten, an deren Ende ein großer Krieg stehen könnte, bekommt ein alter DDR-Spruch plötzlich eine vollkommen neue Bedeutung:

Vom Ossi lernen heißt überleben lernen.

Unsere Erfahrung mit friedlichen Revolutionen könnte am Ende tatsächlich der wertvollste Schatz sein, den der Osten in die deutsche Einheit eingebracht hat.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert