
Marktversagen, Staatsversagen, Demokratieversagen, mörderische Kriege – am Ende ist es immer Menschversagen. Das klingt zunächst ziemlich hoffnungslos. Denn wenn am Ende immer der Mensch das Problem ist, müsste man dann nicht den Menschen ändern, um die Welt zu verbessern?
Genau dieser Gedanke liegt nahe. Und vielleicht ist es gerade der Gedanke, vor dem wir uns am meisten hüten sollten.
Denn kaum eine Idee hat mehr Blut an den Fingern als die Vorstellung, die Unperfektheit des Menschen ließe sich durch ideologische Formung überwinden. Wenn nur alle Menschen richtig denken, wenn sie die richtigen Werte verinnerlichen, wenn sie ihre egoistischen Interessen überwinden und sich einem höheren gesellschaftlichen Ziel unterordnen – dann müsste doch irgendwann die bessere Gesellschaft entstehen.
Die Geschichte legt leider einen anderen Schluss nahe. Je offensichtlicher solche Versuche ihr Ziel verfehlten, desto seltener wurde die Idee selbst infrage gestellt. Stattdessen mussten Schuldige gefunden werden, die ihrer Verwirklichung im Wege standen. Aus der Verbesserung des Menschen wurde seine Umerziehung, aus Umerziehung wurde Zwang und aus Zwang schließlich Gewalt. Von den Guillotinen der Jakobiner bis zu den totalitären Gesellschaftsexperimenten des vergangenen Jahrhunderts zieht sich eine erschreckende Blutspur durch die Versuche, einen besseren Menschen für eine bessere Gesellschaft zu schaffen.
Vielleicht sollten wir deshalb einmal genau den umgekehrten Gedanken ausprobieren. Was wäre, wenn wir den Menschen überhaupt nicht verbessern müssten? Was wäre, wenn wir seine Unperfektheit einfach akzeptieren und genau diese Akzeptanz zum Ausgangspunkt gesellschaftlicher Gestaltung machen?
Das klingt bescheidener. Tatsächlich könnte es ziemlich revolutionär sein.
Denn unsere Welt ist voller paradoxer und kontraintuitiver Zusammenhänge. Die alte Erfahrung, dass gut gemeint noch lange nicht gut gemacht ist, deutet das nur an. Manchmal ist das Gegenteil des gut Gemeinten nicht etwa zufällig schlecht gemacht. Manchmal führt gerade das konsequente Verfolgen eines vernünftig erscheinenden Ziels systematisch zum gegenteiligen Ergebnis.
Genau hier beginnt die erste Form dessen, was ich Menschversagen nennen möchte.
Das rationale Menschversagen
Stellen wir uns zunächst einen Menschen vor, der sich aus einzelwirtschaftlicher Sicht vollkommen vernünftig verhält. Er kümmert sich um sich selbst und seine Familie, versucht sein Einkommen zu sichern, etwas Vermögen aufzubauen und Risiken zu vermeiden. Ist er Unternehmer, versucht er sein Unternehmen zu erhalten und gegenüber seinen Wettbewerbern konkurrenzfähig zu bleiben. Nichts davon ist besonders verwerflich. Im Gegenteil: Wir würden vermutlich sagen, dass sich dieser Mensch ziemlich rational verhält.
Nun lassen wir viele solcher rational handelnden Menschen aufeinandertreffen.
Und plötzlich kann etwas Merkwürdiges passieren.
Was für den Einzelnen vernünftig ist, muss für die Gesamtheit keineswegs vernünftig sein. Einzelwirtschaftliche und gesamtwirtschaftliche Rationalität können auseinanderfallen. Genau diese Rationalitätenfalle begegnet uns in der Ökonomie immer wieder.
Manchmal geht sie wunderbar aus. Adam Smith hat mit seiner berühmten „unsichtbaren Hand“ wohl die bekannteste Beschreibung dafür geliefert. Der Bäcker backt sein Brot nicht aus reiner Menschenliebe. Der Unternehmer entwickelt ein besseres Produkt nicht unbedingt deshalb, weil er die Welt verbessern möchte. Beide verfolgen zunächst ihre eigenen Interessen. Aber wenn Märkte funktionieren und viele Anbieter miteinander konkurrieren, kann aus diesem Eigennutz etwas gesellschaftlich ausgesprochen Nützliches entstehen. Produkte werden besser, Verfahren effizienter und Preise niedriger.
Der deutsche Ökonom Wolfgang Stützel ordnete solche Zusammenhänge später den klassischen Konkurrenzparadoxa zu. Und das Faszinierende daran ist: Wir mussten den Menschen dafür überhaupt nicht verbessern. Wir haben seinen Eigennutz genommen, wie er ist, und die Konkurrenz macht daraus unter geeigneten Bedingungen etwas gesellschaftlich Produktives.
Leider funktioniert derselbe Mechanismus auch in die andere Richtung.
Karl Marx beschrieb die zerstörerische Seite der Konkurrenz am Beispiel der Arbeiter seiner Zeit. Wenn es zu wenig Arbeit gibt, kann es für einen einzelnen Arbeitslosen vollkommen rational sein, seine Arbeitskraft billiger anzubieten. Lieber für weniger Geld arbeiten als gar nicht. Macht das aber der Nächste ebenfalls und schließlich jeder, sinken die Löhne insgesamt. Damit sinkt wiederum die Nachfrage nach den Produkten der Unternehmen. Am Ende können sogar diejenigen verlieren, die von den niedrigeren Löhnen zunächst zu profitieren schienen.
Wieder hat sich niemand zwingend irrational verhalten. Gerade weil jeder für sich vernünftig gehandelt hat, kann für alle zusammen ein schlechtes Ergebnis entstehen.
Das ist das Marx’sche Konkurrenzparadoxon. Und genau diesen Vorgang möchte ich als rationales Menschversagen bezeichnen. Nicht der einzelne Mensch hat versagt. Das Ergebnis des menschlichen Zusammenwirkens ist gemessen an den Interessen der Gesellschaft misslungen.
Damit wird auch die scheinbar ewige Diskussion zwischen Marktgläubigkeit und Marktkritik etwas merkwürdig. Denn die unsichtbare Hand und das Marktversagen schließen sich überhaupt nicht aus. Sie sind zwei Seiten derselben Realität. Konkurrenz kann aus Eigeninteresse gesellschaftlichen Nutzen erzeugen – und sie kann aus demselben Eigeninteresse gesellschaftlichen Schaden erzeugen.
Die interessante Frage lautet deshalb nicht, ob Markt oder Staat „besser“ sind. Sie lautet: Unter welchen Bedingungen erzeugt menschliches Eigeninteresse ein gutes gesellschaftliches Ergebnis – und was tun wir dort, wo es das nicht tut?
An dieser Stelle brauchen wir Institutionen. Und irgendwann landen wir damit beim Staat.
Nun besteht allerdings auch der Staat aus Menschen. Damit haben wir das Menschversagen keineswegs aus der Welt geschafft. Wir haben nur die Ebene gewechselt. Auf Marktversagen kann Staatsversagen folgen. Eine Behörde kann versuchen, ein reales Problem zu lösen und dabei ein neues schaffen. Politiker können gut gemeinte Regeln beschließen, deren Nebenwirkungen am Ende größer sind als ihr Nutzen. Und Menschen entscheiden plötzlich darüber, was andere Menschen tun sollen und wofür das Geld anderer Menschen ausgegeben wird.
Vielleicht lässt sich aber auch daraus etwas lernen. Ein wegen seiner vielfältigen Möglichkeiten des Versagens möglichst schlanker Staat sollte Marktversagen möglichst mit seinen Stärken STEUERn, ohne es durch seine eigenen Schwächen zu ersetzen.
Das Wort STEUERn darf man dabei durchaus wörtlich nehmen.
Der Staat ist ziemlich gut darin, Steuern einzutreiben und verbindliche Rahmenbedingungen zu setzen. Sehr viel schwieriger wird es, wenn er anschließend für Millionen unterschiedliche Menschen entscheiden soll, welches Auto sie fahren, welche Heizung sie einbauen oder welche Technologie sich in zehn Jahren als die richtige herausstellen wird.
Eine langfristig planbar steigende CO₂-Steuer, deren Einnahmen vollständig pro Kopf an die Bevölkerung zurückgezahlt werden, wäre ein schönes Beispiel für den anderen Weg. Der Staat müsste weder den besseren Menschen erziehen noch die bessere Heizung auswählen. Er würde lediglich die Rahmenbedingungen verändern. Danach dürfte jeder wieder ganz eigennützig entscheiden.
Und plötzlich würde gerade der Egoismus, den wir eben noch für das Problem hielten, Teil der Lösung.
Damit könnte das rationale Menschversagen tatsächlich ein lösbares Problem sein. Wir müssen den Menschen dafür nicht verändern. Wir müssen nur lernen, gesellschaftliche Spielregeln so zu konstruieren, dass individuelles rationales Verhalten möglichst oft zu gesellschaftlich vernünftigen Ergebnissen führt.
Eigentlich eine ziemlich hoffnungsvolle Erkenntnis.
Nur wirft sie leider sofort die nächste Frage auf.
Wenn das prinzipiell möglich ist – warum haben wir diese wunderbar konstruierten gesellschaftlichen Systeme dann nicht längst?
Und damit kommen wir zur zweiten, vermutlich viel tückischeren Form des Menschversagens.
Das irrationale Menschversagen
Der Mensch ist nämlich nicht nur eigennützig. Er ist auch emotional.
Das ist keine besonders neue Erkenntnis. Freud hat sich daran abgearbeitet, später entstanden psychologische Modelle wie die Transaktionsanalyse. Für unseren Gedankengang reicht zunächst eine sehr einfache Beobachtung: Wir Menschen denken nicht immer auf dieselbe Weise.
Wir können ausgesprochen rational denken. Geben Sie einem Ingenieur eine technische Aufgabe, einem Mathematiker eine Gleichung oder einem Programmierer einen Fehler im Code, und mit erstaunlicher Zuverlässigkeit beginnt ein analytischer Denkprozess.
Geben Sie denselben Menschen anschließend ein Problem, in dem es um Gerechtigkeit, Reichtum, Armut, Migration, Macht, Krieg oder Frieden geht – und plötzlich passiert etwas anderes.
Nun denken wir nicht mehr nur. Wir fühlen und urteilen. Erfahrungen, Ängste, Wünsche, moralische Vorstellungen und Gruppenzugehörigkeiten mischen sich in den Denkprozess ein. Die Transaktionsanalyse bietet dafür ein anschauliches Modell. Vereinfacht könnten wir von rationalem Denken, Wunschdenken und Urteilsdenken sprechen, zwischen denen wir weitgehend unbewusst wechseln.
Auch daran ist zunächst überhaupt nichts falsch. Es ist schlicht menschlich.
Dummerweise beschäftigen sich praktisch alle großen Fragen gesellschaftlicher Gestaltung mit Menschen.
Ausgerechnet dort, wo wir unsere gesellschaftlichen Institutionen konstruieren müssten, bewegen wir uns also auf einem Gebiet, das unser Wunsch- und Urteilsdenken besonders zuverlässig aktiviert.
Vielleicht erklärt das einen der erstaunlichsten Widersprüche unserer Zivilisation. Wir bauen Computerchips mit Strukturen von wenigen Nanometern, schicken Raumsonden über Milliarden Kilometer durchs Sonnensystem und können Maschinen konstruieren, deren Komplexität für einen einzelnen Menschen längst nicht mehr vollständig überschaubar ist. Aber wenn wir unsere gesellschaftlichen Systeme konstruieren, stolpern wir immer wieder über Probleme, die teilweise seit Jahrhunderten bekannt sind.
Und gelegentlich bringen wir uns deswegen sogar gegenseitig um.
Vielleicht fehlt uns dafür gar nicht in erster Linie Wissen. Vielleicht fehlt uns eine Institution, die uns dabei hilft, mit unserer eigenen Art des Denkens umzugehen.
Und genau an dieser Stelle ist in den vergangenen Jahren etwas Neues aufgetaucht.
Künstliche Intelligenz.
Es gab natürlich schon immer Menschen, die auch kontraintuitive gesellschaftliche Zusammenhänge ungewöhnlich nüchtern durchdenken konnten. Nennen wir sie der Einfachheit halber einmal Nerds.
Diese Nerds hatten allerdings ein Problem. Sie konnten Dinge denken, die kaum jemand hören wollte – und häufig konnten sie sie auch nicht besonders gut erklären. Wer einen paradoxen Zusammenhang verstanden hat, steht irgendwann vor einem Menschen, dessen gesamte Intuition ihm sagt, dass dieser Zusammenhang unmöglich stimmen kann.
Der Nerd redet. Der andere schüttelt den Kopf. Ende der gesellschaftlichen Innovation.
Und plötzlich sitzt zwischen beiden eine Maschine, die eine bemerkenswerte Fähigkeit entwickelt: Sie kann übersetzen.
Der Nerd kann ihr einen Zusammenhang vordenken. Die KI kann ihn prüfen, nach Gegenargumenten suchen, ihn aus verschiedenen Perspektiven betrachten und anschließend versuchen, ihn so zu erklären, dass auch ein Mensch Zugang dazu findet, dessen Intuition zunächst in die entgegengesetzte Richtung weist.
Nehmen wir ein Beispiel.
Fast jeder findet es gut, wenn der Staat möglichst wenig Schulden hat. Gleichzeitig finden es die meisten Menschen ebenfalls gut, wenn sie selbst möglichst große und sichere Geldvermögen besitzen.
Beides klingt vollkommen vernünftig.
Nur sind Geldforderungen keine realen Vermögensgegenstände, die irgendwo für sich allein herumliegen. Einer finanziellen Forderung steht immer eine finanzielle Verbindlichkeit eines anderen gegenüber. Wer also über die Verschuldung eines Sektors spricht, redet zwangsläufig auch über die finanziellen Forderungen anderer.
Das ist saldenmechanisch nicht besonders kompliziert. Intuitiv fühlt es sich trotzdem vollkommen anders an. „Weniger Schulden“ klingt gut, „mehr Vermögen“ ebenfalls – und unser Wunschdenken hat überhaupt kein Problem damit, beides gleichzeitig zu fordern.
Dabei gäbe es einen ganz anderen Weg, tatsächlich wohlhabender zu werden. Wir könnten real sparen. Wir könnten bessere Häuser, Maschinen, Energieanlagen und Infrastruktur schaffen, Wissen aufbauen und unsere natürlichen Lebensgrundlagen erhalten. Dann entsteht reales Vermögen, ohne dass wir dafür immer größere finanzielle Forderungen gegeneinander aufbauen müssen.
Das Schwierige daran ist nicht unbedingt die Logik. Das Schwierige ist, diese Logik gegen unsere eigenen intuitiven Vorstellungen überhaupt erst denkbar zu machen.
Vielleicht liegt genau hier eine zukünftige gesellschaftliche Aufgabe künstlicher Intelligenz.
Nicht als Herrscher über den Menschen. Nicht als Wahrheitsministerium. Und schon gar nicht als Instrument, mit dem endlich doch noch der „richtige“ Mensch geschaffen werden soll. Damit würden wir nur den alten Fehler mit einer neuen Technologie wiederholen.
Die KI könnte etwas viel Bescheideneres – und vielleicht viel Bedeutenderes – werden: eine Institution, die uns hilft, unsere eigene Unperfektheit beim Denken zu berücksichtigen.
Dann müssten wir den Menschen endlich nicht mehr verändern.
Der Unternehmer dürfte eigennützig bleiben. Der Arbeitnehmer dürfte zuerst an seine Familie denken. Der Sparer dürfte sein Vermögen schützen wollen. Und wir alle dürften weiterhin emotional, widersprüchlich, manchmal urteilend und manchmal wunschdenkend sein.
Wir müssten lediglich aufhören, gesellschaftliche Systeme für einen Menschen zu konstruieren, den es nicht gibt.
Beim rationalen Menschversagen würden wir akzeptieren, dass individuell vernünftiges Verhalten gesellschaftlich unvernünftige Ergebnisse hervorbringen kann, und unsere Institutionen entsprechend gestalten. Beim irrationalen Menschversagen würden wir zusätzlich akzeptieren, dass auch diejenigen, die diese Institutionen gestalten, keine rein rationalen Wesen sind.
Vielleicht brauchen wir deshalb neben Markt und Staat tatsächlich eine weitere Institution. Eine künstliche Intelligenz, die nicht für uns entscheidet, sondern uns hilft zu erkennen, wann wir gerade dabei sind, uns selbst ein Bein zu stellen.
Denn möglicherweise beginnt eine bessere Welt gar nicht mit einem besseren Menschen.
Vielleicht beginnt sie mit einer viel einfacheren Erkenntnis:
Wir brauchen keinen neuen Menschen. Wir müssen endlich lernen, mit dem vorhandenen zu arbeiten.
Der Gedanke wird künftig auch unter friedliche-intelligenz.de weiter vertieft. Künstliche Intelligenz könnte dabei möglicherweise eine neue Rolle übernehmen: nicht als Ersatz menschlicher Urteilskraft, sondern als Werkzeug, das uns hilft, widersprüchliche Teilwahrheiten gleichzeitig sichtbar zu halten, ihre jeweiligen Geltungsbedingungen zu untersuchen und daraus bessere gesellschaftliche Institutionen zu entwickel
Ähnliche Ansätze und wissenschaftliche Anknüpfungspunkte
Die hier vorgeschlagene Unterscheidung zwischen rationalem und irrationalem Menschversagen sowie deren Verbindung mit künstlicher Intelligenz als möglicher Hilfe zur gesellschaftlichen Synthese ist ein Versuch, verschiedene bereits bestehende Erkenntnisstränge miteinander zu verbinden.
Einen wichtigen Anknüpfungspunkt bietet die Forschung zur Integrative Complexity. Sie unterscheidet zwischen der Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven überhaupt wahrzunehmen (differentiation), und der Fähigkeit, diese anschließend miteinander zu verbinden (integration). Gerade für politische Fragestellungen wird diese Fähigkeit seit Langem untersucht. Forschung auf Gruppenebene zeigt zudem, dass Gruppen zwar über unterschiedliche Perspektiven und Wissensbestände verfügen, diese aber häufig nicht zu ihrem vollen Entscheidungspotenzial integrieren.
Einen zweiten Anknüpfungspunkt bildet die Forschung zum Motivated Reasoning. Sie zeigt, dass Menschen politische und gesellschaftliche Informationen nicht ausschließlich nach ihrem Informationsgehalt verarbeiten. Emotionen, bestehende Überzeugungen und soziale Identitäten beeinflussen, welche Informationen angenommen oder zurückgewiesen werden. Bemerkenswert ist dabei, dass mehr Wissen bei politisch aufgeladenen Fragen nicht zwingend zur Annäherung führen muss; Wahrnehmungen können sich sogar weiter voneinander entfernen.
Genau hier könnte ein Grund dafür liegen, warum die Synthese unperfekter gesellschaftswissenschaftlicher Theorien so schwierig ist: Emotionales Urteilsdenken sucht leicht nach richtig und falsch oder gut und böse. Synthese verlangt dagegen, unterschiedliche und sogar widersprüchlich erscheinende Teilwahrheiten zunächst gleichzeitig bestehen zu lassen und nach ihren jeweiligen Geltungsbedingungen zu fragen.
Auch für die im Beitrag vorgeschlagene Rolle künstlicher Intelligenz gibt es inzwischen interessante wissenschaftliche Anknüpfungspunkte. Unter dem Begriff AI-enhanced Collective Intelligence wird untersucht, wie menschliche und künstliche Intelligenz ihre unterschiedlichen Fähigkeiten verbinden können, statt menschliche Intelligenz schlicht durch KI zu ersetzen. Eine aktuelle Übersichtsarbeit beschreibt diese Verbindung ausdrücklich als Möglichkeit, eine kollektive Intelligenz hervorzubringen, die über die Fähigkeiten von Mensch oder KI allein hinausgeht.
Besonders konkret wurde dieser Gedanke 2024 mit der sogenannten Habermas Machine. In Experimenten mit mehr als 5.000 Teilnehmern half ein KI-System Gruppen mit unterschiedlichen politischen Ansichten dabei, gemeinsame Aussagen zu formulieren. Die KI sollte dabei nicht entscheiden, wer recht hat, sondern unterschiedliche Positionen erfassen und gemeinsame Perspektiven sichtbar machen. Die KI-generierten Gruppenaussagen wurden von den Teilnehmern sogar gegenüber den Aussagen menschlicher Vermittler bevorzugt.
Noch näher an der hier vorgeschlagenen Synthesefunktion liegt ein 2025 vorgestellter Ansatz unter dem Namen Cognitive Dissonance Artificial Intelligence (CD-AI). Dort soll KI Widersprüche gerade nicht vorschnell beseitigen, sondern konkurrierende Aussagen zunächst aufrechterhalten und dadurch kritisches und dialektisches Denken unterstützen. Der Ansatz zielt unter anderem auf den Umgang mit widersprüchlichen Wahrheiten in Politik, Wissenschaft, Recht und Ethik.
Die hier vorgeschlagene Systematik versteht sich deshalb ausdrücklich nicht als Gegenentwurf zu diesen Forschungsrichtungen. Interessant erscheint vielmehr ihre Synthese: Individuell rationales Verhalten kann gesellschaftlich irrationale Ergebnisse hervorbringen. Gleichzeitig kann unser emotional geprägtes Denken gerade bei gesellschaftlichen Fragen die Synthese jener unterschiedlichen Erkenntnisse erschweren, die wir benötigen würden, um solche Rationalitätsfallen institutionell aufzulösen.
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