
Die AfD ist die Partei gewordene Antithese zur 68er-Republik.
Deren untergehenden Zeitgeist habe ich Wokisto getauft. Denn er ist das perfekte Gegenstück zu Mephisto aus Goethes Faust.
Mephisto beschreibt sich als:
„Ein Teil von jener Kraft,
die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“
Das beschreibt im Prinzip sogar die unsichtbare Hand des Marktes, genauer das klassische Konkurrenzparadoxon: Der Einzelne verfolgt seinen eigenen Vorteil – und gerade daraus kann ein gutes Ergebnis für das Ganze entstehen.
Für Wokisto passt nun das Gegenteil:
„Ich bin ein Teil von jener Kraft,
die stets das Gute will und Böses schafft.“
Damit ist das Elend von Wokisto-Land eigentlich schon hinreichend beschrieben. Alles ist gut gemeint. Aber immer weniger ist gut gemacht. Und irgendwann genügt die gute Absicht nicht mehr, wenn die Ergebnisse nicht stimmen.
Der Sieg des Wokisto
Wokisto ist der alte Zeitgeist der Bundesrepublik. Sein historisches Vorbild ist Rudi Dutschke.
Der wollte den „langen Marsch durch die Institutionen“. Und wenn wir die heutige Republik betrachten, könnte man polemisch sagen:
Er hat gewonnen.
Die Ideen der 68er sind längst nicht mehr nur die Antithese zum damaligen Establishment. Sie sind selbst in den Institutionen angekommen. Aus der Antithese wurde die These. Aus dem Protest gegen den herrschenden Zeitgeist wurde ein neuer herrschender Zeitgeist.
Spätestens seit 2015, der Merkel-Kapitulation vor seinen Institutionen, ist Wokisto aus meiner Sicht komplett allein an der Macht. Ehemalige Gegner haben ihm sogar dabei geholfen, wie schon in der ersten Wokisto-Republik einen verlogenen „antifaschistischen Schutzwall“ zu bauen.
Und genau damit beginnt Wokistos Tragödie.
Er hat sich zu Tode gesiegt.
Denn in dem Moment, in dem seine Ideen selbst zum Stand der Gesellschaftstechnik werden, müssen sie sich nicht mehr nur an ihren guten Absichten messen lassen, sondern an ihren Ergebnissen.
Und nun werden auch ihre Schattenseiten sichtbar.
Der einstige Revolutionär wird damit zum Wahlverlierer seines eigenen Sieges. Nicht unbedingt, weil alles falsch war, was er wollte. Sondern weil auch seine Wahrheit nur eine Teilwahrheit war.
Aus Wokisto wird Narzissto
Wokisto ist inzwischen so verlottert wie am Ende der ersten deutschen Wokisto-Republik.
Dabei war er einmal Idealist. Er kommt aus der Friedens- und Antikriegsbewegung. Er wollte eine menschlichere, friedlichere und gerechtere Gesellschaft.
Heute lässt er sich mit einfachen „Gut gemeint“-Geschichten sogar vor den Karren des militärisch-industriellen Komplexes spannen.
Damit ist Wokisto für mich moralisch völlig delegitimiert.
Aber er hat ein Problem: Er kann seine eigenen Schattenseiten nicht anschauen. Der gute Zweck gehört zu seinem Selbstbild. Deshalb fällt es ihm so schwer, sich einzugestehen, dass aus guten Absichten schlechte Ergebnisse entstehen können.
Aus Wokisto wird:
Narzissto – die Verfallsform von Wokisto.
Und Narzissto reagiert auf die Kritik seiner Ergebnisse nicht mehr mit Selbstreflexion, sondern mit moralischem Urteil über seine Kritiker.
Und jetzt kommen die Blauen
Die Blauen sind nun also Mephistos Partei – ja, eine teuflische Partei.
Wir sollten sie aber zunächst als das begreifen, was sie ist:
die Partei gewordene Antithese zu Wokisto.
Die Antithese ist nicht die Lösung. Aber sie ist für die Lösung – die Synthese – unbedingt nötig. Einfach weil sie die Schwächen Wokistos sichtbar macht.
Genau deshalb halte ich es für einen fundamentalen Fehler, diese Antithese einfach zu delegitimieren.
Man muss ihre Antworten nicht für richtig halten. Man muss noch nicht einmal ihre Kritik für richtig halten. Aber man muss ihre Kritik zulassen, wenn man herausfinden will, was an der eigenen These falsch sein könnte.
Wokisto braucht Mephisto.
Nicht damit Mephisto gewinnt.
Sondern damit aus beiden endlich etwas Neues entstehen kann.
Wokisto wird Zielminister
Denn es wird einen neuen Zeitgeist geben. Und wenn wir es vernünftig anstellen, wird er weder Wokisto noch Mephisto heißen.
Hegel hatte dafür einen wunderbaren Begriff:
Aufhebung.
Das Bestehende wird nicht einfach vernichtet. Etwas wird bewahrt, etwas überwunden – und auf einer neuen Ebene entsteht etwas Neues.
Genau das könnte mit Wokisto passieren.
Wokisto wird vom Meinungsdiktator zum Zielminister degradiert.
Seine Ziele verschwinden nämlich nicht: Frieden, Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Schutz der Schwächeren und Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen.
Im Gegenteil: Viele dieser Ziele sind es wert, bewahrt zu werden.
Was verschwindet, ist der Anspruch, dass der gute Wille bereits den richtigen Weg garantiere.
Wokisto darf also weiterhin sagen, wohin wir wollen.
Aber über den Weg wird wieder nachgedacht.
Nicht mehr nur gesinnungsethisch:
Was wollen wir Gutes?
Sondern verantwortungsethisch:
Was bewirken wir tatsächlich? Welche Nebenwirkungen erzeugen wir? Und funktioniert unser Weg überhaupt?
Vielleicht wollen die AfD-Wähler gar keine Revolution
Vielleicht erklärt das sogar einen Teil des Erfolgs der AfD.
Harald Martenstein hat in seiner Rede gegen ein AfD-Verbot sinngemäß einen bemerkenswerten Gedanken formuliert: Viele AfD-Wähler wollten keinen neuen Hitler, sondern eher einen neuen Helmut Schmidt.
Vielleicht wollen viele dieser Menschen also gar keine völlig andere Gesellschaft.
Vielleicht wollen sie vor allem einen Staat, der seine Probleme wieder nüchtern betrachtet, Konsequenzen mitdenkt und funktioniert.
Dann wäre die AfD tatsächlich zunächst das, was schon in meinem neuen Namen für sie steckt:
Antithesen für Deutschland.
Nicht die fertige Lösung.
Sondern der Widerspruch zur herrschenden These. Die Kritik, die deren Schwachstellen sichtbar macht.
Und genau dort beginnt die eigentliche Arbeit.
Vielleicht heißt der neue Zeitgeist Hegel
Wenn Wokisto der alte Zeitgeist war, wie nennen wir dann den neuen?
Vielleicht ganz einfach:
Hegel.
Denn der neue Zeitgeist müsste weder links noch rechts sein. Weder Wokisto noch Mephisto. Er müsste den Widerspruch nicht beseitigen, indem eine Seite gewinnt, sondern ihn als Werkzeug benutzen.
These → Antithese → Synthese.
Wokistos Ziele behalten. Seine Wege infrage stellen. Die Kritik der Antithese legitimieren. Ihre eigenen Irrtümer genauso prüfen. Und daraus etwas konstruieren, das besser funktioniert als beide Ausgangspositionen.
Das wäre auch die eigentliche Aufhebung Wokistos.
Er wird nicht vernichtet.
Er wird aufgehoben.
Seine Ziele dürfen bleiben. Sein Monopol auf die richtigen Wege endet.
Und Mephisto darf widersprechen, ohne deshalb automatisch die Macht übernehmen zu müssen.
Der alte Zeitgeist der Polarität hat fertig.
Vielleicht beginnt der neue Zeitgeist genau dort, wo wir nicht mehr fragen:
Wer muss gewinnen?
Sondern:
Was müssen wir aus beiden Seiten lernen, damit etwas Besseres entsteht?
Das ist die Grundidee hinter meinem Versuch, gesellschaftliche Probleme künftig genauso konstruktiv zu behandeln wie technische.
Die Patentlösung dafür:
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