Wir holen uns unseren Verstand zurück

„Wir holen uns unser Land zurück!“ – diese Formel baut Ulrich Siegmund in seine politische Vision für Sachsen-Anhalt ein.

Ich kann verstehen, dass viele Menschen darin Hoffnung sehen. Und ich kann genauso verstehen, dass andere darin etwas Bedrohliches hören.

Deshalb möchte ich eine andere Vision vorschlagen. Eine, bei der uns ausgerechnet der Ulli vielleicht sogar helfen könnte:

Wir holen uns unseren Verstand zurück.

Denn wer es schafft, für einen Moment jenseits der politischen Lager zu denken, kann etwas eigentlich Banales erkennen: Wir haben nicht zu wenige politische Ideen in diesem Land. Wir haben zu viele davon in feindliche Lager sortiert.

Viele Alternativen für Deutschland

Selbst die extreme Linke beschäftigt sich mit einem realen Problem: Ein Kapitalismus, dessen Gewinn- und Investitionsmöglichkeiten strukturell unter Druck geraten, kann enorme politische und ökonomische Spannungen erzeugen. Ich komme bei den Ursachen und erst recht bei den Lösungen zu ganz anderen Ergebnissen. Aber deshalb muss ich doch nicht so tun, als hätte die Kapitalismuskritik keine berechtigten Fragen.

Auch die klassischen sozialen Anliegen der Linken verschwinden nicht dadurch, dass man sie für ideologisch hält. Wer sich ansieht, wie Vermögen, Chancen und gesellschaftliche Lasten verteilt sind, muss schon ziemlich weit von der Lebenswirklichkeit vieler Menschen entfernt sein, um darin überhaupt kein Problem zu erkennen.

Genauso wenig ist Umweltschutz plötzlich Unsinn, nur weil man die Grünen nicht mag. Wer die klimatischen Entwicklungen dieses Jahres erlebt hat, dürfte zumindest bemerkt haben, dass die Frage nach unseren natürlichen Lebensgrundlagen nicht einfach verschwindet, wenn man sie politisch dem falschen Lager zuordnet.

Und eine wirklich liberale Partei müsste angesichts einer Bürokratie, die Unternehmen und Bürger aus Berlin und Brüssel zunehmend lähmt, eigentlich längst wieder von jenen 18 Prozent träumen dürfen, die Guido Westerwelle einst auf seine Schuhsohlen schrieb.

Ja, und auch die Blauen greifen berechtigte Anliegen auf. Ein Land fährt nicht automatisch schlecht damit, wenn es sich ein gesundes Maß an nationaler und kultureller Identität bewahrt. Dass Deutschland Migration braucht, beantwortet noch lange nicht die Frage, welche Migration Deutschland braucht und wie viel kulturelle Integration eine freiheitliche Gesellschaft verlangen darf.

Merkwürdig, oder?

Sobald man für einige Minuten aufhört, ein politisches Lager besiegen zu wollen, entdeckt man plötzlich überall vernünftige Gedanken.

Vielleicht haben wir deshalb gar nicht zu wenige Alternativen für Deutschland.

Vielleicht haben wir zu viele davon – und sind nur unfähig geworden, sie miteinander zu verbinden.

Das wäre mein neuer Zeitgeist

Meine These lautet deshalb: Ein neuer Zeitgeist des synergetischen Denkens könnte die berechtigten Anliegen der verschiedenen politischen Richtungen miteinander verbinden.

Nicht links gegen rechts. Nicht grün gegen blau. Nicht liberal gegen sozial.

Wir suchen die Stärke einer Position, bestimmen die Ebene, auf der sie richtig ist, suchen ihre Schwäche – und machen anschließend mit der Gegenposition dasselbe.

Und dann versuchen wir etwas, das in unserer politischen Kultur beinahe revolutionär geworden ist:

Wir denken nach.

Wir können auf diese Weise sicher verhindern, dass Deutschland irgendwann in seine dritte große militärische Katastrophe mit Russland hineinläuft. Und vielleicht kann dieses Land stattdessen tatsächlich wieder wie Phönix aus der Asche aufsteigen.

Denn die Synthese politischer Anliegen verlangt zunächst weder Revolution noch irgendeine geniale neue Ideologie.

Man muss darüber nachdenken und diskutieren.

Wenn du denkst, du denkst …

1975 sang Juliane Werding einen wunderbaren Satz:

„Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst.“

Das Lied, geschrieben von Gunter Gabriel, handelt eigentlich von männlicher Selbstüberschätzung gegenüber einer jungen Frau beim Skat. Aber der Satz ist viel zu gut, um ihn dort liegenzulassen.

Denn genau das ist meine These:

Wir denken häufig nur, dass wir denken. Tatsächlich urteilen wir.

Wir besitzen eine Meinung. Wir haben eine Haltung. Wir wissen bereits, wer gut und wer böse, wer rechts und wer links, wer Demokrat und wer Feind der Demokratie ist. Und sobald dieses Urteil gefällt ist, wird es für unser Gehirn verdammt schwer, die Angelegenheit noch einmal völlig neu zu betrachten.

Die Transaktionsanalyse würde einen Teil dieses Phänomens dem „Eltern-Ich“ zuordnen: Dort liegen übernommene Regeln, Wertungen und Überzeugungen. Das ist ein psychologisches Modell und keine Beschreibung bestimmter Gehirnregionen. Aber als Denkmodell gefällt es mir außerordentlich gut.

Vielleicht haben manche Nerds hier sogar einen Vorteil. Wer ohnehin gewohnt ist, Systeme auseinanderzunehmen, Fehler zu suchen und Dinge zu hinterfragen, hat möglicherweise weniger Hemmungen, irgendwann auch die eigene Überzeugung auseinanderzunehmen.

Genau das wäre meine Therapie für unseren Haltungsschaden:

Wir werden zu begeisterten Hinterfragern unserer eigenen Überzeugungen.

Glasnost für unsere Köpfe

Das ist allerdings schwer. Deshalb brauchen Menschen Institutionen, die ihnen dabei helfen.

Und hier kommen wir zu einem Problem unserer heutigen Medienkultur. Zu oft erlebe ich Medien nicht als institutionalisierte Hinterfrager gesellschaftlicher Überzeugungen, sondern als deren Einordner. Es wird erklärt, welche Haltung vernünftig, demokratisch oder moralisch geboten ist.

Genau das halte ich für den falschen Weg.

Ein Journalismus des neuen Zeitgeistes müsste nicht weniger kritisch sein, sondern viel kritischer. Seine vornehmste Aufgabe wäre nicht, meine Haltung zu bestätigen, sondern sie zu erschüttern. Er müsste mir die stärksten Argumente meiner Gegner zeigen, Widersprüche offenlegen und mich immer wieder mit der unangenehmen Frage konfrontieren:

Was, wenn du dich irrst?

Vielleicht brauchen wir deshalb tatsächlich etwas Ähnliches wie Glasnost und Perestroika. Erst die Offenheit des Denkens, dann die Umgestaltung.

Und damit bin ich wieder bei Ulli Siegmund.

Ausgerechnet Ulli?

Siegmund hat im Landtag angekündigt, im Falle einer Regierungsübernahme den Medienstaatsvertrag in Sachsen-Anhalt kündigen zu wollen. Das ist also keine Zuschreibung von mir, sondern sein erklärtes politisches Ziel.

Ich weiß nicht, was danach herauskäme. Und gerade weil ich Verantwortungsethik predige, werde ich nicht behaupten, eine Kündigung mache automatisch alles besser.

Sie könnte auch alles schlechter machen.

Aber sie könnte eine Debatte erzwingen, die wir dringend brauchen: Welche Medienkultur wollen wir eigentlich?

Ich möchte keinen blauen Rundfunk anstelle eines grünen, linken oder schwarzen Rundfunks. Ich möchte überhaupt keinen Haltungsfunk.

Ich möchte einen Denkfunk.

Einen Journalismus, der Haltung nicht produziert und nicht bestätigt, sondern sie ständig auf ihre Wirklichkeitstauglichkeit prüft.

Auch wir in der DDR haben überwiegend Westfernsehen geschaut – einschließlich mancher Genossen. Trotzdem war es am Ende ungeheuer wichtig, dass auch in den eigenen Medien sichtbar wurde: Das bisher Undenkbare darf plötzlich gedacht werden.

Vielleicht brauchen wir genau das wieder.

Keine neue Tagesschau, die uns erklärt, was wir denken sollen.

Vielleicht brauchen wir eine Denkerschau, die uns wieder Lust darauf macht, selbst zu denken.

Denn einen Verstand haben wir alle. Das Problem beginnt dort, wo eine Gesellschaft ihren Mitgliedern zunehmend vermittelt, bei welchen Themen es moralisch legitim ist, ihn ergebnisoffen zu benutzen.

Deshalb gefällt mir meine kleine Abwandlung inzwischen immer besser.

Nicht:

„Wir holen uns unser Land zurück.“

Sondern:

Wir holen uns unseren Verstand zurück.

Und wenn uns ausgerechnet die Blauen dabei helfen, den alten Zeitgeist aufzubrechen, während Linke, Grüne, Liberale und Konservative anschließend ihre jeweils besten Ideen zur Synthese beisteuern – dann wäre das vielleicht tatsächlich eine ziemlich schöne Pointe der Geschichte.

Viele Alternativen für Deutschland.

Mehr Gedanken dazu in den Links im Kommentar.

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