
Warum eine Haltungsdemokratie nicht leistungsfähig und am Ende sogar gefährlich ist
Viele Menschen sind mit den Leistungen unseres politischen Personals nicht sonderlich zufrieden. Man muss sich nur gelegentlich die Beliebtheitswerte führender Politiker anschauen. Andere zweifeln an der Leistungsfähigkeit unserer Institutionen. Und längst beschränkt sich dieses Unbehagen nicht mehr auf die Politik. Unternehmen kämpfen mit Bürokratie und Kosten, Infrastruktur und Digitalisierung kommen nur mühsam voran, und bei Forschung, Innovation und internationaler Wettbewerbsfähigkeit schauen wir immer häufiger etwas neidisch auf andere Teile der Welt.
Nun darf ich als jemand, der den Verfall eines deutschen Landes unter einem zumindest in einem Punkt erstaunlich ähnlichen Mindset schon einmal miterlebt hat, einen Erklärungsversuch anbieten. Vielleicht betrachten wir nämlich lauter einzelne Probleme, obwohl wir es mit einem gemeinsamen Phänomen zu tun haben. Vielleicht ist die mangelnde Leistungsfähigkeit nicht einfach die Summe vieler falscher Entscheidungen, sondern auch die Folge einer Gesellschaft, die Haltung zur Tugend erklärt hat.
Für diesen Zustand möchte ich einen Begriff vorschlagen: Haltokratie.
Eine Haltokratie ist keine neue Staatsform. Wir haben selbstverständlich weiterhin eine Demokratie, Wahlen, Parlamente und eine freiheitlich-demokratische Grundordnung. Haltokratie bezeichnet vielmehr einen Zeitgeist, der sich innerhalb einer Demokratie ausbreiten kann: eine Kultur, in der die Übereinstimmung mit der richtigen Haltung zunehmend wichtiger wird als die unangenehme Frage, ob das, was man mit dieser Haltung tut, eigentlich funktioniert.
Und genau darin erkenne ich etwas wieder.
Haltokratie – die Herrschaft der Minderleister
Wo Haltung zählt, zählt eben zunächst Haltung und nicht Leistung. Das war damals schon ein Problem. Nicht unbedingt die Besten und Leistungsfähigsten gelangten nach oben, sondern Menschen, die neben ihrer fachlichen Eignung eine weitere wichtige Qualifikation besaßen: Sie mussten innerhalb des herrschenden Denkrahmens zuverlässig funktionieren.
Das klingt zunächst gar nicht besonders dramatisch. Es entwickelt aber einen fatalen Selektionsmechanismus. Leistung besitzt nämlich eine unangenehme Eigenschaft: Sie wird von der Wirklichkeit überprüft. Eine Brücke trägt oder sie stürzt ein. Eine Maschine funktioniert oder funktioniert nicht. Ein Unternehmen verdient seine Kapitalkosten oder verschwindet irgendwann. Und eine politische Maßnahme erreicht ihr Ziel – oder eben nicht.
Haltung hat es da wesentlich bequemer. Sie kann selbst dann noch richtig bleiben, wenn ihre Ergebnisse katastrophal sind. Man muss nur erklären können, warum nicht die Haltung, sondern irgendwelche äußeren Umstände für das Ergebnis verantwortlich waren.
So bekommt ein System mit der Zeit genau das Personal, nach dessen Eigenschaften es auswählt. Wer Erfolg an Ergebnissen misst, sucht Menschen, die Probleme lösen können. Wer Erfolg zunehmend an Haltung misst, fördert Menschen, die die richtige Haltung besonders zuverlässig repräsentieren.
Deshalb nenne ich die Haltokratie etwas boshaft die Herrschaft der Minderleister. Nicht weil Menschen mit Haltung zwangsläufig dumm oder unfähig wären. Das wäre viel zu einfach. Die Haltokratie ist gerade deshalb so gefährlich, weil sie auch ausgesprochen klugen Menschen beibringen kann, ihre Klugheit an den entscheidenden Stellen nicht mehr zu benutzen.
Besonders schwierig wird es, wenn Haltung und wahrnehmbare Wirklichkeit miteinander kollidieren. Dann muss eine Führungskraft nicht mehr nur ein Problem lösen. Sie muss gleichzeitig erklären, warum das Problem trotz der richtigen Politik überhaupt existiert. Ein aufrechter Mensch kann dabei irgendwann ein Karriereproblem bekommen, weil ihm möglicherweise der verhängnisvolle Satz herausrutscht: Das funktioniert nicht.
In einer leistungsorientierten Organisation kann dieser Satz eine Karriere begründen. In einer Haltokratie kann er sie beenden.
Das Problem heißt Klaus
Aber vielleicht machen wir es uns zu einfach, wenn wir nur auf Politiker, Funktionäre und Journalisten zeigen. Denn das eigentliche Problem sitzt vermutlich auch bei uns zu Hause auf dem Sofa.
Nennen wir ihn Klaus.
Wenn Sie Klaus sehen, sehen Sie zunächst nur einen Menschen. Das ist für unser Gedankenexperiment möglicherweise ein Wahrnehmungsfehler. Wir sollten Klaus sicherheitshalber mindestens dreifach sehen.
Da ist zunächst Klaus der Wünscher. Sehr vereinfacht entspricht er dem Kindheits-Ich aus Eric Bernes Transaktionsanalyse. Klaus der Wünscher möchte eine bessere Welt. Er möchte Frieden, Gerechtigkeit, eine intakte Umwelt, Solidarität und möglichst wenig menschliches Leid. Eigentlich ist das ein ausgesprochen sympathischer Kerl.
Wenn wir ein paar Jahrzehnte zurückgehen, begegnen wir ihm überall. Er demonstriert gegen Krieg und Aufrüstung, engagiert sich für Frieden, Umweltschutz und gesellschaftliche Veränderungen. Vielleicht trägt er lange Haare, vielleicht einen Parka, und vielleicht sitzt er Jahrzehnte später sogar in irgendeiner wichtigen Institution.
Klaus der Wünscher wollte wirklich das Beste.
Nur passiert mit Klaus im Laufe seines Lebens etwas Merkwürdiges. Aus Wünschen werden Überzeugungen, aus Überzeugungen werden Gewissheiten und aus Gewissheiten entstehen Urteile.
Und irgendwann steht vor uns Klaus der Urteiler.
Wie aus dem Wünscher der Urteiler wurde
Klaus der Urteiler entspricht in unserem vereinfachten Modell dem Eltern-Ich. Dieser Klaus weiß inzwischen, was richtig und falsch, gut und böse, solidarisch und unsolidarisch, demokratisch und undemokratisch ist. Vor allem weiß er inzwischen ziemlich genau, wer falschliegt.
Darin steckt eine bemerkenswerte historische Ironie. Ausgerechnet der gesellschaftliche Klaus, der einmal gegen Aufrüstung und Krieg auf die Straße gegangen ist, kann Jahrzehnte später Waffenlieferungen, Aufrüstung und Kriegstüchtigkeit für moralisch notwendig halten und Menschen, die vor weiterer Eskalation warnen, ziemlich streng beurteilen.
Dabei hat Klaus seine ursprünglichen Wünsche möglicherweise überhaupt nicht verändert. Er möchte noch immer Frieden. Er ist nur inzwischen davon überzeugt, genau zu wissen, auf welchem Weg wir ihn bekommen.
Und genau hier verwandelt sich der Wünscher in den Urteiler. Aus „Ich möchte Frieden“ wird „Dieser Weg führt zum Frieden“. Und schließlich wird daraus: „Wer diesen Weg infrage stellt, gefährdet den Frieden.“
Klaus der Wünscher wollte Frieden. Klaus der Urteiler weiß inzwischen, wie Frieden geht. Und genau jetzt wird es gefährlich.
Zum Glück gibt es noch einen dritten Klaus
Irgendwo in unserem Klaus steckt nämlich noch jemand: Klaus der zweifelnde Denker. In Bernes Modell wäre das ungefähr das Erwachsenen-Ich. Und dieser Klaus ist für eine Haltungsgesellschaft ein ausgesprochen lästiger Zeitgenosse.
Während Klaus der Wünscher sagt, dass er Frieden möchte, und Klaus der Urteiler bereits erklärt, welche Maßnahmen dafür moralisch geboten sind, stellt der dritte Klaus eine ziemlich unromantische Frage: Was soll dabei eigentlich herauskommen?
Er möchte wissen, ob der eingeschlagene Weg tatsächlich zum gewünschten Ziel führt. Er interessiert sich für Nebenwirkungen und Gegenargumente, untersucht Widersprüche und hört sogar Menschen zu, deren Ansichten ihm überhaupt nicht gefallen. Gelegentlich begeht er sogar den ultimativen Haltungsverrat und ändert aufgrund neuer Informationen seine Meinung.
Das Interessante daran ist: Klaus der Denker möchte dem Wünscher seine Wünsche überhaupt nicht wegnehmen. Im Gegenteil. Er nimmt sie vielleicht ernster als der Urteiler. Wenn Klaus Frieden will, fragt der Denker nicht, welche Handlung besonders friedfertig oder besonders entschlossen aussieht. Er fragt, welche Handlung die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass am Ende tatsächlich Frieden herrscht. Wenn Klaus das Klima schützen möchte, fragt er nach der tatsächlichen Wirkung einer Maßnahme. Wenn Klaus Menschen helfen will, interessiert ihn, welche Hilfe tatsächlich hilft.
Der Denker trennt damit etwas, was der Urteiler wieder miteinander verschmolzen hat: Ziel und Weg.
Im Zeitgeist der Haltung regiert Klaus der Urteiler
Vielleicht lässt sich damit unser gegenwärtiger Zeitgeist erstaunlich einfach beschreiben. In der Haltokratie regiert Klaus der Urteiler.
Das erklärt möglicherweise auch die merkwürdige Lust unserer Zeit am Kampf. Überall tauchen Gegner auf: Klimaleugner, Coronaleugner, Putinversteher, Rechtsextreme, Linksextreme, Kapitalisten, Sozialisten, Populisten, Globalisten. Irgendjemand bedroht immer gerade etwas, das uns heilig ist, und gegen Bedrohungen muss man bekanntlich kämpfen.
Also kämpft die Haltokratie. Sie reguliert, sanktioniert, grenzt aus, erzieht, rüstet auf und bekämpft. Dabei verbraucht sie immer mehr wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Ressourcen und wundert sich anschließend, warum ihr an anderer Stelle die Kraft ausgeht.
Vielleicht liegt darin sogar eine recht einfache Erklärung für einen Teil unseres Leistungsproblems: Wer seine Umwelt hauptsächlich in Freunde und Feinde sortiert, verwendet einen erstaunlich großen Teil seiner Intelligenz darauf, Gegner zu besiegen, statt Probleme zu lösen.
Und dann sitzt da plötzlich der russische Botschafter
Gerade deshalb finde ich bemerkenswert, was Ben Berndt heute getan hat. Mitten in einer Zeit, in der Deutsche und Russen einander wieder zunehmend als Bedrohung wahrnehmen, setzt er sich hin und redet mit dem russischen Botschafter Sergej Netschajew.
Und da sitzt plötzlich der Vertreter jenes Landes, mit dem wir uns immer weiter in eine gefährliche Konfrontation hineinbewegen, und erklärt, Russland wolle keinen Krieg mit Deutschland.
Jetzt passiert in unserem Kopf etwas Interessantes.
Klaus der Urteiler ist praktisch sofort fertig: Propaganda!
Kann sein.
Klaus der Denker reagiert anders. Der bekommt beinahe leuchtende Augen und denkt: Interessant. Dann reden wir doch mal darüber.
Nicht weil er dem russischen Botschafter automatisch glaubt. Sondern weil ihn interessiert, was dieser zu sagen hat. Was glaubt die russische Führung? Was fürchtet sie? Wie interpretiert sie unser Handeln? Wo widerspricht ihre Darstellung überprüfbaren Tatsachen? Wo erzählt sie Propaganda? Und könnte sich in dieser vollkommen anderen Beschreibung der Wirklichkeit trotzdem eine Information befinden, die wir dringend benötigen, wenn wir verhindern wollen, dass irgendwann Deutsche und Russen wieder aufeinander schießen?
Man hört einem Gegner nicht zu, weil er recht hat. Man hört ihm zu, um herauszufinden, wo er recht haben könnte und wo nicht.
Das ist der Unterschied.
Vielleicht ist das mein neues Westfernsehen
Für jemanden mit DDR-Biografie besitzt die Sache einen gewissen Unterhaltungswert. Vielleicht ist das heute mein neues Westfernsehen.
Natürlich hinkt der Vergleich gewaltig. Aber an einem Punkt passt er wunderbar. Das Interessante am Westfernsehen meiner Jugend bestand nicht darin, dass dort automatisch die Wahrheit lief. Auch dort gab es Interessen, Fehler, politische Perspektiven und selbstverständlich jede Menge Unsinn.
Das Entscheidende war etwas anderes: Wir bekamen eine zweite Beschreibung der Wirklichkeit.
Und plötzlich konnte man vergleichen.
Genau das ist für jede Haltungskultur unangenehm. Denn sobald zwei Beschreibungen der Wirklichkeit nebeneinanderstehen, taucht dieser verdammte dritte Klaus wieder auf. Der zweifelnde Denker beginnt zu vergleichen, nachzufragen und Widersprüche zu suchen.
Und möglicherweise entdeckt er dabei etwas noch viel Gefährlicheres: dass an der Sichtweise des anderen tatsächlich etwas dran sein könnte.
Dann verschwinden plötzlich die Feinde
Hier beginnt für mich der Zusammenhang mit dem Frieden.
Klaus der Urteiler braucht Gegner. Seine Welt besteht aus richtigen und falschen Positionen. Je moralischer die Frage wird, desto leichter verwandelt sich der Vertreter der falschen Position vom Irrenden zum Feind.
Klaus der Denker braucht dagegen keinen Feind. Er braucht dessen Argument.
Das bedeutet nicht, dass plötzlich alle Menschen nett sind, dass es keine Aggressoren, Machtinteressen, Lügen oder Verbrechen mehr gibt. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass der Denker zunächst eine andere Frage stellt. Nicht: Wie besiege ich dich? Sondern: Warum siehst du die Welt so anders als ich?
Und manchmal geschieht dabei etwas Erstaunliches. Man versteht, dass der andere nicht deshalb eine andere Position besitzt, weil er vollkommen verrückt oder böse sein muss. Vielleicht sieht er einen anderen Teil der Wirklichkeit. Vielleicht hat er andere Erfahrungen, andere Interessen oder andere Ängste. Vielleicht gilt ein Teil seiner Aussage auf einer anderen Bezugsebene.
Dann verschwindet nicht unbedingt der Konflikt.
Aber möglicherweise verschwindet der Feind.
Und plötzlich muss der Widerspruch nicht mehr zwingend mit dem Sieg einer Seite enden. Man kann versuchen, eine Synthese zu finden.
Gerade wenn Atommächte beteiligt sind, erscheint mir das als nicht ganz uninteressante Kulturtechnik.
Ein Zeitgeist kann verschwinden
Das Schöne an einem Zeitgeist ist, dass er kein Naturgesetz ist. Er kann wechseln.
Auch das habe ich schon einmal erlebt. Ein gesellschaftlicher Zeitgeist verliert seine Macht nicht erst, wenn seine Institutionen verschwinden. Er verliert sie viel früher: in dem Moment, in dem Menschen aufhören, seine Selbstverständlichkeiten für selbstverständlich zu halten.
Vielleicht stehen wir gerade wieder an einem solchen Punkt.
Die Wahl in Sachsen-Anhalt könnte dem bisherigen politischen Zeitgeist einen ziemlich kräftigen Schlag versetzen. Ob daraus etwas Besseres entsteht, hängt allerdings von einer Kleinigkeit ab.
Wenn anschließend einfach Klaus der blaue Urteiler den bisherigen Klaus ablöst, können wir uns die ganze Revolution sparen.
Dann tauschen wir nur die Fahnen aus.
Ein blauer Haltungsfunk wäre keinen Deut besser als ein grüner, roter oder schwarzer. Die eigentliche friedliche Revolution beginnt deshalb nicht damit, dass endlich die andere Haltung gewinnt.
Sie beginnt damit, dass Klaus der Urteiler seine Regierungsmacht verliert.
Und am Ende gewinnt sogar Klaus der Urteiler
Das ist vielleicht das Schönste an der ganzen Geschichte.
Wir müssen Klaus den Urteiler gar nicht erschießen. Das wäre ohnehin eine etwas widersprüchliche Gründungszeremonie für eine friedliche Revolution.
Er darf bleiben.
Auch Klaus der Wünscher darf selbstverständlich bleiben. Wir ändern lediglich die Geschäftsverteilung.
Klaus der Wünscher formuliert weiterhin unsere Ziele. Er darf Frieden wollen, Gerechtigkeit, Wohlstand, Freiheit, eine intakte Umwelt und eine menschliche Gesellschaft. Klaus der Urteiler darf unsere Werte bewachen und uns daran erinnern, dass nicht alles, was funktioniert, deshalb auch richtig sein muss.
Aber über den Weg lassen wir künftig Klaus den kritischen Denker nachdenken.
Der hört zu, zweifelt und prüft. Er fragt nach Folgen und Nebenwirkungen. Er trennt die Bezugsebenen. Und vor allem sucht er in der gegnerischen Position nicht nur nach dem Irrtum, sondern auch nach der Teilwahrheit, aus der sich vielleicht eine bessere Lösung bauen lässt.
Und dann könnte etwas ausgesprochen Komisches passieren:
Am Ende ist sogar Klaus der Urteiler zufrieden.
Denn vielleicht bekommt der alte Friedensbewegte tatsächlich mehr Frieden. Der Umweltschützer tatsächlich mehr Umweltschutz. Der sozial Denkende wirksamere Hilfe. Der Unternehmer bessere Bedingungen. Der Konservative kann mehr von dem bewahren, was ihm wichtig ist, und der Liberale bekommt mehr Freiheit.
Keiner muss dafür seine Werte aufgeben.
Wir müssen lediglich aufhören, unsere jeweiligen Wege mit diesen Werten zu verwechseln.
Von der Haltokratie zur Denkokratie
Vielleicht ist das die eigentliche Synthese.
Die Haltokratie ist eine Demokratie, deren Zeitgeist von Klaus dem Urteiler beherrscht wird. Ihr Gegenentwurf wäre keine neue richtige Haltung und schon gar nicht die Herrschaft besonders kluger Menschen über vermeintlich dumme.
Es wäre eine Demokratie mündiger Bürger, in der Klaus der kritische Denker wieder das letzte Wort vor der Entscheidung bekommt.
Nennen wir sie vorläufig Denkokratie.
Ihr Grundsatz wäre verblüffend unspektakulär:
Erst denken. Dann urteilen.
Vielleicht wäre das tatsächlich eine friedliche Revolution in letzter Minute. Nicht weil irgendeine Partei Deutschland retten wird. Das wäre schon wieder die Denkweise von Klaus dem Urteiler. Sondern weil ein alter Zeitgeist seine Selbstverständlichkeit verlieren und Platz für einen neuen machen könnte.
Einen Zeitgeist, der Zweifel nicht als Schwäche betrachtet, sondern als Voraussetzung des Denkens. Der den Andersdenkenden nicht automatisch zum Feind macht. Der wissen möchte, was an dessen Sichtweise richtig sein könnte. Und der aus widersprüchlichen Teilwahrheiten Lösungen zu bauen versucht, mit denen möglichst viele leben können.
Vielleicht ist die Herrschaft des Verstandes deshalb gar nicht so kalt, wie sie klingt.
Vielleicht ist sie sogar die freundlichste Herrschaft, die wir haben können.
Klaus der Wünscher darf weiterhin von einer besseren Welt träumen. Klaus der Urteiler darf seine Werte behalten. Nur Klaus der Denker bekommt künftig den Auftrag herauszufinden, wie wir tatsächlich dort ankommen.
Und wenn ihm das gelingt, könnten am Ende sogar alle drei zufrieden sein.
Vor allem aber müssten wir vielleicht nicht mehr gegen so viele Feinde kämpfen.
Angesichts der Weltlage wäre das schon ein erstaunlicher Fortschritt.
Die Haltokratie hatte ihre Zeit. Über die Denkokratie reden wir morgen.
Denn vielleicht ist Frieden tatsächlich denkbar.
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