Kapitalismus verstehen

Warum wir Geldvermögensbildung neu denken müssen

Ein Reformvorschlag auf Grundlage der Kreislauftheorie von Keynes, Lautenbach und Stützel sowie des Grundgedankens von Silvio Gesell

Einordnung

Dieser Beitrag erhebt nicht den Anspruch, eine neue Kreislauftheorie zu entwickeln. Die grundlegenden Zusammenhänge zwischen Investitionen, Unternehmensgewinnen und Kredit wurden insbesondere von John Maynard Keynes, Wilhelm Lautenbach und später Wolfgang Stützel beschrieben.

Ebenso wenig soll die Freigeldlehre von Silvio Gesell wiederbelebt werden. Im Gegenteil: Ich halte wesentliche Teile seines geldtechnischen Lösungsansatzes für praktisch und psychologisch ungeeignet.

Dennoch bin ich überzeugt, dass Gesell ein grundlegendes Problem des Kapitalismus früher erkannt hat als viele seiner Zeitgenossen: Eine dauerhaft zunehmende Geldvermögensbildung bleibt für eine Volkswirtschaft nicht folgenlos.

Mein Reformvorschlag versucht deshalb, den von Keynes gewürdigten Geist Gesells mit der Kreislauftheorie von Keynes, Lautenbach und Stützel zu verbinden und daraus einen geldpolitischen Reformansatz für das 21. Jahrhundert abzuleiten.


1. Globales Nettogeldvermögen ist immer Null

Im Alltag sprechen wir ständig von Geldvermögen.

Gemeint sind beispielsweise

  • Bankguthaben,
  • Forderungen aus Lieferungen und Leistungen,
  • Anleihen,
  • Versicherungsansprüche,
  • sonstige Finanzforderungen.

Was dabei häufig übersehen wird:

Jeder finanziellen Forderung steht zwangsläufig eine gleich hohe finanzielle Verbindlichkeit gegenüber.

Das ist keine ökonomische Theorie, sondern eine unmittelbare Folge der doppelten Buchführung.

Deshalb gilt weltweit:

Die Summe aller finanziellen Forderungen entspricht stets exakt der Summe aller finanziellen Verbindlichkeiten.

Das weltweite Nettogeldvermögen beträgt definitionsgemäß immer Null.

Diese Aussage wirkt zunächst irritierend, weil jeder Einzelne durchaus Geldvermögen besitzen kann.

Global betrachtet heben sich jedoch sämtliche Forderungen und Verbindlichkeiten gegenseitig auf.


2. Globales Vermögen besteht ausschließlich aus Sachvermögen

Wenn sich sämtliche Geldforderungen und Geldverbindlichkeiten gegenseitig aufheben, bleibt als tatsächliches Weltvermögen ausschließlich das übrig, was physisch oder geistig existiert.

Dazu gehören beispielsweise

  • Gebäude,
  • Maschinen,
  • Infrastruktur,
  • Produktionsanlagen,
  • Rohstoffe,
  • Wissen,
  • Technologien.

Deshalb gilt:

Globales Vermögen = Weltsachvermögen

Geld schafft keinen Wohlstand.

Geld verteilt lediglich Ansprüche auf vorhandenen oder künftig zu schaffenden Wohlstand.


3. Neuer Wohlstand entsteht ausschließlich durch Nettoinvestitionen

Auch das reale Vermögen einer Volkswirtschaft bleibt nicht konstant.

Gebäude altern.

Maschinen verschleißen.

Straßen müssen erneuert werden.

Technologien verlieren an Wert.

Deshalb gilt volkswirtschaftlich:

Nettoinvestitionen = Bruttoinvestitionen − Abschreibungen

Nur Nettoinvestitionen vergrößern dauerhaft den Sachvermögenbestand einer Volkswirtschaft.

Damit folgt bereits ein erster wichtiger Schluss:

Langfristiger Wohlstand entsteht ausschließlich durch positive Nettoinvestitionen.


4. Die volkswirtschaftliche Vermögensformel

Bis hierher bewegen wir uns auf weitgehend unstrittigem Terrain.

Nun folgt der eigentliche Kern dieses Beitrags.

Zur besseren Verständlichkeit werden die Konsumausgaben der Unternehmer in der folgenden Darstellung zunächst ausgeblendet. Betrachtet wird ausschließlich der Vermögenszuwachs des Unternehmersektors.

Dadurch ergibt sich vereinfacht folgende Beziehung:

Volkswirtschaftliche Vermögensformel

Nettovermögenszuwachs des Unternehmersektors

= Nettoinvestitionen

+ Neuverschuldung bzw. Geldvermögensabbau der übrigen Wirtschaftssektoren

Diese Formel ist keine neue volkswirtschaftliche Theorie.

Sie stellt eine bewusst vereinfachte Darstellung der kreislauftheoretischen Zusammenhänge dar, wie sie insbesondere von Keynes, Lautenbach und später Wolfgang Stützel beschrieben wurden.

Gerade durch diese Vereinfachung wird jedoch ein grundlegender Zusammenhang sichtbar.

Unternehmer können ihren Vermögenszuwachs dauerhaft nur erhöhen,

  • wenn neue Sachwerte geschaffen werden,

oder

  • wenn andere Wirtschaftssektoren ihre Verschuldung erhöhen beziehungsweise vorhandenes Geldvermögen abbauen.

Zu diesen Wirtschaftssektoren gehören

  • private Haushalte,
  • der Staat,
  • das Ausland.

Damit wird verständlich, warum steigende Geldvermögensbildung der Nichtunternehmer langfristig entweder

  • höhere Staatsverschuldung,
  • höhere Auslandsverschuldung,
  • oder sinkende Vermögenszuwächse des Unternehmersektors erzwingt.

5. Warum Staatsdefizite immer wieder entstehen

Die vereinfachte Vermögensformel zeigt einen grundlegenden Zusammenhang:

Nettovermögenszuwachs des Unternehmersektors

= Nettoinvestitionen

+ Neuverschuldung bzw. Geldvermögensabbau der übrigen Wirtschaftssektoren

Daraus folgt unmittelbar:

Wenn die Nettoinvestitionen sinken und gleichzeitig private Haushalte weiter Geldvermögen aufbauen möchten, muss zwangsläufig ein anderer Wirtschaftssektor seine Verschuldung erhöhen.

Dafür kommen grundsätzlich nur drei Sektoren in Betracht:

  • der Staat,
  • das Ausland,
  • oder die privaten Haushalte selbst.

Steigt die private Verschuldung über längere Zeit an, entstehen häufig kreditfinanzierte Spekulationsblasen. Die Finanzkrise 2008 ist hierfür ein bekanntes Beispiel.

Bleibt stattdessen das Ausland dauerhaft Schuldner, entstehen Leistungsbilanzungleichgewichte. Doch jeder Exportüberschuss eines Landes ist zwangsläufig der Importüberschuss eines anderen. Dieses Modell kann daher nicht für alle Volkswirtschaften gleichzeitig funktionieren.

Bleibt schließlich der Staat als Schuldner übrig.

Staatsverschuldung ist deshalb häufig nicht die Ursache wirtschaftlicher Krisen, sondern deren Folge.

Wenn private Haushalte sparen und Unternehmen gleichzeitig zu wenig rentable Investitionsmöglichkeiten sehen, gerät der Staat unter Druck, die fehlende Nachfrage durch zusätzliche Verschuldung auszugleichen.

Die politische Diskussion konzentriert sich häufig auf die Höhe der Staatsverschuldung.

Die eigentliche Frage lautet jedoch:

Warum entsteht überhaupt der Zwang zu immer neuen Staatsschulden?

Die vereinfachte Vermögensformel liefert darauf eine überraschend einfache Antwort:

Weil steigende Geldvermögen der einen Seite zwangsläufig steigende Verbindlichkeiten auf der anderen Seite erfordern.


6. Exportüberschüsse und Spekulationsblasen sind keine Dauerlösung

Volkswirtschaften haben bislang im Wesentlichen drei Möglichkeiten gefunden, Unternehmensvermögen trotz steigender Geldvermögensbildung zu stabilisieren.

Erstens: durch steigende Staatsverschuldung.

Zweitens: durch dauerhafte Exportüberschüsse.

Drittens: durch kreditfinanzierte Vermögenspreisblasen.

Keine dieser Lösungen ist dauerhaft tragfähig.

Staatsverschuldung stößt irgendwann auf politische Grenzen.

Exportüberschüsse setzen voraus, dass andere Länder dauerhaft Defizite akzeptieren.

Spekulationsblasen enden regelmäßig mit Vermögensverlusten, Bankenkrisen und anschließend erneut steigender Staatsverschuldung.

Diese drei Entwicklungen erscheinen häufig als voneinander unabhängige Probleme.

Aus Sicht der Kreislauftheorie sind sie jedoch unterschiedliche Erscheinungsformen desselben Grundproblems:

Steigende Geldvermögensbildung trifft auf unzureichende produktive Nettoinvestitionen.

7. Krieg als historische Form erzwungener Nettoinvestitionen

Historisch betrachtet folgten auf große Kriege häufig lange Phasen außergewöhnlich hoher wirtschaftlicher Dynamik.

Der Grund liegt nicht in einer besonderen Produktivität des Krieges. Das Gegenteil ist der Fall. Kriege vernichten menschliches Leben, kulturelle Werte und enorme Mengen an Sachvermögen.

Gerade diese Zerstörung führt jedoch anschließend zu außergewöhnlich hohen Nettoinvestitionen.

Gebäude müssen neu errichtet werden.

Straßen, Brücken und Infrastruktur müssen ersetzt werden.

Produktionsanlagen werden neu aufgebaut.

Technologien werden modernisiert.

Unternehmen investieren.

Banken vergeben Kredite.

Der Unternehmersektor erzielt wieder hohe Vermögenszuwächse.

Historisch entstanden so viele der bekannten Nachkriegsbooms.

Ob wirtschaftliche Interessen Kriege mit beeinflussen, wird Historiker vermutlich noch lange beschäftigen. Unstrittig ist jedoch, dass die Zerstörung von Sachvermögen anschließend genau jene außergewöhnlich hohen Nettoinvestitionen erzwingt, die in reifen Volkswirtschaften häufig fehlen.

Krieg löst das Investitionsproblem also nicht durch wirtschaftliche Effizienz, sondern durch die radikale Vernichtung vorhandenen Vermögens.

Ökonomisch betrachtet ist dies die denkbar brutalste Form einer „Investitionsförderung“.

Gerade deshalb sollte sie uns zum Nachdenken bringen.

Wenn unser Wirtschaftssystem dauerhaft hohe Nettoinvestitionen benötigt, stellt sich zwangsläufig die entscheidende Frage:

Wie können wir dauerhaft ausreichend produktive Nettoinvestitionen erzeugen, ohne zuvor Wohlstand vernichten oder immer höhere Schulden aufbauen zu müssen?

Genau an dieser Stelle setzt der folgende Reformvorschlag an.


8. Vom Geist Gesells zur Kreislauftheorie von Keynes und Lautenbach

Bereits Silvio Gesell erkannte Anfang des 20. Jahrhunderts, dass eine unbegrenzte Geldvermögensbildung langfristig zu wirtschaftlichen Fehlentwicklungen führen kann.

Seine Antwort war die Einführung eines umlaufgesicherten Geldes, dessen Halten mit einer regelmäßigen Gebühr verbunden wäre.

Ich halte diesen konkreten Lösungsansatz jedoch sowohl technisch als auch psychologisch für ungeeignet.

Eine nominale Belastung bereits angesparter Geldvermögen wird von den meisten Menschen als Enteignung empfunden. Unabhängig von ihrer ökonomischen Begründung dürfte sie deshalb demokratisch kaum dauerhaft durchsetzbar sein.

John Maynard Keynes würdigte Gesell dennoch ausdrücklich. Im Schlusskapitel seiner General Theory schrieb er sinngemäß, dass die Zukunft vermutlich mehr vom Geist Gesells als von dem von Karl Marx lernen werde.

Aus meiner Sicht bezog sich Keynes dabei weniger auf die konkrete Freigeldmechanik als auf Gesells grundlegende Erkenntnis:

Eine dauerhaft zunehmende Geldvermögensbildung bleibt für eine Volkswirtschaft nicht folgenlos.

Wilhelm Lautenbach und später Wolfgang Stützel erklärten anschließend die gesamtwirtschaftlichen Kreislaufzusammenhänge wesentlich präziser.

Sie zeigten, wie Investitionen, Kredit, Gewinne und Finanzierungssalden miteinander verbunden sind.

Mein Reformvorschlag versteht sich deshalb weder als Rückkehr zur Freigeldlehre Gesells noch als bloße Fortführung des klassischen Keynesianismus.

Er versucht vielmehr,

  • den Problemgeist Gesells,
  • die Kreislauftheorie von Keynes,
  • die gesamtwirtschaftliche Buchungslogik Lautenbachs und Stützels

zu einem praktikablen geldpolitischen Reformansatz für das 21. Jahrhundert zusammenzuführen.

9. Geldsparen oder Realsparen?

Wenn die bisherigen Überlegungen zutreffen, stellt sich zwangsläufig eine entscheidende Frage:

Wie kann eine Volkswirtschaft dauerhaft ausreichend produktive Nettoinvestitionen hervorbringen, ohne dabei immer höhere Staatsverschuldung, Exportungleichgewichte oder Spekulationsblasen zu erzeugen?

Die Antwort liegt aus meiner Sicht nicht in einer Abschaffung des Kapitalismus.

Im Gegenteil.

Der Kapitalismus lebt von Investitionen, Innovationen und Wettbewerb. Er lebt davon, dass Kapital dorthin fließt, wo der größte gesellschaftliche Nutzen und die höchste Wertschöpfung entstehen.

Das eigentliche Problem besteht deshalb nicht im Kapitalismus selbst.

Das Problem besteht darin, dass unser heutiges Geldsystem den Aufbau von Geldvermögen gegenüber produktiven Sachwertinvestitionen strukturell begünstigt.

Wer Geld spart, erhält nicht nur einen Sparzins. Sein Vermögen wird im Krisenfall regelmäßig durch Einlagensicherung, Bankenrettungen oder geldpolitische Maßnahmen geschützt. Denn ein Zusammenbruch des Geldsystems würde die gesamte Volkswirtschaft gefährden.

Wer dagegen unmittelbar in Sachwerte investiert, trägt das volle unternehmerische Risiko.

Scheitert eine Unternehmensgründung, verliert eine Immobilie dauerhaft an Wert oder erweist sich eine neue Technologie als Fehlinvestition, muss der Investor den Verlust selbst tragen.

Der Geldsparer wird im Systemfall gerettet. Der Sachwertinvestor muss seine Verluste ausbuchen.

Diese unterschiedliche Behandlung ist verständlich.

Sie führt jedoch dazu, dass der Aufbau möglichst sicherer Geldvermögen gegenüber produktiven Sachwertinvestitionen systematisch bevorzugt wird.

Nicht das Sparen selbst ist deshalb das Problem.

Problematisch ist die strukturelle Bevorzugung des Geldsparens gegenüber dem Realsparen.

Dabei besteht zwischen beiden ein grundlegender Unterschied.

Geldsparen schafft zusätzliche finanzielle Forderungen.

Realsparen schafft zusätzliches Sachvermögen.

Nur Realsparen erhöht dauerhaft den Wohlstand einer Volkswirtschaft.

Ein dauerhaft gegen Null tendierender Sparzins hätte dabei noch eine weitere wichtige Wirkung.

Der Wert nahezu aller produktiven Sachwerte ergibt sich finanzmathematisch aus den künftig erwarteten Erträgen.

Je höher der risikolose Sparzins ist, desto stärker werden zukünftige Erträge abdiskontiert.

Sinkt der risikolose Sparzins dauerhaft gegen Null, steigt entsprechend der heutige Wert langfristiger Erträge.

Sachwertinvestitionen werden dadurch bereits bei geringeren Renditen wirtschaftlich attraktiv.

Dieser Zusammenhang war bereits Silvio Gesell bekannt. Er verband seine Freigeldidee deshalb mit einer Bodenreform, um übermäßige Bodenwertsteigerungen zu begrenzen.

Aus meiner Sicht liegt das eigentliche Problem jedoch nicht in steigenden Sachwertpreisen.

Problematisch wird es erst dann, wenn der Erwerb bereits vorhandener Sachwerte über günstige Kredite immer weiter gehebelt wird.

Genau dadurch entstehen viele der heute beobachtbaren Preisblasen auf Immobilien- und Finanzmärkten.

Nicht jede Investition erhöht den Wohlstand einer Volkswirtschaft.

Der Kauf einer bereits bestehenden Immobilie verändert zunächst lediglich die Eigentumsverhältnisse.

Der Bau einer neuen Immobilie erhöht dagegen unmittelbar den gesamtwirtschaftlichen Sachvermögensbestand.

Genau diese Unterscheidung sollte künftig auch die Geldpolitik berücksichtigen.


10. Kreditsteuer statt Sparzins

Bereits im Jahr 2012 habe ich deshalb einen Reformvorschlag veröffentlicht.

Sein Grundgedanke ist einfach.

Nicht das Geld soll künstlich entwertet werden.

Nicht Bargeld soll abgeschafft werden.

Nicht der Kapitalmarkt soll ersetzt werden.

Vielmehr sollten die beiden Aufgaben des heutigen Zinssystems erstmals voneinander getrennt werden.

Der Sparzins erfüllt heute gleichzeitig zwei völlig unterschiedliche Funktionen.

Einerseits soll er Geldvermögen verzinsen.

Andererseits dient er den Zentralbanken als Instrument zur Steuerung von Inflation, Kreditnachfrage und Konjunktur.

Diese beiden Aufgaben geraten jedoch zunehmend miteinander in Konflikt.

Steigende Zinsen bremsen zwar die Kreditnachfrage, fördern gleichzeitig aber den weiteren Aufbau von Geldvermögen.

Sinkende Zinsen erleichtern Investitionen, nehmen den Zentralbanken jedoch einen wesentlichen Teil ihrer Steuerungsmöglichkeiten.

Ich schlage deshalb vor, den Sparzins als geldpolitisches Steuerungsinstrument schrittweise durch eine konjunkturabhängig anpassbare Kreditsteuer zu ersetzen.

Der risikolose Anlagerzins würde dauerhaft gegen Null tendieren.

Die Steuerung der Kreditnachfrage würde künftig über die Kreditsteuer erfolgen.

Damit könnte die Zentralbank weiterhin Inflation und Konjunktur beeinflussen, ohne gleichzeitig den Aufbau immer größerer Geldvermögen zu fördern.

Der eigentliche Fortschritt besteht jedoch in einer zweiten Neuerung.

Erstmals könnten Kredite nach ihrem volkswirtschaftlichen Nutzen unterschiedlich behandelt werden.

Produktive Investitionen in neue Wohnungen, Produktionsanlagen, Energieversorgung, Infrastruktur oder Innovation könnten besonders günstig finanziert werden.

Eine junge Familie könnte den Bau oder den erstmaligen Erwerb ihres Eigenheims nahezu zum Bankmargenzins finanzieren.

Der kreditfinanzierte Erwerb bereits vorhandener Immobilien, Grundstücke oder rein spekulativer Finanzanlagen könnte dagegen mit einer deutlich höheren Kreditsteuer belastet werden.

Dadurch würden nicht produktive Investitionen bestraft, sondern kreditfinanzierte Spekulationsblasen bereits an ihrer Entstehung begrenzt.

Der Kapitalmarkt bliebe vollständig erhalten.

Der Wettbewerb um Kapital ebenfalls.

Neu wäre lediglich, dass sich die Finanzierungskosten künftig nicht nur an der Bonität des Kreditnehmers orientieren, sondern erstmals auch an der volkswirtschaftlichen Wirkung der jeweiligen Investition.

Aus Geldsparen würde schrittweise Realsparen.

Kapital würde dorthin fließen, wo neuer Wohlstand entsteht – nicht dorthin, wo sich bestehende Vermögenswerte mit möglichst geringem Risiko immer weiter verteuern lassen.

11. Den Kapitalismus friedenstüchtig weiterentwickeln

Der Kapitalismus hat sich als außergewöhnlich leistungsfähiges Wirtschaftssystem erwiesen.

Keine andere Wirtschaftsordnung hat in vergleichbarer Zeit einen ähnlichen technischen Fortschritt, eine ähnliche Innovationskraft und einen vergleichbaren materiellen Wohlstand hervorgebracht.

Gerade deshalb sollte unser Ziel nicht seine Abschaffung sein.

Unser Ziel sollte seine Weiterentwicklung sein.

Die zentrale Erkenntnis dieses Beitrags lautet:

Globaler Wohlstand entsteht ausschließlich durch den Aufbau von Sachvermögen.

Geldvermögen verteilt lediglich Ansprüche auf dieses Sachvermögen.

Steigt die Geldvermögensbildung dauerhaft schneller als die produktiven Nettoinvestitionen, entstehen zwangsläufig wachsende Verschuldung, Spekulationsblasen oder außenwirtschaftliche Ungleichgewichte.

Historisch wurden solche Spannungen immer wieder durch außergewöhnlich hohe Nettoinvestitionen nach großen Kriegen beendet.

Diese Form der „Problemlösung“ ist mit den Werten einer zivilisierten Gesellschaft selbstverständlich unvereinbar.

Wenn der Kapitalismus dauerhaft auf hohe Nettoinvestitionen angewiesen ist, dann muss es unser gemeinsames Ziel sein, diese Investitionen friedlich zu ermöglichen.

Genau hier setzt der vorgestellte Reformansatz an.

Nicht der Wettbewerb soll abgeschafft werden.

Nicht das Unternehmertum.

Nicht das Privateigentum.

Nicht die Marktwirtschaft.

Verändert werden soll lediglich die geldpolitische Architektur.

Der risikolose Sparzins würde schrittweise durch eine Kreditsteuer ersetzt.

Geldpolitik würde nicht länger überwiegend den Aufbau von Geldvermögen fördern, sondern gezielt produktive Nettoinvestitionen.

Aus Geldsparen würde schrittweise Realsparen.

Kapital würde bevorzugt dorthin fließen, wo neuer Wohlstand entsteht.

Der Kapitalismus bliebe erhalten.

Er würde jedoch stärker auf seine eigentliche Grundlage zurückgeführt:

die Schaffung realer Werte.


Schlussgedanken

Ich erhebe nicht den Anspruch, mit diesem Beitrag die endgültige Lösung gefunden zu haben.

Viele Detailfragen sind offen und verdienen eine sachliche wissenschaftliche Diskussion.

Mein Anliegen besteht vielmehr darin, eine aus meiner Sicht entscheidende Frage neu zu stellen.

Sollte Geldpolitik weiterhin in erster Linie Geldvermögensbildung fördern – oder sollte sie künftig gezielt jene produktiven Nettoinvestitionen unterstützen, von denen unser tatsächlicher Wohlstand abhängt?

Vielleicht liegt genau hier der Schlüssel zu einem Kapitalismus, der wirtschaftlich erfolgreicher, sozial stabiler und friedlicher ist als der heutige.

Wir sprechen derzeit viel über Kriegstüchtigkeit.

Vielleicht sollten wir mindestens ebenso intensiv darüber nachdenken, wie wir unseren Kapitalismus friedenstüchtig machen können.


Persönliches Nachwort

Bereits im Jahr 2012 habe ich einen ersten Reformvorschlag in diese Richtung veröffentlicht, seither sind die Themen weiter eskaliert. Hoffe, dass die Zeit nun dafür reif ist.
https://guthabenkrise.wordpress.com/2012/01/30/ein-grundlegender-losungsansatz-fur-die-systemkrise-notenbanken-werden-zur-monetative/

Dieser Beitrag versteht sich daher nicht als abgeschlossene Theorie, sondern als Einladung zum gemeinsamen Weiterdenken.

Neue Ideen entstehen selten im Konsens.

Sie entstehen dort, wo Menschen bereit sind, scheinbar Selbstverständliches noch einmal grundsätzlich zu hinterfragen.

Ich freue mich deshalb über jede sachliche Kritik, jede Ergänzung und jede wissenschaftliche Diskussion.

Denn wenn dieser Beitrag einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, unseren Kapitalismus friedlicher, stabiler und zukunftsfähiger zu machen, dann hat er seinen Zweck erfüllt.

Version 1.0 – 14. Juli 2026

Dieses Grundlagenpapier versteht sich als Arbeitsfassung. Der Autor freut sich über sachliche Kritik, Hinweise auf Literatur sowie fachliche Gegenargumente. Ziel ist die Weiterentwicklung des Gedankens, nicht seine Verteidigung um jeden Preis.