Kaufwirtschaft – am Anfang war die Schuld

Ein Manifest für ein anderes Verständnis des Kapitalismus

Vielleicht haben Sie sich schon einmal gewundert, warum Ökonomen zu unseren großen wirtschaftlichen Problemen so erstaunlich wenig Sinnstiftendes beizutragen haben. Hier könnte die Erklärung liegen:

Sie schauen auf die falsche Zeichnung.


Das Grundparadigma der Ökonomik ist bis heute die Tauschwirtschaft. In seiner reinen Logik beschreibt dieses Modell eine Selbstversorgerwirtschaft. Der eine produziert Kartoffeln, der andere Fische. Was beide von ihrer Subsistenzproduktion nicht selbst benötigen, bringen sie auf einen Markt und tauschen es dort. Weil das mit Kartoffeln und Fischen etwas umständlich ist, wird irgendwann noch eine Art Geldding als Universaltauschgut eingeführt.

Fertig ist das Grundmodell der Geldwirtschaft.

Kurioserweise gibt es nicht einmal gute historische Belege dafür, dass diese schöne Geschichte jemals die wirtschaftliche Realität unserer Vorfahren beschrieben hätte. Anthropologen wie David Graeber haben darauf hingewiesen, dass die gern erzählte Entwicklung von der ursprünglichen Tauschwirtschaft über das Geld zum Kredit historisch nicht nachweisbar ist.

Aber wir müssen gar nicht in die graue Vorzeit schauen. Es genügt, die Gegenwart zu betrachten.

Wir sind keine Subsistenzler. Wir produzieren nicht unsere Lebensmittel, Häuser, Autos und Heizungen selbst und treffen uns anschließend auf einem Markt, um unsere Überschüsse zu tauschen. Wir kaufen Leistungen Dritter – das sind unsere Ausgaben. Und wir verkaufen Leistungen an Dritte – daraus entstehen unsere Einnahmen.

Teilweise ist der Staat dazwischengeschaltet. Das macht die Leitungen länger, ändert aber nichts am Grundprinzip:

Wir kaufen und wir verkaufen.

Das ist keine Theorie. Das ist überprüfbare Realität.

Wir leben in einer Kaufwirtschaft.

Das Tauschmodell hat die Zeit vergessen

Der entscheidende Unterschied wird sichtbar, sobald wir die Zeit betrachten.

Ein Tausch kann zeitlos gedacht werden. Fisch gegen Kartoffeln. Beide Güter sind bereits vorhanden, sie wechseln den Besitzer, fertig.

Wertschöpfung funktioniert so nicht.

Überlegen Sie einmal, wie lange es von einer gedachten Stunde null dauern würde, ein Auto in die Einnahme eines Autohauses zu verwandeln. Beginnen Sie nicht beim fertigen Auto. Gehen Sie zurück: Erzgruben müssen erschlossen, Maschinen und Fabriken gebaut, Energieversorgung und Logistik geschaffen, Zulieferketten aufgebaut, Menschen ausgebildet, Bauteile produziert und schließlich das Auto entwickelt, hergestellt und transportiert werden.

Irgendwann steht es tatsächlich im Autohaus.

Jetzt kann es verkauft werden.

Aber gekauft wurde schon sehr viel früher: Arbeit, Material, Maschinen, Energie, Gebäude und Transportleistungen.

Die Käufe beginnen lange vor dem Verkauf des fertigen Produktes.

Damit entdecken wir den entscheidenden Fehler des Tauschparadigmas:

Tausch kann zeitlos gedacht werden. Wertschöpfung nicht.

Wer die Zeit vergisst, vergisst die Vorleistung. Wer die Vorleistung vergisst, übersieht das Risiko. Und wer Zeit, Vorleistung und Risiko aus seinem Grundmodell entfernt, sollte sich nicht wundern, wenn er anschließend Schwierigkeiten bekommt, eine kapitalistische Produktionswirtschaft zu erklären.

Man kann keinen Staubsauger reparieren, wenn man auf die Zeichnung einer Kaffeemaschine schaut.

Das bisherige Ökonomenversagen muss deshalb kein Dauerzustand bleiben.

Wir müssen nur die Zeichnung wechseln.

Am Anfang war die Schuld

Wer etwas produzieren möchte, muss Leistungen anderer kaufen, bevor er das Ergebnis seiner eigenen Wertschöpfung verkaufen kann.

Er kauft heute und verkauft später.

Dazwischen liegt Zeit. Und weil niemand die Zukunft kennt, liegt darin Risiko. Vielleicht will niemand unser Auto. Vielleicht steigen die Kosten. Vielleicht kommt ein Konkurrent mit einem besseren Produkt.

Die arbeitsteilige Wertschöpfung beginnt deshalb nicht mit dem Tausch bereits vorhandener Güter.

Sie beginnt mit einem Kaufvorsprung.

Am Anfang war der Kauf. Und mit dem Kaufvorsprung war am Anfang die Schuld.

Das ist für gut erzogene Menschen zunächst unangenehm. Wir haben schließlich gelernt: Erst sparen, dann kaufen. Gib nicht mehr aus, als du einnimmst. Mach möglichst keine Schulden.

Privat kann das ein ausgezeichneter Rat sein.

Für die Herstellung eines Autos ist er unbrauchbar.

Die Erzgrube muss erschlossen werden, bevor das Auto verkauft wird. Die Fabrik muss gebaut werden, bevor sie produziert. Die Maschine muss gekauft werden, bevor mit ihr gearbeitet werden kann.

Irgendjemand muss den Kaufvorsprung übernehmen.

Wir können diese Tatsache aus unserem Denkmodell entfernen.

Aus der Realität können wir sie nicht entfernen.

Und damit sind wir beim Kapitalismus

Die entscheidende Frage jedes Produktionssystems lautet deshalb: Wer übernimmt das Risiko dieser Vorleistung?

Eine Gesellschaft kann dieses Risiko weitgehend staatlich organisieren. In konsequenter Form kennen wir das als sozialistische Produktionsweise. Das Risiko wird sozialisiert, allerdings damit auch der Zusammenhang zwischen Investitionsentscheidung, persönlichem Risiko und möglichem Gewinn geschwächt. Die praktischen Erfahrungen mit umfassend sozialisierten Produktionssystemen waren wenig überzeugend.

Der Kapitalismus löst das Problem anders.

In der kapitalistischen Kaufwirtschaft übernehmen private Unternehmen jeweils Teile des Kaufvorsprungs innerhalb der Wertschöpfungskette. Sie kaufen Arbeit, Material, Maschinen und andere Leistungen heute, obwohl sie ihre eigenen Leistungen erst später verkaufen können.

Sie übernehmen damit Risiko.

Warum?

Weil sie sich davon einen Gewinn versprechen.

Damit können wir Kapitalismus erstaunlich schlicht beschreiben:

Kapitalismus ist eine Form der Kaufwirtschaft, in der private Unternehmen das Risiko der Vorleistung gegen die Aussicht auf Gewinn übernehmen.

Der Gewinn ist damit keine zufällige Begleiterscheinung des Kapitalismus.

Er ist eine seiner Systembedingungen.

Im Kapitalismus geht es um den Gewinn

Wenn Unternehmen Vorleistung und Risiko freiwillig übernehmen sollen, müssen ihre Gewinnaussichten ausreichend attraktiv sein. Sind sie es nicht, unterbleiben Investitionen, Unternehmen verschwinden und Wertschöpfung bricht weg.

Es genügt allerdings nicht, dass die Unternehmen in Summe genügend Gewinn erzielen. Der Gewinn muss sich auch so zwischen ihnen verteilen, dass Wettbewerb und unternehmerische Tätigkeit erhalten bleiben. Es hilft wenig, wenn einige Großunternehmen gigantische Gewinne erzielen, während tausende kleinere Unternehmen Verluste schreiben.

Damit haben wir bereits die beiden entscheidenden Fragen einer kapitalistischen Kaufwirtschaft:

Woher kommt der Gewinn der Unternehmen insgesamt?

Und:

Was bestimmt seine Verteilung zwischen den Unternehmen?

Das eine ist ein gesamtwirtschaftliches Problem.

Das andere ist ein Konkurrenzproblem.

Beides müssen wir verstehen, wenn wir den Kapitalismus steuern wollen.

Natürlich müssen die zeitlich auseinanderliegenden Käufe und Verkäufe auch finanziert und bezahlt werden. Banken machen dazu finanzielle Positionen zahlungshalber übertragbar und ermöglichen Finanzierung. Das ist wichtige technische Infrastruktur – wir betrachten sie hier bewusst nicht weiter.

Denn die ökonomische Theorie schaut ohnehin schon viel zu gern auf ihre Gelddinger und verliert darüber den eigentlichen wirtschaftlichen Vorgang aus den Augen.

Kein Geldding erschließt eine Erzgrube. Kein Geldding baut eine Fabrik. Kein Geldding montiert ein Auto.

Die Kaufwirtschaft besteht aus Käufen, Verkäufen, Vorleistungen, Wertschöpfung, Zeit und Risiko.

Bleiben wir deshalb bei der Kaufwirtschaft.

Denn jetzt haben wir endlich die Frage gefunden, die eigentlich am Anfang jeder Theorie des Kapitalismus stehen müsste:

Woher kommt der Gewinn der Unternehmen?

Konkurrenz kann erklären, wer einen Gewinn bekommt. Ein Unternehmen kann einem anderen Kunden abnehmen und dadurch seinen eigenen Gewinn erhöhen.

Das erklärt aber noch nicht, woher der Gewinn der Unternehmen in Summe kommt.

Und genau das müssen wir herausfinden.

Denn wenn Gewinn die zentrale Systembedingung der kapitalistischen Kaufwirtschaft ist, müssen wir seine Entstehung verstehen, um seine Höhe beeinflussen zu können. Und wir müssen seine Verteilung verstehen, damit nicht wenige Unternehmen die Gewinne kassieren, während der Rest die Verluste trägt.

Im Kapitalismus geht es um den Gewinn.

Also sollten wir endlich verstehen, wo er herkommt.

Vielleicht wird Wirtschaftstheorie dann sogar noch nützlich.

Kaufwirtschaft II – Frieden mit dem unperfekten Menschen

Warum wir keine besseren Menschen, sondern bessere Regeln brauchen

Im ersten Teil haben wir versucht, das Grundbild unserer Wirtschaft zu verändern. Wir leben nicht in einer Tauschwirtschaft, sondern in einer Kaufwirtschaft. Produktion braucht Zeit, Vorleistung und Risiko. Deshalb beginnt kapitalistische Wertschöpfung mit einem Kaufvorsprung – und damit mit Schuld.

Vielleicht müssen wir nun noch ein zweites Grundbild korrigieren. Nicht das von der Wirtschaft, sondern das vom Menschen.

Dazu möchte ich eine bewusst überspitzte Behauptung an den Anfang stellen:

Wir sind alle korrupt. Und das ist von Natur aus so.

Das klingt schlimmer, als es gemeint ist. „Korrupt“ bedeutet hier nicht, dass wir uns alle bestechen lassen. Gemeint ist etwas viel Grundsätzlicheres: Unsere Wahrnehmung und unsere Entscheidungen sind nie vollkommen unabhängig von unseren eigenen Interessen, Bedürfnissen, Ängsten, Überzeugungen, sozialen Rollen und Zugehörigkeiten.

Wir sind eben Menschen.

Das ist auch gar kein Problem. Wir müssen keine Götter werden. Davon gäbe es dann ohnehin viel zu viele.

Vielleicht sollten wir stattdessen endlich Frieden mit dem unperfekten Menschen schließen. Denn erst dann können wir gesellschaftliche Systeme für die Menschen konstruieren, die tatsächlich existieren.

Die Rationalitätenfalle

Menschen können aus ihrer jeweiligen Position vollkommen nachvollziehbar handeln – und gemeinsam ein Ergebnis erzeugen, das niemand wollte.

Nennen wir das die Rationalitätenfalle.

Der Unternehmer versucht seinen Gewinn zu erhöhen. Der Arbeitnehmer sein Einkommen. Der Sparer sein Vermögen. Der Politiker seine Wiederwahlchancen. Der Beamte möchte keinen Ärger. Der Wissenschaftler Anerkennung und Finanzierung. Der Journalist möchte gelesen werden und vermutlich auch das Gefühl haben, auf der richtigen Seite zu stehen.

Dafür muss keiner dieser Menschen dumm, böse oder korrupt im strafrechtlichen Sinne sein. Es genügt, dass er Mensch ist.

Das Problem liegt deshalb häufig gar nicht beim einzelnen Menschen. Es entsteht erst aus dem Zusammenwirken vieler individuell vernünftiger Entscheidungen.

Wolfgang Stützel hat dafür in der Ökonomie mit dem Konkurrenzparadoxon ein außerordentlich nützliches Denkwerkzeug beschrieben.

Beim klassischen Konkurrenzparadoxon versucht beispielsweise ein Unternehmer, sich durch eine Verbesserung einen Vorteil gegenüber seinen Konkurrenten zu verschaffen. Die Konkurrenten ziehen nach. Der ursprüngliche Wettbewerbsvorteil verschwindet wieder – aber am Ende produzieren vielleicht alle effizienter oder bieten bessere Produkte an.

Der Einzelne wollte seinen eigenen Vorteil. Herausgekommen ist ein Vorteil für viele.

Das ist, stark verkürzt, die Welt Adam Smiths und seiner berühmten unsichtbaren Hand.

Man könnte es etwas frecher formulieren:

Die unsichtbare Hand ist eine Rationalitätenfalle mit Happy End.

Stützel kannte aber auch die andere Richtung und bezeichnete sie als Marxsches Konkurrenzparadoxon. Wieder handeln die Beteiligten aus ihrer jeweiligen Perspektive vernünftig. Nur entsteht diesmal für die Gesamtheit ein problematisches Ergebnis.

Verkürzt können wir dafür zunächst den heute geläufigeren Begriff Marktversagen verwenden.

Unsichtbare Hand und Marktversagen wären dann gar keine vollkommen verschiedenen Phänomene. Sie können zwei unterschiedliche Ergebnisse desselben Grundproblems sein: Menschen reagieren vernünftig auf die Anreize, die sie vorfinden. Was daraus für das Ganze entsteht, kann nützlich sein – oder eben nicht.

Damit verändert sich die entscheidende Frage.

Wir müssen nicht zuerst fragen, ob der Mensch gut oder schlecht handelt. Wir können fragen:

Wie müssen die Regeln aussehen, damit sein nachvollziehbares Eigeninteresse möglichst häufig auch dem Ganzen nützt?

Die Synergie von Markt und Staat

Damit lässt sich vielleicht auch der ewige Streit zwischen Markt und Staat anders betrachten.

Warum sollten wir uns für einen entscheiden? Interessanter wäre doch zunächst, herauszufinden, was beide besonders gut können.

Der Markt ist außerordentlich leistungsfähig darin, Wissen und Entscheidungen zu dezentralisieren. Millionen Menschen entscheiden, was sie kaufen. Unternehmen probieren Lösungen aus. Erfolgreiche Lösungen verbreiten sich, andere verschwinden wieder. Niemand muss vorher wissen, welches Produkt oder welche Technologie am Ende gewinnt.

Der Staat besitzt eine ganz andere Kernkompetenz. Er kann für alle verbindliche Regeln setzen und Steuern eintreiben.

Etwas zugespitzt könnte man sagen: Das Eintreiben von Abgaben gehört schließlich zur Gründungsidee des Konstruktes Staat.

Warum sollten wir ausgerechnet diese Fähigkeit nicht mit der unsichtbaren Hand kombinieren?

Wenn wir ein Marxsches Konkurrenzparadoxon oder anderes Marktversagen erkennen, könnten wir nach einer möglichst einfachen Regel suchen, die den problematischen Anreiz verändert. Eine Marktversagenssteuer wäre ein solches Werkzeug.

Nicht um den Markt zu ersetzen. Sondern um die Bedingungen zu verändern, unter denen seine unsichtbare Hand arbeitet.

Dabei folgt aus der Fähigkeit des Staates, Geld einzutreiben, noch lange nicht, dass er auch besonders gut darin sein muss, dieses Geld auszugeben. Das sind zwei vollkommen unterschiedliche Aufgaben.

Warum also nicht auch sie trennen?

Die Einnahmen einer Marktversagenssteuer könnten beispielsweise über eine Grundrente an die Bürger zurückfließen. Dann entscheiden wieder Millionen Menschen selbst, was sie damit kaufen. Der Staat korrigiert einen Anreiz – aber die Kaufentscheidung bleibt dezentral.

Daraus ergibt sich eine ziemlich einfache Arbeitsteilung:

Der Staat steuert. Der Bürger kauft. Der Markt sucht die Lösung.

Exportsteuer, Kreditsteuer und andere Lenkungssteuern wären dann keine isolierten politischen Forderungen, sondern mögliche Werkzeuge dieses Prinzips. Welche davon funktionieren, wie sie konstruiert werden müssten und welche unerwünschten Nebenwirkungen sie erzeugen, wäre zu untersuchen.

Kaufwirtschaft wäre damit keine Sammlung fertiger Antworten. Sie wäre ein Forschungsprogramm zur Suche nach besseren Werkzeugen.

Die Rationalitätenfalle endet nicht am Markt

Jetzt kommt allerdings der wichtigere Schritt.

Warum sollten wir annehmen, dass nur Unternehmer, Arbeitnehmer und Konsumenten ihren eigenen Rationalitätenfallen unterliegen?

Der Politiker tut es ebenfalls. Der Beamte auch. Der Wissenschaftler. Der Richter. Der Journalist.

Und selbstverständlich auch derjenige, der diesen Text schreibt.

Damit verschwindet eine ziemlich bequeme Vorstellung: Wir können Marktversagen nicht einfach dadurch beseitigen, dass wir die Entscheidung einem Menschen im Staat übertragen. Möglicherweise haben wir dann nur eine Rationalitätenfalle gegen eine andere ausgetauscht.

Vielleicht liegt genau darin eine tiefere Begründung für Gewaltenteilung, demokratischen Wettbewerb, Wissenschaftsfreiheit und freie Medien.

Wir teilen Macht nicht nur, weil gelegentlich ein besonders böser Mensch auftauchen könnte. Wir teilen sie, weil kein Mensch vollständig unabhängig von seinen Interessen, Überzeugungen und seiner sozialen Umgebung denken kann.

Kontrolle wäre dann kein Ausdruck eines besonders pessimistischen Menschenbildes. Im Gegenteil: Sie erlaubt uns, den Menschen so zu akzeptieren, wie er ist.

Weil wir alle ein bisschen „korrupt“ sind, brauchen wir einander zur Kontrolle.

Gerade für Journalisten scheint mir das wichtig. Die schwierigste Prüfung journalistischer Unabhängigkeit beginnt möglicherweise nicht bei einer Geschichte, die ein Journalist für falsch oder böse hält. Sie beginnt bei einer Geschichte, die er für richtig und gut hält.

Denn gerade dort wird kritisches Denken schwierig.

Eine gut gemeinte Geschichte kann wahr und wichtig sein. Aber das Gutgemeinte darf die Prüfung des Wirklichen nicht ersetzen.

Vielleicht brauchen wir deshalb gar keine Journalisten ohne Haltung. Wir brauchen Journalisten, deren kritisches Denken stärker ist als ihre eigene Haltung.

Das wäre eine ziemlich anspruchsvolle Vorstellung von der vierten Gewalt. Nicht weil Journalisten bessere Menschen sein müssten, sondern gerade weil sie es nicht sein müssen.

Frieden mit dem unperfekten Menschen

Damit kommen wir zu einer politischen Versuchung, die weit älter ist als unsere gegenwärtigen Debatten.

Wenn der vorhandene Mensch der gewünschten Gesellschaft im Wege steht, liegt der Gedanke nahe, eben den Menschen zu verändern.

Die Geschichte liefert genügend Warnungen davor. Die Französische Revolution wollte eine neue gesellschaftliche Ordnung schaffen und brachte in ihrer radikalen Phase den Terror und die Guillotine hervor. Spätere totalitäre Projekte gingen noch viel weiter und verbanden ihre gesellschaftlichen Utopien ausdrücklich mit Vorstellungen eines zu formenden „neuen Menschen“.

Die historischen Bewegungen und ihre Verbrechen sind höchst unterschiedlich. Man sollte sie nicht einfach gleichsetzen.

Aber eine gemeinsame Warnung könnte man trotzdem daraus ziehen:

Kaum eine politische Idee wird gefährlicher als die Vorstellung, für eine bessere Welt müsse zunächst ein besserer Mensch geschaffen werden.

Vielleicht brauchen wir ihn überhaupt nicht.

Vielleicht brauchen wir bessere gesellschaftliche Konstruktionen für den unperfekten Menschen, den wir bereits haben.

Das wäre ein erstaunlich bescheidenes Menschenbild – und möglicherweise gerade deshalb ein optimistisches.

Denn Menschen werden eigene Interessen haben. Sie werden Anerkennung suchen, sich irren, Gruppen bilden und überzeugt sein, recht zu haben. Und sie werden gelegentlich ihre eigenen Interessen und Überzeugungen für das Gemeinwohl halten.

Wir müssen das weder schönreden noch abschaffen.

Wir können damit arbeiten.

Der Markt kann Eigeninteresse durch Wettbewerb produktiv machen. Der Staat kann dort Regeln setzen, wo daraus problematische Ergebnisse entstehen. Gewaltenteilung kann Macht durch Macht kontrollieren. Freie Medien können die Mächtigen und deren Erzählungen kontrollieren. Und Bürger können durch ihre Kauf- und Wahlentscheidungen immer wieder neu entscheiden.

Vielleicht steckt hinter all diesen scheinbar unterschiedlichen Institutionen dieselbe ziemlich einfache Idee:

Nicht auf den guten Menschen hoffen. Mit dem wirklichen Menschen arbeiten.

Kaufwirtschaft als Friedenswissenschaft

Damit hätten wir zwei neue Ausgangspunkte.

Im ersten Teil haben wir versucht, die Wirtschaft so zu betrachten, wie sie tatsächlich funktioniert:

Kaufwirtschaft statt Tauschwirtschaft.

Nun kommt ein möglichst realistischer Blick auf den Menschen hinzu:

Rationalitätenfalle statt idealisierter Rationalität.

Aus beidem könnte ein Werkzeugkasten entstehen.

Unsichtbare Hand, Konkurrenzparadoxon und Marktversagen helfen uns zu untersuchen, wann Eigeninteresse dem Ganzen nutzt und wann nicht. Marktversagenssteuern, Saldenpolitik, Kreditsteuer oder Exportsteuer könnten Werkzeuge sein, um bestimmte Anreize zu verändern. Gewaltenteilung, unabhängige Medien und institutionalisierter Widerspruch erfüllen auf anderen gesellschaftlichen Ebenen möglicherweise eine ähnliche Funktion.

Hinter all dem steht dieselbe Frage:

Wie müssen wir die Regeln gestalten, damit unperfekte Menschen möglichst oft Ergebnisse hervorbringen, mit denen auch andere leben können?

Vielleicht ist das sogar eine Friedensfrage.

Denn Wettbewerb besitzt eine bemerkenswerte Eigenschaft: Er ermöglicht uns, gegensätzliche Interessen auszutragen, ohne den Gegner physisch beseitigen zu müssen.

Man könnte Wettbewerb deshalb als friedliche Austragung von Polarität verstehen.

Und in Abwandlung von Clausewitz:

Krieg ist die Fortsetzung der Polarität mit anderen Mitteln.

Die vielleicht größte Frage der Kaufwirtschaft wäre dann, ob wir die unsichtbare Hand des Wettbewerbs mit geeigneten Werkzeugen so unterstützen können, dass sie immer häufiger zur friedlichen Austragung unserer Gegensätze beiträgt – und ihre eigenen Paradoxa möglichst selten neue zerstörerische Polaritäten hervorbringen.

Wir kennen die Antwort nicht.

Aber vielleicht haben wir mit Kaufwirtschaft und Rationalitätenfalle zwei realistischere Bilder, auf denen wir danach suchen können.

Und vielleicht beginnt Frieden tatsächlich an einer viel einfacheren Stelle, als wir bisher gedacht haben:

mit dem Frieden mit dem unperfekten Menschen.

Wir brauchen keine Götter.

Wir brauchen bessere Werkzeuge für die Menschen, die wir sind.



Kaufwirtschaft III – Frieden mit dem unperfekten Kapitalismus


Warum wir vielleicht nicht den Kapitalismus überwinden müssen, sondern seine Paradoxa

Im ersten Teil haben wir Frieden mit etwas geschlossen, das für gut erzogene Menschen zunächst unangenehm klingt: mit der Schuld. Arbeitsteilige Wertschöpfung braucht Vorleistung. Irgendjemand muss kaufen, bevor das Ergebnis dieser Käufe verkauft werden kann. Im zweiten Teil ging es um einen noch schwierigeren Frieden: den mit uns selbst. Menschen sind nicht vollkommen rational, unabhängig und selbstlos. Sie haben Interessen, Wünsche, Ängste und Überzeugungen. Statt einen besseren Menschen schaffen zu wollen, können wir bessere Regeln für den Menschen suchen, den wir haben.

Nun fehlt noch ein dritter Frieden: der Frieden mit dem unperfekten Kapitalismus.

Und unperfekt ist er reichlich.

Das vielleicht größte Problem des Kapitalismus

Kapitalismus ist eine Form der Kaufwirtschaft, in der private Unternehmen das Risiko der Vorleistung gegen die Aussicht auf Gewinn übernehmen. Daraus folgt zunächst vollkommen wertfrei: Der Kapitalismus braucht Gewinn. Ohne Aussicht auf Vermögenszuwachs verliert sein Investitionsmechanismus den Antrieb.

Ein wesentlicher Teil dieses Vermögenszuwachses kann durch zusätzliches Realvermögen entstehen. Entscheidend ist dabei allerdings nicht die Bruttoinvestition, sondern das, was nach dem Ersatz des verschlissenen Kapitalstocks übrig bleibt: die Nettoinvestition.

Genau hier könnte der Kapitalismus zum Opfer seines eigenen Erfolges werden. Über Jahrzehnte baut er einen immer größeren Kapitalstock auf. Mit diesem wachsen die Abschreibungen, und ein zunehmender Teil der Investitionen wird allein dafür benötigt, das bereits Geschaffene zu erhalten. Die Nettoinvestition kann sinken, während der Wunsch nach Gewinn und Geldvermögensbildung bestehen bleibt. Dann wächst der Bedarf an finanziellen Defiziten anderer – insbesondere des Staates oder des Auslands.

Die Geschichte kennt für dieses Problem eine geradezu barbarische Reset-Taste. Krieg zerstört Menschenleben und Wohlstand, aber eben auch Kapitalstock. Nach großen Zerstörungen müssen Wohnungen, Fabriken, Maschinen und Infrastruktur wieder aufgebaut werden. Plötzlich entstehen enorme Nettoinvestitionen und damit neues Gewinn- und Vermögenszuwachspotenzial.

Krieg schafft keinen Wohlstand. Er vernichtet ihn. Aber die anschließende Notwendigkeit des Wiederaufbaus wirft eine verstörende Frage auf:

Warum sollten wir erst Dinge zerstören müssen, damit es wieder genügend Dinge zu schaffen gibt?

Und damit sind wir noch lange nicht bei allen Problemen. Die enorme Wohlstandsproduktion des Kapitalismus verbraucht Rohstoffe, verändert Landschaften und erzeugt Abfälle. Selbst eine vollständig regenerative Energieversorgung würde das Stoffproblem nicht beseitigen. Auch eine mit Sonne und Wind betriebene Wirtschaft kann ihre materiellen Lebensgrundlagen verbrauchen.

Hinzu kommt die soziale Frage. Produktives Eigentum und die daraus entstehenden Vermögenszuwächse können sich konzentrieren. Ein Teil der Menschen lebt überwiegend vom Verkauf seiner Arbeitskraft, während andere zusätzlich oder überwiegend von ihrem Kapital profitieren. Marx hat einige dieser Widersprüche sehr früh gesehen.

Vielleicht lag sein entscheidender Irrtum deshalb weniger darin, Probleme des Kapitalismus erkannt zu haben, als in der Schlussfolgerung, zur Überwindung dieser Probleme müsse der Kapitalismus selbst überwunden werden.

Was wäre, wenn wir seine Probleme stattdessen als Konstruktionsaufgaben betrachten?

Die Investitionsgesellschaft

Denn nun können wir das vielleicht größte Problem noch einmal von der anderen Seite betrachten. Der Kapitalismus braucht Gewinn und besitzt damit einen mächtigen Antrieb zu Investition und Vermögenszuwachs.

Vielleicht sollten wir diesen Antrieb nicht abschaffen.

Vielleicht sollten wir etwas daraus machen.

Denn eigentlich sind wir noch lange nicht fertig. Unsere Energieversorgung muss regenerativ werden. Dafür brauchen wir neue Erzeugungsanlagen, Speicher und Netze, andere Wärmeversorgung, Mobilität und Produktionsverfahren. Und selbst danach bleibt das Stoffproblem. Eine dauerhaft funktionierende Wirtschaft müsste Materialien zunehmend in Kreisläufen führen. Konzepte wie Cradle to Cradle zeigen eine mögliche Richtung: Produkte und Produktionsverfahren so zu entwickeln, dass aus dem Ende eines Produktes möglichst wieder der Anfang eines neuen werden kann.

Dafür müssen Materialien, Maschinen, Produkte und ganze Wertschöpfungsketten immer wieder neu erfunden werden. Und all das braucht Investitionen.

Vielleicht brauchen wir deshalb weniger eine Wachstumsgesellschaft als eine Investitionsgesellschaft.

Denn Investition muss nicht bedeuten, immer mehr Rohstoffe durch immer mehr kurzlebige Produkte zu schleusen. Eine Wirtschaft kann möglicherweise nicht unbegrenzt immer mehr werden. Aber sie kann sehr lange immer wieder besser werden.

Eine Maschine, die nur noch die Hälfte des Materials benötigt, muss entwickelt und gebaut werden. Ein Verfahren, das wertvolle Rohstoffe zurückgewinnt, braucht neue Anlagen. Ein kreislauffähiges Produkt erfordert Forschung, Konstruktion und neue Produktionsprozesse. Und danach kommt hoffentlich die nächste bessere Lösung.

Aus dem Investitionszwang des Kapitalismus könnte so ein Innovationsantrieb werden.

Und ausgerechnet jetzt bekommen wir mit künstlicher Intelligenz ein Werkzeug, das Entwicklungs-, Such-, Simulations- und Konstruktionsprozesse erheblich beschleunigen könnte. KI löst weder das Energie- noch das Ressourcenproblem automatisch und verbraucht selbst Ressourcen. Aber sie könnte unsere Fähigkeit vergrößern, immer neue investierbare Lösungen zu finden.

Vielleicht treffen hier zwei Notwendigkeiten erstaunlich gut aufeinander:

Der Kapitalismus braucht neue Investitionen. Eine nachhaltige Welt braucht neue Erfindungen.

Wir müssten dann nicht das Alte zerstören, damit wir wieder etwas zu investieren haben.

Wir erfinden das Neue, damit wir das Alte nicht zerstören müssen.

Die klassenlose Gesellschaft – nur anders

Und vielleicht lässt sich sogar die Marxsche Klassenfrage noch einmal ganz anders stellen.

Marx wollte den Gegensatz zwischen den Besitzern der Produktionsmittel und denjenigen überwinden, die im Wesentlichen ihre Arbeitskraft verkaufen. Was aber, wenn wir diese Trennung nicht dadurch vermindern, dass wir privates Produktiveigentum abschaffen, sondern indem wir es verbreitern?

Hier bekommt das Realsparen eine zweite Bedeutung. Wenn Menschen weniger in zusätzlichen Forderungen gegen andere und stärker unternehmerisch sparen, können sie selbst zunehmend Eigentümer produktiven Realvermögens werden. Dafür muss nicht jeder eine Firma gründen. Menschen können Arbeitnehmer sein und gleichzeitig an Unternehmen, Energieanlagen oder anderen produktiven Vermögenswerten beteiligt sein.

Dann würde auch die Vorstellung zweier sauber getrennter Klassen zunehmend fragwürdig. Ein Mensch könnte einen Teil seines Einkommens aus abhängiger Arbeit beziehen, einen anderen aus seinem produktiven Eigentum und eine gesellschaftliche Basis etwa über eine Grundrente erhalten. Und vollkommen unabhängig ist ohnehin auch der klassische Unternehmer nicht. Er hängt von Kunden, Mitarbeitern, Lieferanten, Kapitalgebern, Staat und zahlreichen anderen Stakeholdern ab. In einer hochgradig arbeitsteiligen Kaufwirtschaft sind wir alle voneinander abhängig.

Vielleicht könnte die Marxsche Vision einer weniger stark in Klassen geteilten Gesellschaft deshalb auf einem geradezu paradoxen Weg näherkommen:

Nicht indem wir die Unternehmer abschaffen, sondern indem wir unternehmerische Beteiligung verbreiten.

Oder etwas frecher:

Marx wollte eine Gesellschaft ohne Kapitalisten. Vielleicht brauchen wir eine Gesellschaft voller Kapitalisten.

Natürlich nicht voller Fabrikbesitzer. Sondern voller Menschen, die neben ihrer Arbeit auch an produktivem Vermögen beteiligt sind. Aus der Abschaffung des privaten Kapitals würde so die Verbreiterung des privaten Produktiveigentums.

Frieden mit dem Kapitalismus

Damit wären wir wieder am Ausgangspunkt.

Der Kapitalismus bleibt unperfekt. Er braucht Gewinn, verbraucht Ressourcen, erzeugt Rationalitätenfallen, kann Vermögen konzentrieren und wirtschaftliche Ungleichgewichte hervorbringen. Und vermutlich wird jede Lösung wieder neue Paradoxa erzeugen, für die wir neue Werkzeuge finden müssen.

Aber vielleicht müssen wir deshalb nicht von einer vollkommen anderen Wirtschaftsordnung träumen. Wir könnten versuchen, die Kräfte des Kapitalismus gegen seine eigenen Paradoxa einzusetzen: seinen Gewinnzwang als Investitionsantrieb, seinen Wettbewerb als Innovationsmaschine, seine Investitionen zum Aufbau regenerativer Energieversorgung und geschlossener Stoffkreisläufe, sein Privateigentum durch breite unternehmerische Beteiligung zur allmählichen Auflösung starrer Klassengrenzen – und den Staat als Werkzeug dort, wo die unsichtbare Hand kein gutes Gesamtergebnis hervorbringt.

Das wäre kein perfekter Kapitalismus. Vielleicht brauchen wir den auch gar nicht.

So wenig, wie wir perfekte Menschen brauchen.

Damit schließen sich die drei Teile zu einem gemeinsamen Gedanken. Wir haben Frieden mit der Schuld geschlossen, weil wir verstanden haben, dass arbeitsteilige Wertschöpfung einen Kaufvorsprung braucht. Wir haben Frieden mit dem unperfekten Menschen geschlossen, weil wir lieber Regeln für wirkliche Menschen entwickeln wollen, als bessere Menschen zu erziehen. Und nun können wir vielleicht Frieden mit dem unperfekten Kapitalismus schließen – nicht weil wir seine Fehler übersehen, sondern weil wir sie endlich als Konstruktionsaufgaben behandeln.

Vielleicht steckt darin sogar ein allgemeineres Prinzip:

Wir müssen das Unperfekte nicht überwinden. Wir müssen lernen, konstruktiv mit seiner Unvollkommenheit umzugehen.

Für den Kapitalismus hieße das:

Wir müssen ihn nicht zerstören, um neu anfangen zu können. Wir können versuchen, ihn immer wieder neu zu erfinden.



Kaufwirtschaft IV – Das Werkzeug

Für unperfekte Schulden, unperfekte Menschen und einen unperfekten Kapitalismus

Gutes Werkzeug ist alles. Das kann Ihnen jeder Handwerker bestätigen. Und Handwerker sind es gewohnt, mit unperfekten Dingen umzugehen. Eine Wand ist selten ganz gerade, ein Rohr sitzt manchmal dort, wo es eigentlich nicht sitzen sollte, und gelegentlich hat vorher schon jemand daran herumgebastelt. Man reißt deshalb nicht gleich das Haus ab. Man versucht zu verstehen, wo das Problem liegt, und nimmt das passende Werkzeug.

Der Autor ist selbst Handwerker. Auch wenn er sich hier inzwischen eher als Gesellschaftsklempner betätigt. 🙂

Nach drei Teilen Kaufwirtschaft wissen wir zumindest ungefähr, was auf unserer gesellschaftlichen Baustelle herumliegt: unperfekte Schulden, unperfekte Menschen und ein ziemlich unperfekter Kapitalismus.

Jetzt brauchen wir Werkzeug.

Synergetische Gesellschaftsklempnerei

Das Grundprinzip ist erstaunlich einfach: Wir kombinieren die Stärken von Markt und Staat, statt darüber zu streiten, welcher von beiden grundsätzlich der bessere Wirtschaftler ist.

Der Markt kann dezentrale Entscheidungen und Wettbewerb ziemlich gut. Millionen Menschen kaufen, Unternehmen probieren Lösungen aus, erfolgreiche Ideen setzen sich durch und werden kopiert. Das ist, stark vereinfacht, die unsichtbare Hand. Nur funktioniert sie nicht immer. Einzelwirtschaftlich vernünftiges Verhalten kann gesamtwirtschaftlich unerwünschte Ergebnisse hervorbringen. Solche schädlichen Konkurrenzparadoxa haben wir für unsere Werkzeugkunde vereinfacht als Marktversagen bezeichnet.

Genau dort kann der Staat seine vielleicht älteste Kernkompetenz einsetzen: Er kann verbindliche Regeln setzen und Steuern erheben. Eine Marktversagenssteuer soll dabei weder bestrafen noch möglichst viel Geld für den Staat einnehmen. Sie verändert lediglich die Rahmenbedingungen so, dass aus einem schädlichen Konkurrenzparadoxon möglichst wieder eines mit Happy End wird.

Der Staat muss dafür nicht wissen, welche technische Lösung die richtige ist. Er verändert einen Preis – und lässt anschließend Millionen Käufer und Unternehmen danach suchen.

Der Staat steuert. Der Bürger kauft. Der Markt sucht die Lösung.

Dabei gilt allerdings die wichtigste Handwerkerregel: Mit einer Reparatur möglichst keinen neuen Schaden verursachen. Es wäre beispielsweise wenig gewonnen, eine international konkurrierende Industrie national wesentlich stärker mit CO₂-Kosten zu belasten als ihre Wettbewerber, wenn dadurch Produktion und Emissionen lediglich ins Ausland wandern. Genau solche Fragen gehören auf internationale Klima- und Handelskonferenzen. Wo dagegen kein relevanter internationaler Standortwettbewerb besteht, kann eine langfristig planbare, steigende CO₂-Bepreisung den Wettbewerb nach besseren Lösungen suchen lassen. Werden diese durch Innovation und größere Stückzahlen irgendwann ohnehin wirtschaftlicher, hat das Werkzeug seinen Zweck erfüllt.

Das ist noch relativ einfach.

Synergetische Gesellschaftsklempnerei, erstes Lehrjahr.

Das Gesellenstück ist schwieriger.

Das Gesellenstück

Im dritten Teil haben wir die Vision einer Investitionsgesellschaft entwickelt. Wir wollen nicht erst Kapitalstock zerstören, damit anschließend wieder genügend investiert werden kann. Stattdessen brauchen wir immer neue sinnvolle Investitionsmöglichkeiten: regenerative Energieversorgung, neue Materialien, geschlossene Stoffkreisläufe und all jene Innovationen, die wir heute noch gar nicht kennen.

Dafür brauchen wir Kapital. Und eigentlich ist davon reichlich vorhanden, denn Menschen sparen. Nur sparen sie ausgerechnet deshalb, weil sie Sicherheit suchen: für das Alter, für Krankheit, für ihre Familie oder einfach für eine unbekannte Zukunft.

Und nun kommt der Gesellschaftsklempner und erklärt ihnen, sie sollten doch bitte unternehmerisch sparen.

Das hat einen kleinen Schönheitsfehler. Unternehmertum bedeutet Vorleistung gegen einen unsicheren späteren Ertrag. Wer unternehmerisch investiert, übernimmt Risiko.

Warum sollte jemand, der Sicherheit sucht, ausgerechnet Risiko kaufen?

Vielleicht liegt ein Teil des Problems darin, dass wir von derselben Sparform zwei Dinge erwarten, die wir besser voneinander trennen sollten: Sicherheit und Rendite.

Geld eignet sich hervorragend dazu, Kaufkraft für später bereitzuhalten. Dafür braucht es Sicherheit, Liquidität und möglichst stabile Kaufkraft. Wer dagegen einen Vermögenszuwachs erzielen möchte, könnte sich an realer Wertschöpfung beteiligen – und dafür auch einen Teil ihres Risikos übernehmen.

Genau dieser Gedanke steckte bereits in meinem Reformvorschlag von 2012. Sichere Geldhaltung sollte sicher bleiben, aber keine besondere Rendite versprechen. Wer Rendite möchte, investiert in Sachwerte oder Eigenkapital.

Geld für Sicherheit. Produktivvermögen für Rendite.

Natürlich soll niemand seine Altersvorsorge auf eine einzelne Firma oder Solaranlage setzen müssen. Dafür brauchen wir breit gestreute, möglichst ungehebelte Beteiligungen an realen Investitionen. Schon 2012 hatte ich dafür den Begriff „Wertgeld“ verwendet. Banken und andere Finanzintermediäre könnten reale Investitionen prüfen, bündeln und für normale Menschen investierbar machen.

Der Sparer würde damit ein kleines Stück Unternehmer. Und genau das brauchen wir für die Investitionsgesellschaft.

Nur sind wir damit noch nicht am Grund des Problems.

Warum sparen wir so viel?

Menschen sparen nicht nur, weil Geld als Anlage attraktiv ist. Sie sparen, weil ihre Zukunft unsicher ist. Besonders deutlich wird das beim Alter.

Wenn jeder Einzelne für Jahrzehnte seines Ruhestands finanzielle Forderungen ansammeln soll, erzeugen wir gesellschaftlich einen gewaltigen Wunsch nach Geldvermögen. Nur braucht jede Forderung auf der anderen Seite jemanden, der die entsprechende Verbindlichkeit hält.

Deshalb gehört eine stärkere Umlagefinanzierung der Alterssicherung in denselben Werkzeugkasten. Schon der Entwurf von 2012 verband die Veränderung des Sparens mit einer möglichst beitrags- beziehungsweise umlagefinanzierten Altersvorsorge.

Das eigene Sparen soll dadurch keineswegs verschwinden. Es bekommt nur eine andere Funktion. Gesellschaftlich organisierte Alterssicherung und sicheres Geld bedienen einen Teil unseres Sicherheitsbedürfnisses. Wer darüber hinaus Vermögen aufbauen und Rendite erzielen möchte, kann sich stärker an produktivem Realvermögen beteiligen.

Damit wird aus Geldsparen unternehmerisches Sparen – und aus Sparvermögen Investitionskapital.

Und genau an diesem Punkt bekommt die Sache eine internationale Dimension.

Denn finanzielle Überschüsse verschwinden nicht, indem wir sie über eine Grenze schieben. Wenn die privaten Wirtschaftsteilnehmer eines Landes dauerhaft Geldvermögen aufbauen wollen und sich gleichzeitig der eigene Staat nicht entsprechend verschulden soll, muss jemand anderes die Gegenposition übernehmen. Über dauerhafte Leistungsbilanzüberschüsse kann das Ausland zu diesem Schuldner werden.

Dann haben wir das Problem nicht gelöst.

Wir haben es auf einen internationalen Verschiebebahnhof gestellt.

Nicht jedes Land kann Exportweltmeister sein. Und wenn viele Länder versuchen, ihre eigene Nachfrage- und Sparproblematik über Überschüsse gegenüber anderen zu lösen, wird aus einem nationalen Konkurrenzparadoxon ein internationales.

China ist dafür heute ein besonders interessantes Beispiel. Eine Gesellschaft mit hoher Sparneigung und unzureichender sozialer Absicherung hat einen starken Grund, Vermögen für die Zukunft zurückzulegen. Eine bessere soziale Absicherung und eine stärkere Binnennachfrage könnten deshalb nicht nur Sozialpolitik sein. Sie könnten zugleich den Druck vermindern, Wachstum über Auslandsnachfrage und dauerhafte außenwirtschaftliche Überschüsse abzusichern.

Plötzlich wird Rentenpolitik zur Außenwirtschaftspolitik – und Außenwirtschaftspolitik zur Friedenspolitik.

Der Gesellschaftsklempner fragt deshalb nicht empört, warum ein Land so viel exportiert.

Er fragt:

Warum ist überhaupt so viel Druck auf dem Rohr?

Der Werkzeugkasten

Jetzt fügen sich die einzelnen Werkzeuge zusammen.

Die Kreditsteuer sorgt dafür, dass wir Kreditnachfrage bremsen können, ohne dafür ausgerechnet das sichere Geldsparen durch höhere Zinsen attraktiver machen zu müssen. Bereits 2012 war die Idee, den Kreditzins aus einer variablen Kreditsteuer und einer wettbewerblichen Bankmarge entstehen zu lassen.

Die Exportsteuer setzt dort an, wo nationale Überschüsse dauerhaft auf das Ausland verschoben werden. Sie soll Außenhandel nicht verhindern, sondern extreme und dauerhafte Überschüsse zunehmend unattraktiv machen. Kreditsteuer, Rückverteilung an Bürger und variable Exportbesteuerung waren deshalb bereits 2012 Bestandteile desselben Werkzeugkastens.

Und zusammen ergibt sich etwas, das viel interessanter ist als jedes einzelne Instrument.

Eine stärkere Umlagesicherung reduziert den Zwang, für das Alter immer größere finanzielle Forderungsbestände aufzubauen. Sicheres Geld bleibt für Liquidität und Rücklagen verfügbar, muss dafür aber keine Rendite liefern. Wer Vermögen vermehren möchte, beteiligt sich stärker an produktivem Realvermögen und finanziert damit die Investitionsgesellschaft. Die Kreditsteuer ermöglicht makroökonomische Steuerung, ohne das Geldsparen attraktiver machen zu müssen. Und die Exportsteuer greift dort ein, wo überschüssige Geldvermögensbildung auf das Ausland verschoben wird.

Der Staat entscheidet dabei gerade nicht, welche Fabrik, welcher Speicher, welche Wärmepumpe oder welches Recyclingverfahren gebaut werden soll.

Er stellt lediglich den Werkzeugkasten bereit und korrigiert die Rahmenbedingungen dort, wo Rationalitätenfallen entstehen.

Den Rest erledigen möglichst Käufer, Investoren, Unternehmer und die unsichtbare Hand.

Das passende Werkzeug

Vielleicht ist Kaufwirtschaft deshalb gar nicht die Suche nach einer neuen perfekten Wirtschaftsordnung.

Vielleicht ist sie die Suche nach guten Werkzeugen für unvermeidbare Unvollkommenheiten.

Wir haben unperfekte Menschen. Also brauchen wir Regeln, die mit Eigeninteressen funktionieren. Wir haben unperfekte Schulden. Also müssen wir unterscheiden, wo Schuld produktive Vorleistung ermöglicht und wo Forderungssparen immer neue Schuldner benötigt. Wir haben einen unperfekten Kapitalismus. Also versuchen wir, seinen Gewinnzwang in einen Investitions- und Innovationsantrieb zu verwandeln.

Und wir haben einen unperfekten Staat. Deshalb soll auch er möglichst nicht entscheiden, welche wirtschaftliche Lösung die richtige ist. Er soll seine besondere Stärke dort einsetzen, wo der Markt seine besondere Schwäche zeigt – und sich danach möglichst wieder zurücknehmen.

Nicht Markt oder Staat. Sondern die Synergie ihrer Stärken.

Vielleicht ist das tatsächlich nicht komplizierter als gutes Handwerk. Man muss verstehen, was kaputt ist. Man muss wissen, welches Werkzeug an welche Stelle gehört. Und man sollte beim Reparieren möglichst kein neues Rohr kaputtmachen.

Dann wäre die Investitionsgesellschaft keine große Utopie, die irgendwann von besseren Menschen errichtet werden muss.

Sie wäre ein ziemlich handfestes Projekt für die unperfekten Menschen, die wir bereits sind.

Und vielleicht ist genau das die ganze Kunst der synergetischen Gesellschaftsklempnerei.


Ein letzter Appell

Man muss unseren Überlegungen und schon gar nicht unseren Werkzeugen zustimmen. Aber die wirtschaftlichen Grundlagen, auf denen wir sie entwickelt haben, sollte eine Gesellschaft verstehen, die über ihre wirtschaftliche Zukunft entscheiden will.

Deshalb ein Appell an uns alle als Wähler: Informieren wir uns, bevor wir urteilen. An Lehrer und Schulen: Bringen wir unseren Kindern die grundlegenden Zusammenhänge einer arbeitsteiligen Geldwirtschaft bei. An Ökonomen: Nehmen Sie diese Grundlagen zum Ausgangspunkt Ihrer Arbeit – und entwickeln Sie bessere Werkzeuge, wenn unsere nicht funktionieren. Und an Politiker: Wer über Schulden, Steuern, Sparen und Außenhandel entscheidet, sollte diese Zusammenhänge wenigstens in ihren Grundzügen verstanden haben.

Mehr verlangen wir eigentlich gar nicht.

Erst verstehen. Dann urteilen. Und dann gemeinsam eine bessere Welt bauen.

Nachwort – Warum dieses Buch anders denkt

Vielleicht ist Ihnen beim Lesen etwas aufgefallen: In diesem Buch kommen erstaunlich wenige Ökonomen vor.

Das ist Absicht.

Wir wollten möglichst wenig darüber sprechen, wer etwas gesagt hat, und möglichst viel darüber, ob etwas richtig ist und auf welcher Ebene es richtig ist. Denn Namen haben eine unangenehme Eigenschaft: Sie bringen ihre Lager gleich mit. Wer Smith hört, denkt Markt. Wer Marx hört, denkt Kapitalismuskritik. Und schon beginnt unser Urteilen, bevor unser Denken richtig angefangen hat.

Deshalb haben wir die Namen weitgehend weggelassen. Graeber brauchten wir für den Zweifel an der historischen Tauscherzählung. Smith und Marx brauchten wir geradezu als gegensätzliche Bilder. Und dann blieb noch Wolfgang Stützel.

Ausgerechnet er.

Denn vielleicht war Stützel einer der synergetischsten Denker der Ökonomie. Seine Begriffe erlauben etwas, das wir dringend brauchen: Aussagen auseinanderzuhalten, die auf unterschiedlichen Ebenen gleichzeitig richtig sein können. Sein Konkurrenzparadoxon zeigt, dass einzelwirtschaftlich vernünftiges Handeln für die Gesamtheit zu einem guten oder schlechten Ergebnis führen kann. Seine Unterscheidung von Partial- und Globalbetrachtung zwingt uns dazu, immer wieder zu fragen: Für wen gilt dieser Satz eigentlich – für einen Einzelnen oder für alle zusammen?

Diese Begriffe haben allerdings außerhalb kleiner ökonomischer Kreise kaum ein Eigenleben entwickelt. Vielleicht ist das ein viel größeres Problem, als es zunächst klingt.

Denn wir können nur schwer denken, wofür uns die Begriffe und Bilder fehlen.

Genau darin liegt die eigentliche Absicht dieses Buches. Es will nicht möglichst viele Details erklären. Es versucht zunächst, Bilder zu schaffen, auf deren Grundlage wir Details anders denken können.

Die Kaufwirtschaft ist ein solches Bild. Der Kaufvorsprung ist eines. Die Rationalitätenfalle. Das Konkurrenzparadoxon. Die unsichtbare Hand mit Happy End und das Marktversagen ohne Happy End. Die Investitionsgesellschaft. Der internationale Verschiebebahnhof. Und schließlich der Werkzeugkasten der synergetischen Gesellschaftsklempnerei.

Vielleicht sind einige dieser Bilder falsch. Dann sollten wir bessere bauen. Aber ohne ein halbwegs brauchbares Bild vom Ganzen können wir uns in den Details außerordentlich klug bewegen – und trotzdem in die falsche Richtung laufen.

Die Relativität gesellschaftlichen Denkens

Hinter dieser Art zu denken steht ein noch allgemeinerer Gedanke:

Jede Aussage über Mensch und Gesellschaft ist gleichzeitig wahr und unwahr – solange ihre Bezugsebene nicht genannt ist.

Das klingt zunächst absurd. Wir sind gewohnt, Aussagen in richtig oder falsch einzuteilen. Doch gesellschaftliche Wirklichkeit funktioniert häufig nicht so bequem.

Es kann für den Einzelnen vollkommen vernünftig sein, Geld zu sparen. Wenn aber alle gleichzeitig Nettogeldvermögen bilden wollen, braucht es auf der anderen Seite entsprechende Schuldner. Es kann für ein einzelnes Unternehmen vernünftig sein, Kosten zu senken. Wenn alle Beteiligten dasselbe tun, kann daraus etwas völlig anderes entstehen. Und es kann für ein Land vernünftig erscheinen, mehr zu exportieren als zu importieren – nur können unmöglich alle Länder gleichzeitig Leistungsbilanzüberschüsse erzielen.

Die Aussage ändert sich nicht.

Die Bezugsebene ändert sich.

Genau deshalb haben wir in diesem Buch versucht, Widersprüche nicht vorschnell aufzulösen, indem wir eine Seite für richtig und die andere für falsch erklären.

Der Liberale sieht die erstaunliche Leistungsfähigkeit der unsichtbaren Hand – und läuft Gefahr, ihre Schattenseite, das Marktversagen, zu unterschätzen. Der Linke sieht die Schattenseiten des Marktes – und läuft Gefahr, nicht ausreichend zu würdigen, welch gewaltige Koordinations- und Innovationsleistung die unsichtbare Hand vollbringen kann.

Und selbstverständlich steht auch der Ökonom nicht außerhalb des Systems, das er untersucht. Er ist selbst ein Mensch mit Interessen, Gewohnheiten und Vorstellungen. Vielleicht spart auch er gern Geld – oder würde es zumindest gern tun. Dann ist es gar nicht so einfach, in der gesellschaftlich hoch angesehenen Tugend des Geldsparens gleichzeitig ein gesamtwirtschaftliches Problem zu erkennen.

Vielleicht liegt darin sogar ein Teil der Erklärung, warum sich das Bild von der Tauschwirtschaft und ihren „Gelddingern“ so hartnäckig halten konnte. Es entspricht unserer Alltagserfahrung. Wir verdienen Geld, sparen es, kaufen damit Dinge und erleben das Geld deshalb als etwas, das zwischen den eigentlichen wirtschaftlichen Vorgängen steht. Erst wenn wir die Ebene wechseln und das Ganze betrachten, sehen wir Käufe, Verkäufe, Vorleistungen, Forderungen und Verbindlichkeiten – und die Zeit, die alles miteinander verbindet.

Das ist die Relativität gesellschaftlichen Denkens: Eine Teilwahrheit wird nicht dadurch falsch, dass wir ihre Grenze entdecken. Sie wird präziser.

Deshalb lautet der Denktrick hinter diesem Buch nicht: Wer hat recht?

Er lautet:

Auf welcher Ebene hat wer recht?

Und danach beginnt erst die wirklich interessante Arbeit: Können wir die Teilwahrheiten so zusammenbringen, dass daraus etwas entsteht, das vorher keine der beiden Seiten sehen konnte?

Das nennen wir Synthese.

Und wenn aus dieser Synthese nicht nur ein schöner Gedanke, sondern ein gemeinsamer Vorteil entsteht, nennen wir es Synergie.

Vom Heizungsbauer zum Gesellschaftsklempner

Der Autor dieses Buches ist übrigens gar kein Klempner. Er produziert seit vielen Jahren Heizungstechnik. Das ist etwas anderes – aber für die Metapher nah genug. 🙂

Vielleicht prägt eine solche Arbeit tatsächlich das Denken. In einem technischen System hilft es wenig, sich in eine Komponente zu verlieben. Eine hervorragende Wärmepumpe kann Bestandteil einer schlechten Anlage sein. Ein vermeintlich ineffizienter Speicher kann im Gesamtsystem eine wichtige Funktion erfüllen. Entscheidend ist am Ende nicht, ob jedes Einzelteil einer bestimmten Lehre entspricht, sondern ob die Teile zusammen ein gutes System ergeben.

Genau diese Denkweise steckt hinter der Synergiewende und hinter diesem Buch.

Sie sucht bewusst auch nach der Schattenseite der eigenen Lieblingsidee. Nicht weil alles gleich gut oder gleich wahr wäre. Sondern weil man ein System erst versteht, wenn man seine Wirkungen aus verschiedenen Bezugsebenen betrachtet.

Vielleicht ist deshalb auch Kaufwirtschaft weniger eine neue Wirtschaftslehre als zunächst eine andere Art, wirtschaftliche Fragen zu stellen.

Nicht: Markt oder Staat?

Sondern: Was kann der Markt besser – und was der Staat?

Nicht: Smith oder Marx?

Sondern: Wo gilt Smith – und wo gilt Marx?

Nicht: Sparen oder Konsumieren?

Sondern: Welche Form des Sparens erzeugt auf welcher Ebene welche Wirkung?

Nicht: Kapitalismus abschaffen oder Kapitalismus verteidigen?

Sondern: Welche seiner Kräfte können wir nutzen, um seine eigenen Paradoxa zu überwinden?

Vielleicht ist das die eigentliche Synergiewende.

Wir müssen die Widersprüche nicht beseitigen, indem wir eine ihrer Seiten beseitigen. Wir können versuchen, beide Seiten zu verstehen, ihre Gültigkeitsbereiche zu bestimmen und anschließend nach einer Synthese zu suchen.

Das funktioniert nicht immer. Auch dieses Buch kann irren. Seine Werkzeuge können sich als untauglich erweisen, seine Bilder als zu einfach und seine Schlussfolgerungen als falsch.

Dann gilt für dieses Buch genau dasselbe wie für die Gesellschaft, über die es nachdenkt:

Erst verstehen. Dann urteilen. Und dann reparieren, was nicht funktioniert.

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