Alle Menschen sind korrupt. Machen wir etwas daraus.

Ich möchte Sie für eine Idee begeistern: Machen wir unseren Frieden mit dem grundsätzlich korrupten Menschen.

Natürlich provoziert der Begriff. Korruption bezeichnet normalerweise Eigennutz, der Regeln verletzt und deshalb gesellschaftlich geächtet oder sogar strafbar ist.

Aber genau diese enge Definition verstellt vielleicht den Blick auf das viel größere Problem.

Denn unser Eigennutz beginnt ja nicht erst dort, wo ein Staatsanwalt zuständig wird. Menschen verfolgen ihre eigenen Interessen. Unternehmer tun es. Arbeitnehmer tun es. Wähler tun es. Politiker tun es. Journalisten tun es. Verbände, Unternehmen und Institutionen tun es.

Und häufig entsteht daraus gesellschaftlicher Schaden, obwohl niemand gegen irgendein Gesetz verstößt.

Natürlich sollten wir trotzdem versuchen, bessere Menschen zu sein. Wir sollten anständig sein, Verantwortung übernehmen, anderen nicht schaden und unseren eigenen Egoismus immer wieder hinterfragen.

Aber wir sollten niemals eine Gesellschaft konstruieren, deren Funktionieren davon abhängt, dass uns diese moralische Verbesserung gelingt.

Das ist der entscheidende Unterschied.

Der gute Mensch ist wünschenswert.
Der unperfekte Mensch ist die Konstruktionsgrundlage.

Meine Logik ist deshalb ziemlich einfach:

Akzeptieren wir, dass wir alle korrupt sind.

Nicht im strafrechtlichen Sinne. Sondern in dem viel banaleren Sinne, dass wir dazu neigen, unseren eigenen Vorteil, unsere Überzeugungen oder die Interessen unserer Gruppe höher zu gewichten als den Schaden, der anderswo oder auf einer anderen Ebene entsteht.

Und wenn wir das akzeptieren, wird die Sache plötzlich konstruktiv bearbeitbar.

Wir müssen dann nicht darauf warten, dass der Mensch besser wird.

Wir können die Regeln verbessern.

Gerade weil Menschen unperfekt sind, brauchen wir Regeln und Institutionen, die mit ihrer Unperfektheit rechnen.

Das gilt übrigens auch für die vierte Gewalt.

Stellen Sie sich einmal einen Journalismus vor, der grundsätzlich davon ausgeht, dass Politiker, Regierungen, Unternehmen, Verbände – und auch Journalisten selbst – Interessen verfolgen.

Dann genügte eine gut gemeinte Geschichte nicht mehr.

Dann müsste gefragt werden: Wer hat welches Interesse? Wer profitiert? Wer trägt die Kosten? Welche Gegenargumente wurden ausgeblendet? Und stimmen die behaupteten Folgen überhaupt mit den tatsächlichen Folgen überein?

Gerade bei Krieg und Frieden wäre eine solche vierte Gewalt unbezahlbar. Auch beim Krieg in der Ukraine müsste sie die Interessen und Narrative aller beteiligten Seiten kritisch prüfen und politische Entscheidungen immer wieder an einer entscheidenden Frage messen:

Welche realistische Alternative führt mit den geringsten menschlichen Kosten zu einem tragfähigen Frieden?

Denn vielleicht müssen wir auch beim Begriff des Bösen genauer hinsehen.

Natürlich gibt es Menschen, die betrügen, rauben, foltern und töten. Eine Gesellschaft muss sich dagegen schützen. Dafür gibt es Recht, Gewaltenteilung, Kontrolle und Sanktionen.

Aber das wirklich große Böse beginnt für mich dort, wo wir es nicht mehr schaffen, die Unperfektheit des Menschen friedlich einzuhegen.

Das Böse per se ist der Krieg.

Gerade deshalb möchte ich mit dem unperfekten Menschen meinen Frieden machen.

Nicht weil sein Verhalten immer gut wäre. Nicht weil wir auf Moral verzichten könnten. Sondern weil wir eine Friedensordnung brauchen, die auch mit Menschen funktioniert, die egoistisch, eitel, gierig, ängstlich, machtbewusst oder schlicht im Irrtum sind.

Wir müssen den Menschen nicht erst gut machen, damit Frieden möglich wird.

Wir müssen den Frieden für den unperfekten Menschen konstruieren.

Vielleicht würde schon eine konsequent kritisch arbeitende vierte Gewalt einen erheblichen Teil jener Korruption der höchsten Ebenen erschweren, die vollkommen legal funktioniert: nicht mit Geldkoffern, sondern mit Interessen, Abhängigkeiten, Narrativen und moralisch gut klingenden Begründungen.

Denn auch hier gilt:

Wir brauchen beides: Menschen, die versuchen, besser zu werden – und Institutionen, die nicht darauf angewiesen sind, dass sie es werden.

Warum haben wir das nicht längst konsequenter getan?

Vielleicht, weil wir ein Problem damit haben, uns selbst als Teil des Problems zu erkennen.

Also ändern wir das:

„Ich bin auch korrupt – und dies ist gut so.“

Nicht weil Korruption gut wäre.

Sondern weil die Erkenntnis der eigenen Korruptibilität gut ist.

Denn erst wenn ich meinen eigenen Eigennutz nicht mehr verdrängen muss, kann ich darüber nachdenken, welche Regeln verhindern, dass er anderen schadet.

Vielleicht brauchen wir deshalb weniger Moralismus und mehr gute Konstruktion.

Am guten Menschen arbeiten.
Aber den Frieden für den unperfekten Menschen konstruieren.

Eine Patentlösung für die eigentliche Problemlösungsarbeit finden Sie unter:

deutschland-patent.de

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