
Habe den Mut, dich auch bei gesellschaftlichen Fragen deines Verstandes zu bedienen.
Das mag dem einen oder anderen zunächst ziemlich blöd vorkommen. Schließlich dürften fast alle erwachsenen Menschen davon überzeugt sein, dass sie genau dies längst tun.
Wir wollen in diesem Beitrag eine etwas unangenehmere Möglichkeit untersuchen: Vielleicht tun wir es erstaunlich häufig gerade nicht. Und damit meinen wir nicht nur die anderen, nicht nur Menschen aus dem jeweils anderen politischen Lager und auch nicht irgendwelche vermeintlich Ungebildeten. Wir meinen uns alle – oder zumindest fast alle.
Vielleicht lässt sich damit sogar eine der merkwürdigsten Erscheinungen unserer Zivilisation erklären. Der Stand der Technik entwickelt sich mit atemberaubender Geschwindigkeit. Wir bauen künstliche Intelligenz, entschlüsseln das menschliche Genom und konstruieren Maschinen, deren Fähigkeiten vor wenigen Generationen noch wie Zauberei gewirkt hätten.
Beim Stand der Gesellschaftstechnik sieht es merkwürdig anders aus. Seit Jahrhunderten streiten wir über Krieg und Frieden, Armut und Reichtum, Markt und Staat, Verteilung, Macht und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Technisch leben wir längst in einer Welt, von der Kant nicht einmal träumen konnte. Bei der Lösung grundlegender gesellschaftlicher Probleme ist ein vergleichbarer Fortschritt wesentlich schwerer zu erkennen.
Wie kann das sein?
Vielleicht liegt es gar nicht daran, dass uns der Verstand fehlt. Vielleicht benutzen wir ihn bei technischen und gesellschaftlichen Problemen nur unterschiedlich.
Kant und die noch nicht vollendete Aufklärung
1784 beantwortete Immanuel Kant die Frage „Was ist Aufklärung?“ mit seinem berühmten „Sapere aude!“ – „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“
Die Aufklärung hat damit ungeheuer viel bewirkt. Autoritäten konnten hinterfragt, überlieferte Wahrheiten geprüft und die Welt zunehmend mit Beobachtung, Vernunft und Wissenschaft untersucht werden.
Bei technischen Problemen ist diese Haltung heute selbstverständlich. Wenn eine Brücke einstürzt, hilft es wenig, dass ihre Konstrukteure gute Menschen waren. Wenn eine Maschine nicht funktioniert, lässt sie sich nicht durch eine gute Absicht reparieren. Wer eine technische Konstruktion verbessern will, beginnt sogar regelmäßig damit, ihre Schwachstellen zu suchen.
Eine Patentschrift beschreibt deshalb zunächst den vorhandenen Stand der Technik und anschließend das Problem, das daran noch nicht befriedigend gelöst ist. Kritik am Stand der Technik gilt nicht als Angriff auf die Technik. Sie ist eine Voraussetzung ihres Fortschritts.
Niemand käme auf die Idee, einen Ingenieur moralisch zu verurteilen, weil er nachweist, dass eine vorhandene Konstruktion schlecht funktioniert.
Warum fällt uns genau diese Haltung bei gesellschaftlichen Problemen so viel schwerer?
Drei Ich-Zustände – ein Mensch
Eine mögliche Erklärung liefert ein psychologisches Modell: die Transaktionsanalyse. Sie unterscheidet drei Ich-Zustände: Eltern-Ich, Erwachsenen-Ich und Kindheits-Ich.
Vereinfacht gesagt finden sich im Eltern-Ich übernommene Regeln, Normen, Gebote, Verbote und Wertvorstellungen. Im Kindheits-Ich begegnen uns früh entwickelte emotionale Reaktionsmuster, Wünsche, Ängste, Spontaneität und Impulse. Das Erwachsenen-Ich dagegen verarbeitet Informationen gegenwartsbezogen, prüft die Realität und wägt Möglichkeiten und Folgen ab.
Dabei handelt es sich nicht um drei verschiedene Menschen in uns. Es sind unterschiedliche Ich-Zustände desselben Menschen.
Und genau das ist für unsere Frage interessant:
Wir sind nicht immer derselbe Denker, obwohl wir immer derselbe Mensch sind.
Keiner dieser drei Ich-Zustände ist schlecht. Wir brauchen alle drei. Das Eltern-Ich trägt Werte und gesellschaftliche Erfahrungen weiter. Das Kindheits-Ich lässt uns lieben, wünschen, fürchten, staunen und begeistert sein. Das Erwachsenen-Ich ermöglicht uns, einen Schritt zurückzutreten und zu prüfen, was tatsächlich der Fall ist.
Die Schwierigkeit beginnt nicht mit der Existenz dieser drei Ich-Zustände. Sie beginnt dort, wo wir ihre Aufgaben verwechseln.
Kant trifft auf die Transaktionsanalyse
Interessanterweise ist die Verbindung zwischen Kant und dem Erwachsenen-Ich keineswegs unsere Erfindung. Bereits 1980 beschäftigte sich F. Neil Brady im Transactional Analysis Journal ausdrücklich mit Kant und dem Vernunftbegriff im Erwachsenen-Ich.
Umso besser.
Wir müssen keine neue psychologische Theorie erfinden. Uns interessiert vielmehr, was passiert, wenn wir diesen bereits vorhandenen Gedanken auf unser gesellschaftliches Denken anwenden.
Bei einem technischen Problem fragen wir relativ selbstverständlich: Funktioniert das? Welche Nebenwirkungen treten auf? Welche Annahmen waren möglicherweise falsch? Was zeigen die Ergebnisse? Welche Alternative funktioniert besser?
Bei gesellschaftlichen Fragen kommen sehr schnell andere Fragen hinzu: Was darf man denken? Was sollte ein guter Mensch denken? Zu welchem politischen Lager gehört diese Aussage? Und wer hat sie überhaupt ausgesprochen?
Damit verändert sich die Prüfung. Wir untersuchen nicht mehr ausschließlich, ob eine Aussage richtig ist oder eine Maßnahme funktioniert. Wir prüfen gleichzeitig ihre moralische Zulässigkeit.
Und möglicherweise beginnt genau dort ein Teil unseres Problems.
Vernunft ohne Werte?
Nun könnte man daraus einen falschen Schluss ziehen: Wenn das Erwachsenen-Ich für die rationale Prüfung zuständig ist, müssen wir eben Eltern-Ich und Kindheits-Ich zurückdrängen und gesellschaftliche Probleme allein mit Vernunft lösen.
Genau das meinen wir nicht.
Es gibt keine voraussetzungslose Vernunftmaschine, in die man ein gesellschaftliches Problem hineinsteckt und aus der anschließend die objektiv richtige Gesellschaft herauskommt.
Der Verstand allein kann uns gar nicht sagen, was uns wichtig sein soll. Er kann nicht berechnen, ob uns Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden, Sicherheit oder der Schutz des Schwächeren etwas bedeuten sollen. Dafür brauchen wir Werte. Und wir brauchen unsere Gefühle, denn ohne Wünsche, Mitgefühl, Ängste und Hoffnungen gäbe es vieles von dem gar nicht, wofür sich vernünftiges Nachdenken lohnt.
Deshalb wäre es falsch, einen unserer drei Ich-Zustände zum neuen Alleinherrscher zu machen.
Werte bestimmen nicht, was funktioniert. Vernunft bestimmt nicht, was wertvoll ist.
Wir brauchen beides.
Die Arbeitsteilung unseres Denkens
Vielleicht besteht das eigentliche Problem deshalb nicht in unseren drei Ich-Zuständen, sondern in ihrer falschen Arbeitsteilung.
Das Eltern-Ich kann uns Orientierung geben und sagen, was wir für richtig und gut halten. Das Kindheits-Ich zeigt uns, was wir wünschen, lieben und fürchten. Das Erwachsenen-Ich muss anschließend prüfen, wie die Wirklichkeit beschaffen ist und ob die Mittel, mit denen wir unsere Ziele erreichen wollen, tatsächlich funktionieren.
Die neue Aufklärung will Moral deshalb nicht durch Vernunft ersetzen. Sie will verhindern, dass wir moralisches Ziel und funktionierendes Mittel miteinander verwechseln.
Wenn wir Frieden für einen hohen Wert halten, ist damit noch nicht entschieden, welche Politik tatsächlich Frieden schafft. Wenn wir soziale Gerechtigkeit wollen, wissen wir deshalb noch nicht, welche Regeln sie hervorbringen. Wenn wir das Klima schützen wollen, folgt aus der moralischen Richtigkeit dieses Zieles noch nicht, dass jede als Klimaschutz bezeichnete Maßnahme tatsächlich sinnvoll ist.
Ob ein bestimmtes Mittel funktioniert, muss geprüft werden.
Eine gute Absicht beantwortet die Frage nach dem Ziel. Sie beantwortet noch nicht die Frage nach dem richtigen Weg.
Oder noch kürzer:
Gut gemeint ist ein moralisches Urteil. Noch kein Funktionsnachweis.
Der gute Mensch und die gute Gesellschaft
Natürlich sollten wir trotzdem versuchen, gute Menschen zu sein. Wir sollten Verantwortung übernehmen, andere Menschen achten und unsere eigenen Interessen immer wieder hinterfragen. Kants kategorischer Imperativ bleibt dafür eine große Herausforderung an den Einzelnen.
Aber daraus folgt nicht, dass wir eine Gesellschaft konstruieren sollten, deren Funktionieren davon abhängt, dass alle Menschen diesen moralischen Anspruch jederzeit erfüllen.
Denn neben unseren moralischen Überzeugungen existieren weiterhin Interessen, Ängste, Bequemlichkeit, Gruppenzugehörigkeit, Ehrgeiz, Eitelkeit und Verführbarkeit. Das Kindheits-Ich verschwindet nicht dadurch, dass das Eltern-Ich eine gute Regel gelernt hat.
Der Mensch kann morgens von einer moralischen Regel vollkommen überzeugt sein und ihr am Nachmittag trotzdem nicht folgen.
Deshalb brauchen wir beides: Menschen, die versuchen, besser zu werden, und gesellschaftliche Regeln, die nicht darauf angewiesen sind, dass ihnen das immer gelingt.
Der gute Mensch ist wünschenswert. Der unperfekte Mensch ist die Konstruktionsgrundlage.
Das ist kein Plädoyer gegen Moral. Es ist ein Plädoyer dafür, Moral und gesellschaftliche Konstruktion nicht miteinander zu verwechseln.
Warum die Gesellschaftstechnik zurückbleibt
Damit können wir zu unserer Ausgangsfrage zurückkehren.
Vielleicht entwickelt sich der Stand der Technik auch deshalb so schnell, weil Kritik dort selbstverständlich legitim ist. Ein Ingenieur darf erklären, dass eine bestehende Konstruktion schlecht funktioniert. Er muss dafür nicht beweisen, dass er die Maschine liebt.
Gesellschaftliche Kritik berührt dagegen Werte, Identitäten und Gruppenzugehörigkeiten. Deshalb kann die Kritik an einem gesellschaftlichen Mittel sehr schnell als Kritik am moralischen Ziel verstanden werden.
Wer eine bestimmte Klimaschutzmaßnahme kritisiert, kann dadurch als Gegner des Klimaschutzes erscheinen. Wer eine konkrete Form sozialer Unterstützung infrage stellt, als Gegner sozialer Gerechtigkeit. Wer einen eingeschlagenen Weg zum Frieden kritisiert, als Gegner des Friedens.
Damit verliert Kritik am Stand der Gesellschaftstechnik ihre Selbstverständlichkeit.
Und wenn Kritik eine wesentliche Voraussetzung für Verbesserung ist, könnte genau darin ein Teil der Erklärung für unseren merkwürdigen Entwicklungsunterschied liegen.
Der Stand der Technik entwickelt sich weiter, weil wir seine Fehler suchen. Der Stand der Gesellschaftstechnik kann zurückbleiben, wenn wir seine Fehler aus guter Absicht nicht mehr sehen wollen.
Das wäre eine ernüchternde Diagnose.
Aber zugleich wäre es eine ausgesprochen gute Nachricht.
Denn dann fehlte uns nicht die intellektuelle Fähigkeit zur Lösung unserer gesellschaftlichen Probleme. Wir müssten lernen, diese Fähigkeit dort konsequenter einzusetzen.
Erst prüfen. Dann urteilen.
Die neue Aufklärung beginnt deshalb nicht damit, dass wir feststellen, warum die anderen nicht vernünftig denken.
Das wäre vermutlich nur die nächste Form unseres alten Problems.
Sie beginnt mit dem Verdacht, dass ich selbst gerade vielleicht nicht so rational denke, wie ich glaube.
Verteidige ich gerade eine übernommene moralische Regel? Reagiere ich auf eine Angst, einen Wunsch, eine Kränkung oder mein Bedürfnis nach Zugehörigkeit? Oder prüfe ich tatsächlich die Wirklichkeit, Gegenargumente und möglichen Folgen?
Auch eine Gegenposition muss deshalb nicht richtig sein. Sie darf sich bei der Prüfung als falsch, unbegründet oder sogar völlig unsinnig erweisen.
Entscheidend ist etwas anderes:
Das Urteil sollte am Ende der Prüfung stehen – nicht an ihrem Anfang.
Die neue Aufklärung verlangt also keineswegs, alles zu glauben.
Sie verlangt etwas viel Schwierigeres:
erst zu prüfen und dann zu urteilen.
Die neue Aufklärung
Vielleicht braucht Kants Aufklärung nach mehr als zweihundert Jahren deshalb keine Widerlegung. Vielleicht braucht sie nur eine kleine Erweiterung.
Kant forderte:
Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.
Wir ergänzen:
Habe den Mut, dich auch bei gesellschaftlichen Fragen deines Verstandes zu bedienen.
Unsere Werte sagen uns, wohin wir wollen. Unsere Gefühle zeigen uns, was uns wichtig ist. Unser Verstand muss prüfen, wie wir dorthin kommen.
Das wäre die neue Aufklärung.
Doch selbst wenn uns das gelingt, bleibt ein Problem. Andere Menschen werden ihren Verstand ebenfalls benutzen – und trotzdem zu anderen Ergebnissen kommen.
Was machen wir mit diesem Widerspruch?
Dafür brauchen wir einen zweiten alten Philosophen.
Kant hilft uns, selbst zu denken. Hegel hilft uns, gemeinsam weiterzudenken.
Kant steht damit für die neue Aufklärung. Hegel für den neuen Zeitgeist.
Der eine fordert den eigenen Verstand heraus. Der andere macht den Widerspruch zum Ausgangspunkt einer möglichen Aufhebung.
Und aus beidem entsteht das, was wir Synergiewende nennen:
Erst selbst denken. Dann den Widerspruch des anderen nutzen.
Vielleicht müssen wir tatsächlich nicht alles neu erfinden.
Vielleicht müssen wir nur die richtigen Dinge miteinander verbinden.
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