Frieden ist denkbar – durch Legitimierung der Antithese

Der anhaltinische Denkzettel kann Ihr Leben retten

Viele Menschen im Westen sehen in der Wahl in Sachsen-Anhalt vor allem eine Gefahr. Ich möchte Ihnen eine andere Möglichkeit erläutern: die enorme Chance, welche die Abwahl eines alten Zeitgeistes mit sich bringen könnte.

Die Anhaltiner haben aus ihrem Wahlzettel einen Denkzettel gemacht. Und vielleicht sollten wir dieses schöne deutsche Wort diesmal ganz wörtlich nehmen: als Denk-Zettel. Als Aufforderung, noch einmal nachzudenken, bevor wir Dinge tun, die sich möglicherweise nicht mehr rückgängig machen lassen.

Das betrifft zuallererst unseren Frieden.

In der Wahrnehmung der russischen Führung befinden wir uns mittlerweile auf einem gefährlichen Konfrontationskurs mit Russland. Wer diese Wahrnehmung kennenlernen möchte, sollte sich das aktuelle Gespräch von Ben Berndt mit dem russischen Botschafter Sergej Netschajew anhören.

Nun können Sie dessen Weltsicht zu hundert Prozent anders sehen. Sie können sie für Propaganda halten. Sie können darauf verweisen, dass Russland die Ukraine angegriffen hat, die Ukraine sich verteidigt und unsere Unterstützung der Ukraine deshalb vollkommen anders bewerten.

Das alles ändert nur eine Tatsache nicht: Es ist die Sicht der anderen Seite.

Und wenn es die Russen sind, die sich von uns bedroht oder angegriffen fühlen und daraus irgendwann eine militärische Eskalationsentscheidung ableiten, dann kommt es für diese Entscheidung auf unsere Sicht gar nicht an. Wir können tausendmal davon überzeugt sein, dass unser Handeln defensiv, moralisch richtig und friedenssichernd ist. Die andere Seite reagiert auf ihre Wahrnehmung unseres Handelns – nicht auf unsere.

Das bedeutet nicht, dass ihre Wahrnehmung richtig ist. Es bedeutet nur, dass sie für ihr Handeln relevant ist. Und wenn daraus irgendwann ein direkter Krieg entsteht, müssen auch Sie, Ihr Partner, Ihre Kinder und Enkel diesen Krieg nicht überleben.

Soweit sind wir eigentlich nur mit Logik unterwegs. Oder?

Nun könnte unsere gegenwärtige Politik tatsächlich alternativlos sein. Vielleicht gibt es keinen anderen verantwortbaren Weg und wir müssen dieses Risiko eingehen. Aber bevor wir möglicherweise dafür sterben, könnten wir wenigstens noch einmal nachdenken.

Von der Polarität zur Synthese

Clausewitz bezeichnete den Krieg bekanntlich als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Für unser Problem möchte ich daraus einen anderen Satz machen:

Krieg ist die Fortsetzung der Polarität mit anderen Mitteln.

Damit wird sofort eine mögliche Alternative sichtbar. Wenn wir verhindern wollen, dass Polarität irgendwann militärisch ausgetragen wird, müssen wir versuchen, sie vorher aufzulösen.

Und damit landen wir bei einem sehr alten Gedanken: These, Antithese, Synthese. Das ist zwar die populäre Kurzform einer wesentlich komplizierteren dialektischen Denkbewegung, aber für unseren Zweck reicht sie vollkommen.

Wenn zwei Seiten einander widersprechen, müssen wir nicht sofort entscheiden, welche Seite vollständig recht und welche vollständig unrecht hat. Wir können fragen, was an der These richtig ist, was an der Antithese richtig sein könnte und ob sich daraus eine neue Ebene entwickeln lässt, auf der die Teilwahrheiten beider Seiten erhalten bleiben.

Wenn daraus etwas entsteht, das mehr kann als die gegeneinanderstehenden Positionen, entsteht Synergie. Und genau deshalb ist die Synergiewende für mich letztlich auch eine Wende zum Frieden.

Nur haben wir dafür gegenwärtig ein ziemlich fundamentales Problem: Uns fehlt die legitime Antithese.

An einer starken westlichen These zum Ukrainekrieg herrscht kein Mangel. Russland hat die Ukraine angegriffen, die Ukraine verteidigt sich, und wir unterstützen sie dabei. Aber wo hören wir die stärkstmögliche russische Antithese? Nicht ihre Karikatur. Nicht einen herausgeschnittenen Satz mit anschließender Einordnung. Sondern die tatsächliche Sicht der Menschen, deren Entscheidungen für unser Überleben irgendwann von erheblicher Bedeutung sein könnten.

Genau deshalb halte ich Bens Interview für wichtig. Nicht weil der russische Botschafter recht hat, sondern weil er reden darf.

Die Antithese muss nicht wahr sein. Sie muss zunächst legitim sein.

Erst dann können mündige Bürger sie hören, prüfen, ihr widersprechen und möglicherweise sogar feststellen, dass ein Teil davon etwas beschreibt, das in unserer eigenen Wahrnehmung fehlt.

Eine Haltokratie muss die Antithese dagegen gar nicht verbieten. Es genügt, sie zu delegitimieren. Wenn bereits das Anhören einer Position verdächtig wird und Etiketten wie „Putinversteher“, „Verschwörungstheoretiker“ oder „Propagandist“ die inhaltliche Auseinandersetzung ersetzen, muss über die Aussage selbst nicht mehr nachgedacht werden.

Damit verschwindet aber nicht nur die Antithese aus dem legitimen Denkraum.

Es verschwindet auch der Weg zur Synthese.

Vom Westfernsehen zu Friedensmedien

Vielleicht liegt darin die eigentliche Chance des anhaltinischen Denkzettels. Nicht weil nun die richtige Partei gewonnen hätte. Das wäre schon wieder Haltung. Sondern weil ein alter Zeitgeist einen gewaltigen Denkzettel bekommen hat.

Als Ossi kommt mir der zugrunde liegende Mechanismus nicht völlig unbekannt vor. Nicht weil die heutige Bundesrepublik die DDR wäre. Das ist sie nicht. Sondern weil ich schon einmal erlebt habe, was passiert, wenn immer mehr Menschen zwischen der medial beschriebenen Wirklichkeit und ihrer eigenen Wahrnehmung eine wachsende Entfernung empfinden.

Irgendwann suchen sie sich eine zweite Beschreibung der Wirklichkeit.

Früher hieß das bei uns Westfernsehen. Heute heißt es Internet, Podcast oder vielleicht Ben ungeskriptet.

Das Entscheidende am Westfernsehen war für uns damals gar nicht, dass dort automatisch die Wahrheit lief. Wir bekamen etwas viel Wertvolleres: eine zweite Beschreibung der Wirklichkeit. Wir konnten vergleichen.

Genau das brauchen mündige Bürger.

Deshalb wäre es fatal, aus dem anhaltinischen Denkzettel lediglich den Auftrag abzuleiten, nun die Farbe der Haltung zu wechseln. Ich möchte keinen grünen, roten, schwarzen oder blauen Haltungsfunk. Ich möchte Medien, die die Antithese nicht bekämpfen, sondern suchen. Eine wirkliche vierte Gewalt müsste gerade jene Sichtweisen sichtbar machen, die der jeweils herrschenden Politik und dem jeweiligen Zeitgeist unangenehm sind.

Nicht um sie für wahr zu erklären. Sondern um sie zu prüfen.

Friedensmedien wären Medien der legitimen Antithese.

Wie wichtig das sein kann, hat ausgerechnet das öffentlich-rechtliche Fernsehen selbst einmal eindrucksvoll gezeigt. 2014 beschäftigte sich die ZDF-Satiresendung „Die Anstalt“ mit Verbindungen deutscher Leitjournalisten zu transatlantischen Organisationen und sicherheitspolitischen Netzwerken. Über einzelne Darstellungen wurde anschließend sogar vor Gericht gestritten.

Suchen Sie ruhig einmal nach „Die Anstalt 2014 transatlantische Netzwerke“.

Mich interessiert daran weniger, ob jede damalige Zuspitzung der beiden Hofnarren richtig war. Die interessantere Frage lautet: Wer kontrolliert eigentlich die Kontrolleure?

Gerade der öffentlich-rechtliche Rundfunk könnte daraus seine eigentliche Stärke entwickeln. Nicht als „Wahrheitsministerium“, das die Wirklichkeit für betreute Bürger einordnet. Und auch nicht als Pressestelle irgendeines politischen oder geopolitischen Lagers. Sondern als wiederauferstandene vierte Gewalt, die sich auch mit einer angeblich guten Sache nicht gemein macht.

Das wäre kein Haltungsfunk.

Das wäre Friedensfunk.

Aber selbst die besten Friedensmedien reichen nicht aus. Sie können uns die Antithese zurückgeben. Verstehen müssen wir sie trotzdem selbst.

Von den Friedensmedien zur Friedenswissenschaft

Und genau hier führt der anhaltinische Denkzettel weit über Medien und Russland hinaus.

Diese Woche hörte ich bei Herbert Saurugg auf den Wirtschaftssicherheitstagen einen Gedanken, der mich seitdem nicht mehr loslässt. Sinngemäß: Wer das Ganze nicht versteht, versteht auch die Teile nicht.

Vielleicht liegt darin eines unserer größten gesellschaftlichen Probleme. Wir verfügen über ungeheures Detailwissen. Wir haben Spezialisten für praktisch jedes Problem. Und trotzdem bekommen wir einige der großen Zusammenhänge erstaunlich schlecht geregelt.

Vielleicht wissen wir immer mehr über die Teile und verstehen gleichzeitig immer weniger davon, wie sie als Ganzes zusammenwirken.

Besonders deutlich wird das für mich in der Volkswirtschaftslehre. Seit Jahrhunderten stehen sich auch dort Thesen und Antithesen gegenüber: Markt oder Staat, Kapitalismus oder Sozialismus, Sparen oder Konsumieren, Schuldner oder Gläubiger, Smith oder Marx.

Jede Seite sieht etwas. Jede Seite besitzt Teilwahrheiten. Vielleicht besteht unsere Aufgabe aber gar nicht darin, endlich herauszufinden, welche Seite gewinnt.

Vielleicht müssen wir endlich verstehen, wie das Ganze funktioniert.

Denn wer das Ganze nicht versteht, kann in jedem einzelnen Detail recht haben – und mit dem Gesamtsystem trotzdem grandios scheitern.

Und wenn wirtschaftliche Systemprobleme gesellschaftliche Polaritäten erzeugen und diese Polaritäten irgendwann politische und militärische Konflikte nähren, dann ist Volkswirtschaftslehre keine bloße akademische Disziplin mehr.

Dann brauchen wir Friedenswissenschaft.

Kaufwirtschaft – ein neues Paradigma der VWL

Genau deshalb beschäftige ich mich mit einem neuen Paradigma der Volkswirtschaftslehre, das ich Kaufwirtschaft nenne.

Die Kaufwirtschaft beginnt nicht bei einer gedachten Tauschwirtschaft, sondern bei der real existierenden Geld- und Kaufwirtschaft. Sie versucht Geld, Forderungen und Schulden, Sparen und Investieren, Gewinn, Wettbewerb, Staat und menschliches Verhalten nicht isoliert, sondern in ihrem Zusammenhang zu verstehen.

Nicht als nächste ökonomische Haltung. Nicht als Sieg des Kapitalismus über den Sozialismus oder des Sozialismus über den Kapitalismus.

Sondern als Versuch, die Teilwahrheiten unterschiedlicher ökonomischer Beschreibungen zu einem Verständnis des Ganzen zusammenzuführen.

Vielleicht haben wir nämlich gar nicht zu wenige Theorien. Vielleicht bekommen wir ihre Wahrheiten nur nicht zusammen.

Genau darum geht es mir auf kaufwirtschaft.de.

Und damit schließt sich für mich der Kreis.

Wir brauchen Friedensmedien, welche die legitime Antithese wieder in den öffentlichen Denkraum holen. Und wir brauchen Friedenswissenschaft, die aus unterschiedlichen Teilwahrheiten ein Verständnis des Ganzen entwickelt.

Die Friedensmedien schaffen die Voraussetzung, dass wir wieder unterschiedliche Wirklichkeiten wahrnehmen können.

Die Friedenswissenschaft schafft die Voraussetzung, dass wir deren Zusammenhänge verstehen können.

Und aus beidem kann etwas entstehen, das größer ist als seine Teile:

Synergie.

Vielleicht kann der anhaltinische Denkzettel deshalb tatsächlich unser Leben retten. Nicht weil darauf die richtige Partei angekreuzt wurde, sondern weil er uns möglicherweise zwingt, etwas wiederzuentdecken, das wir viel zu lange durch Haltung ersetzt haben:

Denken.

These hören. Antithese legitimieren. Das Ganze verstehen. Synthese suchen.

Friedensmedien + Friedenswissenschaft = Synergie für den Frieden.

Und die ökonomische Grundlage dieser Friedenswissenschaft könnte ein neues Paradigma der VWL sein:

Kaufwirtschaft.

Kommentare

Ein Kommentar zu „Frieden ist denkbar – durch Legitimierung der Antithese“

  1. Avatar von Frank Kose
    Frank Kose

    Sie entwickeln neue Paradigmen. Das brauchen wir. Allerdings gibt es gibt es für mich ein zentrales Paradigma: Fortschritt muss durch Wirtschaft in einen Zugewinn für alle verwandelt werden. Das erfordert Diskurs, denn eine Triebkraft der Wirtschaft ist der Vorteil des Einzelnen. Beides ist legitim. Die Synthese muss immer wieder systemisch erstritten werden. Deshalb sind wir als Bürger(innen) herausgefordert, das abzuwählen, was diese systemischen Voraussetzungen unseres Diskurses zerstören will und das sind für mich zur Zeit A*D, CxU und als Erfüllungsgehilfen SPD.

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