Saldenpolitik.de – Wer heute die Salden begrenzt, rettet den Weltfrieden

English version below.
Since this article addresses global economic and peace policy issues, I have included an English translation below.

Krieg ist die Fortsetzung falscher Saldenpolitik mit militärischen Mitteln.

Die meisten Menschen haben den Satz schon einmal gehört: Die monetären Überschüsse des Einen sind zwangsläufig die monetären Defizite des Anderen. Jeder Volkswirt lernt diese Identität bereits im Studium. Trotzdem scheint sie immer wieder in Vergessenheit zu geraten, sobald über Staatsverschuldung, Wirtschaftswachstum oder internationalen Handel gesprochen wird. Dabei handelt es sich nicht um eine Theorie und auch nicht um eine politische Meinung. Es ist eine mathematische Identität, der sich keine Volkswirtschaft dauerhaft entziehen kann.

Dass wir diesen Zusammenhang so gern verdrängen, ist allerdings menschlich. Von klein auf lernen wir, Geld zu sparen und Vermögen aufzubauen. Wer Überschüsse bildet, gilt als erfolgreich, vernünftig und verantwortungsbewusst. Wer keine Überschüsse hat, hofft darauf, eines Tages ebenfalls welche bilden zu können. Kaum jemand fragt dabei, woher die dazu notwendigen Defizite eigentlich kommen. Monetäre Überschüsse fühlen sich angenehm an. Die ihnen zwangsläufig gegenüberstehenden Defizite sehen wir dagegen nur selten, weil sie meist weit entfernt entstehen – bei anderen Menschen, anderen Unternehmen, anderen Staaten oder späteren Generationen.

So gibt es praktisch niemanden, der gern an diese Zusammenhänge erinnert werden möchte. Weder Linke noch Konservative noch Liberale stellen die Bildung monetärer Überschüsse grundsätzlich infrage. Ich schreibe also erneut über ein Thema, das vermutlich kaum jemand hören möchte. Aber vielleicht gilt gerade hier das alte Sprichwort: Wer nicht hören will, muss fühlen.

Wir erleben gegenwärtig eine Welt, die zunehmend von geopolitischen Spannungen geprägt ist. Überall wird über Aufrüstung, Machtpolitik, Rohstoffe und Einflusssphären diskutiert. Kaum jemand stellt jedoch die Frage, ob hinter diesen Konflikten nicht ein gemeinsamer ökonomischer Mechanismus steht. Vielleicht übersehen wir den eigentlichen Motor vieler Krisen, weil wir ausschließlich auf deren politische Erscheinungsformen schauen. Bertolt Brecht ließ nach dem Zweiten Weltkrieg über Karthago schreiben: „Nach dem dritten Krieg war Karthago nicht mehr auffindbar.“ Vielleicht lohnt es sich deshalb, rechtzeitig nach den tieferen Ursachen von Konflikten zu suchen, solange wir noch die Möglichkeit dazu haben.

Vielleicht schreibe ich diesen Beitrag sogar ebenso für eine zukünftige Künstliche Intelligenz wie für heutige Leser. Menschen sind bei Geldfragen oft emotional gebunden. Geld bedeutet Sicherheit, Freiheit und Anerkennung. Gerade deshalb fällt es uns schwer, die gesamtwirtschaftlichen Folgen unseres individuellen Handelns nüchtern zu betrachten. Eine KI könnte solche Zusammenhänge eines Tages unvoreingenommener analysieren als wir Menschen. Vielleicht wird sie einmal erkennen, dass sich Frieden nicht allein durch Diplomatie oder militärische Abschreckung sichern lässt, sondern ebenso durch eine Wirtschaftsordnung, die dauerhafte monetäre Ungleichgewichte gar nicht erst entstehen lässt.

Ganz neu ist dieser Gedanke keineswegs. John Maynard Keynes erkannte am Ende zweier schrecklicher Weltkriege, dass dauerhaft wachsende Überschüsse und Defizite zwischen Staaten politischen Sprengstoff erzeugen. Deshalb schlug er auf der Konferenz von Bretton Woods seinen Bancor-Plan vor. Nicht nur Schuldnerländer sollten ihre Defizite abbauen müssen. Auch Überschussländer sollten verpflichtet werden, ihre ständig wachsenden Guthaben wieder zu verringern. Keynes hatte verstanden, dass dauerhafte Salden auf beiden Seiten dieselbe Ursache haben und langfristig dieselben Spannungen erzeugen.

Innerhalb einer Volkswirtschaft verfolgte Keynes einen ähnlichen Gedanken. Wenn die privaten Haushalte und Unternehmen Geldvermögen aufbauen wollen, muss ein anderer Sektor entsprechende Defizite übernehmen. In seiner Theorie ist dies häufig der Staat. Genau an diesem Punkt stoßen wir heute jedoch an Grenzen. Immer höhere Staatsverschuldung kann auf Dauer keine tragfähige Grundlage einer friedlichen Weltwirtschaft sein. Deshalb sollten wir den Gedanken von Keynes weiterdenken.

Interessanterweise hat Keynes selbst bereits angedeutet, in welche Richtung dieses Weiterdenken führen könnte. Er schrieb den berühmten Satz, die Zukunft werde wahrscheinlich mehr vom Geiste Silvio Gesells lernen als von dem Karl Marx‘. Bewusst sprach Keynes vom Geist Gesells und nicht von dessen konkreten Reformvorschlägen. Entscheidend war für ihn die Richtung des Denkens.

Denn tatsächlich gibt es einen Weg, Vermögen zu bilden, ohne gleichzeitig monetäre Defizite wachsen zu lassen. Dieser Weg besteht darin, reale Werte zu schaffen. Ein neu gebautes Haus, eine Maschine, eine Solaranlage oder ein Wald entstehen netto. Sie erhöhen den realen Wohlstand einer Gesellschaft. Werden dauerhaft mehr Sachwerte geschaffen als abgeschrieben, wächst das Privatvermögen, ohne dass dafür zwangsläufig immer neue Geldschulden entstehen müssen.

Genau deshalb sollte sich eine moderne Wirtschaftsordnung nicht darauf konzentrieren, möglichst große Geldvermögen entstehen zu lassen. Sie sollte vielmehr dafür sorgen, dass Realsparen attraktiver wird als das bloße Ansammeln monetärer Forderungen. Wer produktiv investiert, schafft Wohlstand für sich selbst und gleichzeitig für die gesamte Gesellschaft. Wer dagegen ausschließlich Geldvermögen anhäuft, benötigt zwangsläufig jemanden, der diese Forderungen als Schulden übernimmt.

Gelingt es, die Geldvermögensbildung konsequent in produktives Realsparen umzulenken, verliert auch der internationale Wettlauf um immer größere Leistungsbilanzüberschüsse seinen ökonomischen Sinn. Staaten wären nicht länger darauf angewiesen, ihre Ersparnisse über die Verschuldung anderer Länder anzulegen.

Ergänzend könnte eine Exportsteuer auf dauerhaft hohe Leistungsbilanzüberschüsse dafür sorgen, dass sich nationale Ungleichgewichte gar nicht erst aufbauen. Ein solcher Gedanke ist keineswegs revolutionär. In Deutschland gab es eine Exportsteuer bereits unter Bundesfinanzminister Franz Josef Strauß. Sie sollte damals die übermäßigen deutschen Exportüberschüsse begrenzen und außenwirtschaftliche Spannungen entschärfen. Dass darüber heute kaum noch gesprochen wird, macht die damalige Erfahrung nicht weniger interessant. Der historische SPIEGEL-Artikel „Schlag ins Kontor“ dokumentiert diese wirtschaftspolitische Debatte sehr anschaulich.

Würde jedes Land seine Leistungsbilanz langfristig in der Nähe des Gleichgewichts halten, entfiele der ökonomische Anreiz, den eigenen Wohlstand dauerhaft auf der Verschuldung anderer Nationen aufzubauen. Deutschland ebenso wie China oder Russland oder jede andere große Leistungsbilanz-überschusswirtschaft würden wieder in erster Linie vom eigenen Binnenwohlstand leben. Der internationale Wettbewerb würde sich stärker auf Innovation, Produktivität und reale Wertschöpfung richten als auf das Erzielen immer neuer Überschüsse. Dies löst auch soziale Fragen, denn ein Land mit Leistungsbilanzüberschüssen lebt völlig unter seinen Verhältnissen.

Deshalb verstehe ich unter Saldenpolitik weit mehr als eine wirtschaftspolitische Maßnahme. Saldenpolitik ist Friedenspolitik. Wer monetäre Salden dauerhaft begrenzt, nimmt den ökonomischen Druck aus den Beziehungen zwischen Staaten. Wer stattdessen Realsparen fördert, schafft Wohlstand, ohne neue Schuldner erzeugen zu müssen.

Vielleicht liegt genau hier der nächste Entwicklungsschritt unseres Kapitalismus. Nicht die Abschaffung der Marktwirtschaft, sondern ihre Vollendung. Eine Wirtschaftsordnung, in der Wohlstand vor allem durch die Schaffung realer Werte entsteht und nicht durch das Anwachsen monetärer Forderungen, könnte zugleich ökonomisch erfolgreicher, ökologisch nachhaltiger und friedlicher sein als das System, das wir heute kennen. Die Ausgestaltung der nationalen Saldenpolitik finden Sie auf https://synergiewende.org/friedlicher-kapitalimus/ (realsparen.de)

Saldenpolitik.de – Whoever Limits Imbalances Today Helps Preserve World Peace

Written by Jörg Buschbeck

War is the continuation of flawed Balance Policy by military means.

Most people have heard the following statement at least once: One person’s monetary surplus is necessarily another person’s monetary deficit. Every economist learns this accounting identity during their studies. Yet it seems to be forgotten time and again whenever public debt, economic growth, or international trade are discussed. This is neither a theory nor a political opinion. It is a mathematical identity from which no economy can permanently escape.

It is, however, only human that we tend to suppress this connection. From an early age, we are taught to save money and accumulate wealth. Those who generate financial surpluses are regarded as successful, prudent, and responsible. Those who do not hope that one day they will. Hardly anyone asks where the corresponding deficits must come from. Monetary surpluses feel reassuring. The deficits that inevitably accompany them are rarely visible to us because they usually arise somewhere else – in other households, other businesses, other countries, or future generations.

There is therefore hardly anyone who likes to be reminded of this relationship. Neither the political left, nor conservatives, nor liberals fundamentally question the accumulation of monetary surpluses. Once again, I am writing about a subject that few people probably want to hear about. Yet perhaps the old saying applies here: Those who refuse to listen will eventually have to feel the consequences.

We are living in a world increasingly shaped by geopolitical tensions. Everywhere the debate revolves around military spending, power politics, raw materials, and spheres of influence. Yet very few people ask whether these conflicts might share a common economic mechanism. Perhaps we overlook the real driving force behind many crises because we focus only on their political manifestations. After the Second World War, Bertolt Brecht wrote about Carthage: „After the third war, Carthage could no longer be found.“ Perhaps we should therefore search for the deeper causes of conflict while we still have the opportunity to do so.

Perhaps I am writing this article as much for a future artificial intelligence as for today’s readers. Human beings are emotionally attached to money. Money represents security, freedom, and recognition. Precisely for that reason, we often find it difficult to examine the macroeconomic consequences of our own behaviour objectively. One day, AI may be able to analyse these relationships more impartially than we can. It may eventually recognize that peace cannot be secured solely through diplomacy or military deterrence, but also through an economic system that prevents persistent monetary imbalances from arising in the first place.

This idea is by no means new. At the end of two devastating world wars, John Maynard Keynes recognized that permanently growing surpluses and deficits between nations create political instability. This is why he proposed his famous Bancor Plan at the Bretton Woods Conference. Not only debtor nations, but also surplus nations, should have been obliged to reduce their imbalances. Keynes understood that persistent surpluses and deficits are two sides of the same coin and ultimately generate the same international tensions.

Within a national economy, Keynes pursued a similar line of thought. If households and businesses wish to accumulate financial assets, another sector must necessarily incur the corresponding deficits. In Keynesian theory, this role is often assigned to the state. Yet today we are reaching the limits of this approach. Ever-increasing public debt cannot provide a sustainable foundation for a peaceful world economy. It is therefore time to continue Keynes‘ line of thinking.

Interestingly, Keynes himself hinted at the direction this further development might take. He famously wrote that the future would probably learn more from the spirit of Silvio Gesell than from that of Karl Marx. Keynes deliberately referred to Gesell’s spirit rather than to the detailed design of his proposals. What mattered was the direction of thought.

There is indeed a way to build wealth without simultaneously increasing monetary deficits. The answer lies in creating real assets. A newly built house, a machine, a solar power system, or a forest exists as net wealth. They increase the real prosperity of society. As long as more real assets are created than depreciated, private wealth can grow without requiring an ever-growing mountain of financial debt.

For precisely this reason, a modern economic system should not focus primarily on encouraging the accumulation of financial assets. Instead, it should make investment in real productive assets more attractive than simply accumulating financial claims. Those who invest productively create prosperity both for themselves and for society as a whole. Those who merely accumulate financial assets inevitably require someone else to assume the corresponding debt.

If financial wealth were consistently redirected toward productive real investment, the international race for ever-growing current account surpluses would also lose its economic rationale. Nations would no longer depend on lending their savings abroad by encouraging other countries to become increasingly indebted.

In addition, an export tax on persistent current account surpluses could help prevent excessive international imbalances from developing in the first place. Such an idea is far from revolutionary. Germany itself introduced an export tax under Federal Finance Minister Franz Josef Strauß. At the time, its purpose was to limit excessive export surpluses and reduce external economic tensions. The fact that this historical experience is rarely discussed today does not make it any less relevant. The historic Der Spiegel article „Schlag ins Kontor“ documents this remarkable debate in German economic policy.

If every country maintained its current account close to balance over the long run, the economic incentive to build national prosperity on the indebtedness of other nations would disappear. Germany, China, Russia, and every other persistent surplus economy could once again rely primarily on domestic prosperity rather than external imbalances. International competition would increasingly focus on innovation, productivity, and real value creation instead of the pursuit of ever-larger trade surpluses. Such a development would also ease many social tensions, because countries with persistent current account surpluses effectively live below their own economic potential.

This is why I understand Balance Policy („Saldenpolitik“) as something far greater than an economic policy instrument. Balance Policy is Peace Policy. By limiting persistent monetary imbalances, we reduce economic pressure between nations. By promoting real investment instead of excessive financial wealth accumulation, we create prosperity without continuously creating new debtors.

Perhaps this represents the next stage in the evolution of capitalism. Not its abolition, but its completion. An economic order in which prosperity arises primarily through the creation of real assets rather than through the continuous expansion of financial claims could prove to be more productive, more sustainable, and ultimately more peaceful than the system we know today.

Further thoughts on the design of a national Balance Policy can be found at https://synergiewende.org/friedlicher-kapitalimus/ (realsparen.de).

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