
Jede Aussage über Mensch und Gesellschaft ist gleichzeitig wahr und unwahr – solange ihre Bezugsebene nicht genannt ist.
Das klingt absurd, denn wir sind gewohnt, gesellschaftliche Aussagen in zwei Kategorien einzuordnen: richtig oder falsch. Doch was, wenn genau darin ein wesentlicher Teil unseres Problems liegt?
Ein Satz kann für den einzelnen Menschen richtig und für die Gesellschaft falsch sein, kurzfristig wahr und langfristig falsch, ökonomisch sinnvoll und sozial problematisch. Auch aus Sicht eines Beteiligten kann etwas richtig erscheinen, das aus Sicht des Gesamtsystems ganz anders bewertet werden muss.
Die Aussage selbst hat sich dabei nicht verändert. Geändert hat sich ihre Bezugsebene.
Das ist eigentlich nichts Neues
Dass Aussagen nur innerhalb bestimmter Bezugssysteme und Gültigkeitsbereiche wahr sind, ist keine neue Erkenntnis. In Mathematik und Naturwissenschaft ist es selbstverständlich, diese zu bestimmen.
Erstaunlich ist etwas anderes:
Warum vergessen wir ausgerechnet bei Mensch und Gesellschaft, die Bezugsebene zu nennen?
Gesellschaftliche Fragen sind selten neutral. Sie berühren unsere Werte, Erfahrungen, Interessen und Identitäten. Wir denken dann nicht nur. Wir fühlen und urteilen.
Die Psychologie beschäftigt sich seit Langem damit, dass Menschen nicht ausschließlich rational urteilen. Besonders anschaulich beschreibt die Transaktionsanalyse unterschiedliche Zustände, aus denen heraus Menschen denken, fühlen und bewerten. Die moderne Kognitionspsychologie zeigt zudem, wie Emotionen, Identität und bereits vorhandene Überzeugungen unsere Informationsverarbeitung beeinflussen.
Vielleicht können wir also durchaus in Ebenen denken – tun es aber gerade bei emotional aufgeladenen gesellschaftlichen Fragen weniger zuverlässig.
Dann wird aus einer Teilwahrheit schnell die ganze Wahrheit, aus richtig und falsch wird gut und böse, aus Positionen werden Lager – und aus Lagern können Feinde werden.
Ein erstaunlich einfaches Beispiel
Einzelwirtschaftlich erscheint uns der Zusammenhang völlig selbstverständlich:
Es ist gut, Geld zu sparen und Vermögen aufzubauen. Schulden dagegen sollten möglichst vermieden werden.
Nun wechseln wir von der einzelwirtschaftlichen auf die gesamtwirtschaftliche Ebene. Dort begegnet uns ein zunächst paradox erscheinender Zusammenhang:
Staatsschuldenwachstum = Nettogeldvermögensbildung der Privaten
Denn die Geldforderung des einen braucht auf der anderen Seite einen Schuldner.
Plötzlich wird sichtbar, warum ein gesellschaftliches Problem scheinbar unlösbar geworden ist: Wir haben versucht, einzelwirtschaftlich vernünftige Vorstellungen gleichzeitig auf die Gesamtwirtschaft zu übertragen.
Wechseln wir die Ebene, verändert sich auch die Frage. Wenn die Nettogeldvermögensbildung begrenzt werden soll, muss deshalb nicht das Sparen begrenzt werden. Wir können Sachwertsparen statt Geldsparen anregen.
Ebene gewechselt. Zusammenhang erkannt. Lösung gefunden.
Und nun können wir mit derselben Methode das nächste scheinbar unlösbare gesellschaftliche Problem untersuchen.
Smith oder Marx?
Seit Jahrhunderten streiten wir darüber, ob Märkte Probleme lösen oder Probleme verursachen.
Adam Smith beschrieb mit der berühmten „unsichtbaren Hand“, wie individuelles Eigeninteresse unter bestimmten Bedingungen gesellschaftlich nützliche Ergebnisse hervorbringen kann. Karl Marx zeigte dagegen systematische Widersprüche, Machtprobleme und Krisentendenzen kapitalistischer Märkte auf.
Was, wenn beide etwas Richtiges erkannt haben?
Dann müssen wir uns nicht mehr entscheiden, ob wir Smith oder Marx glauben. Wir müssen bei einem konkreten Problem nur noch fragen:
Befinden wir uns hier im Gültigkeitsbereich der unsichtbaren Hand – oder in einem Bereich, in dem der Markt versagt?
Damit verändert sich die Auseinandersetzung. Wir müssen weder den Markt zum universellen Problemlöser erklären noch ihn grundsätzlich ablehnen.
Wir können Smith und Marx gleichzeitig ernst nehmen – und ihre Erkenntnisse dort anwenden, wo sie gelten.
Schwierig wird das erst, wenn wir einen von beiden emotional zum Guten und den anderen zum Bösen erklären. Dann wählen wir nicht mehr zwischen Gültigkeitsbereichen, sondern zwischen Lagern.
Nicht: Smith oder Marx?
Sondern: Wo gilt Smith – und wo gilt Marx?
Vielleicht besteht unser Problem also gar nicht darin, dass uns die richtigen gesellschaftlichen Theorien fehlen. Vielleicht können wir sie nicht gemeinsam benutzen, weil wir ihre Urheber zu gegnerischen Lagern gemacht haben.
Der Denktrick
Wir können unsere Emotionen nicht abschalten und sollten es vermutlich auch nicht. Aber vielleicht können wir lernen, unser Urteil für einen Augenblick aufzuschieben.
Immer wenn uns eine gesellschaftliche Aussage spontan völlig falsch erscheint, stellen wir eine zusätzliche Frage:
Auf welcher Ebene könnte sie wahr sein?
Wir suchen ihre Teilwahrheit und bestimmen ihren Gültigkeitsbereich. Dann tun wir dasselbe mit der Gegenposition. Erst danach suchen wir die Synthese.
Widerspruch → Ebenentrennung → Teilwahrheiten → Synthese → Urteil
statt
Widerspruch → Urteil → Lager → Gegner
Das garantiert nicht, dass sich jeder gesellschaftliche Konflikt auflösen lässt. Es ist zunächst nur ein Denktrick – aber einer, den wir ausprobieren können.
Relativität ist nicht Beliebigkeit
Die Relativität gesellschaftlicher Wahrheit bedeutet ausdrücklich nicht: Jeder hat eben seine eigene Wahrheit.
Sie behauptet beinahe das Gegenteil. Eine gesellschaftliche Aussage muss möglichst präzise darauf geprüft werden, auf welcher Bezugsebene und unter welchen Bedingungen sie wahr ist – und wo ihre Wahrheit endet.
Wahrheit wird dadurch nicht beliebiger.
Sie wird genauer.
Vielleicht müssen wir deshalb bei der nächsten politischen Debatte nicht als Erstes fragen:
Wer hat recht?
Sondern:
Auf welcher Ebene hat wer recht?
Und danach kommt die eigentlich interessante Frage:
Welche Synthese löst den Widerspruch auf?
Vielleicht ist das die ganze Idee.
Ebene wechseln. Zusammenhang erkennen. Lösung finden.
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