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Nettoinvestition = Null – brauchen wir wieder Krieg?

Jörg Buschbeck · 9. August 2026

Kapitalismus ist das hochproduktive arbeitsteilige Wirtschaftssystem, in dem vorrangig Unternehmer gegen Gewinnaussichten das Risiko der Vorfinanzierung von Einkommen tragen. Es basiert auf in Eigentum vollstreckbaren Vertragsschulden.

Warum übernehmen Unternehmer dieses Risiko? Weil sie einen Zuwachs ihres Vermögens erwarten. Ohne Gewinnaussichten implodiert deshalb das System.

Woher aber kann der Vermögenszuwachs aller Unternehmen in Summe kommen? Dafür genügt zunächst eine einfache Vermögensgleichung:

Gesamtvermögen = Realvermögen + Geldvermögen


Der Zuwachs des Realvermögens ist die Bruttoinvestition abzüglich des Wertverzehrs des bereits vorhandenen Kapitalstocks, also der Abschreibungen:

Nettoinvestition = Bruttoinvestition – Abschreibungen

Beim Geldvermögen ist es anders. Geldvermögen besteht aus Forderungen gegen andere. Jeder zusätzlichen Forderung steht zwingend eine zusätzliche Verbindlichkeit eines anderen gegenüber.

Für unsere Betrachtung fassen wir alle Wirtschaftsteilnehmer außerhalb des Unternehmenssektors als „Rest der Welt“ zusammen: die inländischen privaten Nichtunternehmer, den Staat und das Ausland. Der Begriff wird hier also bewusst weiter verwendet als in der üblichen volkswirtschaftlichen Statistik, in der „Rest der Welt“ nur das Ausland bezeichnet.

Damit ergibt sich unsere zentrale Formel:

Unternehmensvermögenszuwachs = Nettoinvestition, bereinigt um die Geldvermögensbildung des Rests der Welt

„Bereinigt“ bedeutet dabei, dass der Saldo in beide Richtungen wirken kann. Bildet der Rest der Welt per saldo Geldvermögen, vermindert dies den Vermögenszuwachs des Unternehmenssektors. Verschuldet sich der Rest der Welt dagegen per saldo gegenüber den Unternehmen, erhöht dies deren Vermögenszuwachs.

Also:

Geldvermögensbildung des Rests der Welt → Gewinnreduktion der Unternehmen

Nettoverschuldung des Rests der Welt → Gewinnerhöhung der Unternehmen

Mit dieser einfachen Beziehung lässt sich vielleicht ein wesentlicher Teil der Geschichte des Kapitalismus erklären.

Nachkriegskapitalismus

Krieg vernichtet Menschenleben und Wohlstand. Er vernichtet aber auch einen erheblichen Teil des über Jahrzehnte aufgebauten Kapitalstocks. Nach dem Krieg fehlen Wohnungen, Fabriken, Maschinen und Infrastruktur. Gleichzeitig ist der verbliebene Kapitalstock vergleichsweise klein und damit auch sein laufender Wertverzehr durch Abschreibungen.

Beim Wiederaufbau wird deshalb ein großer Teil der Bruttoinvestitionen tatsächlich zu Nettoinvestitionen. Das Realvermögen wächst schnell und mit ihm das Gewinn- und Vermögenszuwachspotential des Unternehmenssektors.

Nehmen wir ein Beispiel nach dem Krieg – 25% BIP Bruttoinvestition – nur 5% BIP Abschreibung.

20 % BIP Nettoinvestition
– 10 % BIP Geldvermögensbildung des Rests der Welt
= 10 % BIP Unternehmensvermögenszuwachs

Das Geldsparen der Nichtunternehmer ist in dieser Situation keineswegs schädlich. Im Gegenteil: Es hat eine wichtige Funktion. Es reduziert das ansonsten extrem hohe Gewinn- und Vermögenszuwachspotential des Unternehmenssektors.

Hohe Nettoinvestitionen ermöglichen damit gleichzeitig hohe Unternehmensgewinne und eine erhebliche Geldvermögensbildung der Nichtunternehmer.

Das ist der Kapitalismus des Wiederaufbaus.

Spätkapitalismus

Doch der Kapitalismus wird älter. Über Jahrzehnte wächst sein Kapitalstock – und mit ihm wachsen zwangsläufig die Abschreibungen.

Immer größere Teile der Bruttoinvestitionen werden allein dafür benötigt, verschlissene Maschinen, Gebäude und Infrastruktur zu ersetzen. Die Bruttoinvestitionen können weiterhin hoch erscheinen, während die eigentlich entscheidende Größe immer kleiner wird:

Bruttoinvestitionen
– steigende Abschreibungen
= sinkende Nettoinvestitionen

Der Wunsch der privaten Nichtunternehmer nach Einnahmeüberschüssen und zusätzlichem Geldvermögen verschwindet jedoch nicht automatisch mit der Nettoinvestition.

Und Forderungssparen braucht immer einen Schuldner.

Solange die Nettoinvestitionen sehr hoch waren, konnte der Unternehmenssektor diese Verschuldung tragen und trotzdem ausreichende Vermögenszuwächse erzielen. Mit sinkender Nettoinvestition funktioniert das zunehmend schlechter.

Soll trotzdem weiterhin ein ausreichender Unternehmensvermögenszuwachs entstehen und wollen die privaten Nichtunternehmer gleichzeitig Geldvermögen bilden, muss sich ein anderer Teil unseres „Rests der Welt“ umso stärker verschulden.

Diese Rolle übernimmt zunehmend der Staat. Seine Ausgabenüberschüsse ermöglichen die Einnahmeüberschüsse und damit die Geldvermögensbildung anderer.

Aus dem Kapitalismus hoher Nettoinvestitionen wird ein Kapitalismus hoher Staatsschulden.

Vorkriegskapitalismus

Schließlich nähert sich die Nettoinvestition null oder fällt sogar darunter. Der Kapitalstock ist gewaltig und entsprechend groß sind seine Abschreibungen. Ein immer größerer Teil der Bruttoinvestitionen reicht gerade noch aus, um den vorhandenen Kapitalstock zu erhalten.

Nehmen wir den Grenzfall – 20% BIP Bruttoinvestition – 20% BIP Abschreibung:

Nettoinvestition = 0

Wollen die Unternehmen trotzdem beispielsweise einen Vermögenszuwachs von 5 Prozent erzielen, bleibt in unserer Gleichung nur noch die zweite Größe:

0 % BIP Nettoinvestition
+ 5 % BIP Nettoverschuldung des Rests der Welt
= 5 % BIP Unternehmensvermögenszuwachs

Doch die privaten Nichtunternehmer wollen sich in Summe gerade nicht verschulden. Sie wollen weiterhin Einnahmeüberschüsse erzielen und Geldvermögen bilden.

Also müssen sich andere Teile des Rests der Welt umso stärker verschulden.

Im Wesentlichen bleiben dafür zwei Möglichkeiten: der eigene Staat oder das Ausland.

Der Staat kann immer größere Ausgabenüberschüsse fahren und damit die Geldvermögensbildung seiner Bürger und ausreichende Unternehmensgewinne gleichzeitig ermöglichen.

Oder die notwendigen Schuldner werden über dauerhafte Leistungsbilanzüberschüsse im Ausland gesucht. Den eigenen Einnahmeüberschüssen und Forderungen stehen dann zwangsläufig entsprechende Ausgabenüberschüsse und Verbindlichkeiten anderer Volkswirtschaften gegenüber.

Vereinfacht:

sinkende Nettoinvestitionen
+ steigende Verschuldung des Staates oder des Auslands
= weiterhin möglicher Unternehmensvermögenszuwachs

Das kann lange funktionieren. Aber weder eine immer weiter steigende Verschuldung des eigenen Staates noch die dauerhafte Verschuldung anderer Staaten über Leistungsbilanzungleichgewichte ist nachhaltig.

Und genau hier beginnt das Problem des Vorkriegskapitalismus.

Karl Marx beobachtete einen tendenziellen Fall der Profitrate. Spätere sozialistische Theoretiker verbanden die Probleme eines reifen Kapitalismus mit Kapitalexport, Imperialismus und schließlich Krieg. Sie beobachteten damit möglicherweise ein reales Phänomen, konnten es aber noch nicht als einfachen gesamtwirtschaftlichen Zusammenhang von Vermögensbildung, Nettoinvestition und Verschuldung erklären.

Vielleicht liegt dahinter ein viel einfacherer Mechanismus:

wachsender Kapitalstock
→ steigende Abschreibungen
→ sinkende Nettoinvestitionen
→ steigender Verschuldungsbedarf

Und für dieses Problem kennt die Geschichte eine fürchterliche „Lösung“.

Krieg

Krieg zerstört Kapital. Wohnungen, Fabriken, Maschinen und Infrastruktur werden vernichtet. Eine Gesellschaft wird dadurch selbstverständlich nicht reicher. Sie wird ärmer.

Aber nach der Zerstörung entsteht wieder ein gewaltiger Bedarf an zusätzlichem Realvermögen. Wohnungen, Fabriken, Maschinen und Infrastruktur müssen neu geschaffen werden. Aus großen Teilen der Bruttoinvestitionen werden wieder Nettoinvestitionen.

Zerstörung des Kapitalstocks
→ Wiederaufbaubedarf
→ hohe Nettoinvestitionen
→ hohes Gewinn- und Vermögenszuwachspotential

Der Nachkriegskapitalismus kann von vorn beginnen.

Vielleicht ist es deshalb kein Zufall, dass nach großen Zerstörungen immer wieder wirtschaftliche „Wunder“ beobachtet wurden. Nicht weil Krieg Wohlstand schafft – er vernichtet ihn –, sondern weil wir offenbar noch immer nicht gelernt haben, das Problem eines reifen Kapitalismus zu lösen, ohne zuvor einen Teil seines Wohlstands zu zerstören.

Wir brauchen jetzt Krieg

Die deutsche Nettoinvestition der Unternehmen ist 2026 auf Null gefallen. Forderungssparen braucht aber weiterhin Schuldner.

Im Nachkriegskapitalismus war das unproblematisch. Die hohen Nettoinvestitionen erzeugten ein so großes Gewinn- und Vermögenszuwachspotential, dass die Nichtunternehmer gleichzeitig erhebliche Geldvermögen bilden konnten.

Bei einer Nettoinvestition nahe null dreht sich die Situation um. Jetzt braucht ein ausreichender Unternehmensvermögenszuwachs eine entsprechende Nettoverschuldung des Rests der Welt. Da die privaten Nichtunternehmer aber weiterhin Geldvermögen bilden wollen, müssen diese Schulden vor allem der Staat oder das Ausland übernehmen.

Doch weder immer höhere Schulden des eigenen Staates noch eine dauerhafte Verschuldung anderer Staaten können eine nachhaltige Lösung sein.

Damit kommen wir wieder an eine Weggabelung, an der die Menschheit schon mehrfach die falsche Richtung eingeschlagen hat.

Wir brauchen jetzt Krieg. Aber wir können entscheiden, gegen wen oder was wir ihn führen.

Wir können wieder Krieg gegen Menschen und Dinge führen. Wir können Häuser, Fabriken, Maschinen und Infrastruktur zerstören und anschließend beim Wiederaufbau wieder gewaltige Nettoinvestitionen erzeugen.

Oder wir führen Krieg gegen die Unsitte, Sparen mit dem Ansammeln immer neuer Forderungen – also Schuldscheinen Dritter – gleichzusetzen.

Denn:

Geldvermögen des einen = Schulden eines anderen

Eine Gesellschaft als Ganzes wird nicht reicher, indem ihre Mitglieder immer mehr Schuldscheine gegeneinander ansammeln.

Wir müssen deshalb nicht unsere realen Werte zerstören, damit der Kapitalismus wieder von vorn beginnen kann.

Wir müssen lernen, in realen Werten statt in den Schuldscheinen Dritter zu sparen.

Wir können entscheiden:

Krieg gegen Menschen und Dinge – oder Krieg gegen das Sparen in Forderungen.

Mehr zur friedlichen Alternative unter realsparen.de und saldenpolitik.de.

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