Morgen besiegen wir Russland und übermorgen retten wir den Rest der Welt

Wie Wunschdenken einem ganzen Land den Verstand rauben kann

Ich frage mich manchmal, ob es nicht selbst ein wenig größenwahnsinnig ist, gegen den Untergang dieses Landes anzuschreiben. Vielleicht hat mich das deutsche Wunschdenken längst selbst erfasst.

Dabei muss ich manchmal an Udo Lindenbergs alten Song „Kleiner Junge“ denken. An den Mann, der am Ende in die Psychiatrie eingeliefert wird und noch immer davon überzeugt ist, nicht er sei verrückt, sondern die anderen. Und nun sitze ich hier und behaupte im Grunde etwas ganz Ähnliches:

Deutschland ist ziemlich verrückt geworden.

Das ist natürlich keine psychiatrische Diagnose von 84 Millionen Menschen. Es ist eine bewusst drastische politische Diagnose. Und ich glaube inzwischen sogar ziemlich genau erklären zu können, worin dieser Wahnsinn besteht.

Wir haben uns angewöhnt, gesellschaftliche Probleme sehr stark danach zu beurteilen, was wir erreichen wollen, und viel zu wenig danach, was durch unser Handeln tatsächlich herauskommen wird. Das klingt zunächst überhaupt nicht verrückt. Im Gegenteil: Unsere Ziele sind meistens ausgesprochen vernünftig und moralisch überzeugend. Wir wollen Frieden, Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz, Humanität, Freiheit und Demokratie.

Wer wollte das nicht?

Das Problem beginnt erst einen Schritt später. Es beginnt dort, wo wir aus der moralischen Richtigkeit eines Zieles auf die Richtigkeit des Weges schließen, der uns dorthin führen soll.

Und genau an dieser Stelle kann das gut Gemeinte gefährlich werden.

Eine verdammt gute Frage

Gestern fragte mich jemand unter einem meiner Beiträge:

„Woraus schließen Sie, dass dieser ‚neue Zeitgeist‘ besser geeignet sein sollte, mit den aktuellen politischen Herausforderungen fertig zu werden?“

Eine ausgezeichnete Frage. Meine Antwort darauf möchte ich inzwischen sehr viel drastischer formulieren als bisher:

Weil uns der alte Zeitgeist größenwahnsinnig macht.

Ich habe dafür bisher häufig Max Webers Begriffe Gesinnungsethik und Verantwortungsethik verwendet. Nur stelle ich zunehmend fest, dass diese Begriffe vielen Menschen gar nichts mehr sagen. Dabei steckt dahinter etwas geradezu Banales.

Es geht um zwei Fragen.

Die erste lautet: Was wünsche ich mir?

Die zweite lautet: Was soll dabei herauskommen?

Wir brauchen selbstverständlich die erste Frage. Ohne sie hätten wir keine gesellschaftlichen Ziele und keine Moral. Wir müssten nicht über Menschenrechte, Frieden oder soziale Gerechtigkeit reden, wenn wir uns nicht zunächst eine Vorstellung davon machten, wie eine bessere Welt aussehen soll.

Aber genau deshalb ist diese erste Frage so verführerisch. Sie beschäftigt sich mit dem gewünschten Zustand. Mit dem Guten. Mit der Welt, wie sie sein sollte.

Die zweite Frage ist unangenehmer. Sie zwingt uns, die Welt zu betrachten, wie sie tatsächlich ist. Sie fragt nach Menschen mit unterschiedlichen Interessen, nach Macht, Geld, Nebenwirkungen, Fehlanreizen und Rückkopplungen. Sie fragt nicht danach, ob unser Weg gut gemeint ist, sondern danach, ob er funktioniert.

Der Volksmund bringt diese Trennung erstaunlich präzise auf den Punkt:

Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht.

Natürlich ist das eine Übertreibung. Aber gerade deshalb versteht jeder sofort, was gemeint ist. Gute Absichten garantieren keine guten Ergebnisse.

Wie ein Land seinen Verstand verlieren kann

Und jetzt komme ich zu meiner drastischen Formulierung.

Ich glaube, ein Land kann politisch seine Zurechnungsfähigkeit verlieren.

Damit behaupte ich selbstverständlich nicht, Deutschland sei im psychiatrischen oder strafrechtlichen Sinne zurechnungsunfähig. Ich benutze diesen Begriff bewusst als Metapher für einen gesellschaftlichen Zustand: Ein Land verliert in diesem Sinne seine Zurechnungsfähigkeit, wenn es nicht mehr zuverlässig zwischen Wunsch und Wirkung unterscheiden kann.

Wenn das gewünschte Ergebnis bereits als Beweis dafür gilt, dass der eingeschlagene Weg richtig sein müsse. Wenn die Prüfung unerwünschter Folgen als Angriff auf das gute Ziel empfunden wird. Und wenn Menschen, die diese Folgen trotzdem ansprechen, zunehmend nicht mehr widerlegt, sondern moralisch eingeordnet werden.

Dann haben wir nicht zu wenig Moral. Wir haben möglicherweise zu viel Moral an der Stelle, an der wir eigentlich Verstand brauchen.

Und genau das macht diesen Mechanismus so schwer erkennbar. Menschen müssen dafür weder dumm noch böse sein. Sie können hochgebildet, intelligent, empathisch und zutiefst anständig sein. Vielleicht sind gerade solche Menschen besonders anfällig für ein Denken, bei dem die moralische Qualität des Zieles irgendwann auch den Weg heiligt.

Wer Menschen helfen will, kann sich schwer vorstellen, dass seine Hilfe Schaden verursacht. Wer das Klima retten will, möchte ungern hören, dass eine konkrete Maßnahme möglicherweise mehr Schaden als Nutzen erzeugt. Wer die Ukraine verteidigen will, empfindet die Frage nach den Risiken des eingeschlagenen Weges schnell als Angriff auf die Ukraine selbst.

Das ist menschlich.

Aber es ist gefährlich.

Denn genau dann wird aus der Frage „Funktioniert unser Weg?“ sehr schnell die Frage „Auf welcher Seite stehst du?“

Warum heißt es eigentlich „Sendeanstalt“?

An dieser Stelle sei mir ein wenig Bosheit gestattet: Warum sprechen wir beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk eigentlich von Sendeanstalten?

Nein, ARD und ZDF sind natürlich keine psychiatrischen Einrichtungen, und die Bundesrepublik ist auch keine zweite DDR. Aber Medien haben bei dem Problem, das ich beschreibe, eine ungeheure Verantwortung.

Ihre Aufgabe dürfte gerade nicht darin bestehen, uns täglich darin zu bestätigen, dass unsere Ziele moralisch richtig sind. Das wissen wir meistens selbst. Die viel wichtigere journalistische Leistung wäre, immer wieder genau jene unangenehme Frage zu stellen, die wir selbst nicht mehr hören wollen:

Was soll dabei herauskommen?

Journalisten müssten schlechte Nachrichten über die eigene Lieblingslösung geradezu suchen. Sie müssten nicht den dümmsten Vertreter der Gegenposition vorführen, sondern deren klügsten. Sie müssten uns mit Tatsachen konfrontieren, die unseren Überzeugungen widersprechen, und gerade dort skeptisch werden, wo scheinbar alle Anständigen derselben Meinung sind.

Guter Journalismus müsste uns gelegentlich regelrecht auf die Nerven gehen.

Nicht weil er gegen unsere Werte arbeitet, sondern weil er überprüft, ob unsere Wege tatsächlich zu diesen Werten führen.

Morgen besiegen wir Russland

Und hier hört für mich der Spaß auf.

Wir reden in Deutschland wieder über Kriegstüchtigkeit, enorme Aufrüstung und eine möglicherweise jahrzehntelange militärische Konfrontation mit Russland. Russland hat die Ukraine angegriffen. Die russische Führung trägt die Verantwortung für diese Entscheidung.

Aber aus dieser richtigen Feststellung folgt nicht, dass deshalb jeder weitere Eskalationsschritt unsererseits ebenfalls richtig sein muss.

Russland ist eine Atommacht.

Wir können die russische Führung für verbrecherisch, imperialistisch, unberechenbar oder irrational halten. Nur folgt daraus merkwürdigerweise gerade nicht, dass wir ihre möglichen Reaktionen auf unser Handeln nicht mehr bedenken müssten. Das Gegenteil ist der Fall: Je gefährlicher ich meinen Gegner einschätze, desto sorgfältiger muss ich über die Folgen meines eigenen Handelns nachdenken.

Und genau hier scheint mir das Wunschdenken inzwischen erschreckende Ausmaße anzunehmen.

Wir können darüber reden, was Russland nicht dürfen sollte. Wir können darüber reden, wie eine gerechte Friedensordnung aussehen müsste. Wir können darüber reden, wer diesen Krieg gewinnen sollte.

Aber eine Atombombe interessiert sich nicht dafür, wer moralisch oder völkerrechtlich im Recht war.

Sie explodiert.

Man kann moralisch vollkommen recht haben und trotzdem tot sein.

Deshalb muss spätestens dort die verantwortungsethische Frage neben jede moralische Forderung treten: Was geschieht, wenn Russland militärisch immer weiter zurückgedrängt wird? Was geschieht, wenn eine russische Führung irgendwann glaubt, die Existenz des Staates oder auch nur des eigenen Regimes stehe auf dem Spiel? Welche Eskalationsstufen existieren? Wo liegen tatsächlich die roten Linien einer Atommacht? Und wie sicher sind wir eigentlich, dass wir sie kennen?

Das sind keine prorussischen Fragen. Es sind Fragen von Menschen, die möchten, dass Europa auch in hundert Jahren noch bewohnt ist.

Man kann den Untergang nicht wegwünschen

Vielleicht ist genau das die gefährlichste Eigenschaft des Wunschdenkens: Die Wirklichkeit besitzt keinerlei Verpflichtung, unseren moralischen Erwartungen zu entsprechen.

Geschichte kennt keinen eingebauten Mechanismus, der dafür sorgt, dass am Ende die Guten gewinnen. Die Ökonomie kennt ihn nicht. Die menschliche Psychologie kennt ihn nicht. Und die Atomphysik schon gar nicht.

Das ist für mich der eigentliche Unterschied zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Gesinnungsethik sagt uns, wohin wir wollen. Verantwortungsethik zwingt uns zu prüfen, ob unser Weg tatsächlich dorthin führt.

Beide sind notwendig.

Aber wenn die erste die zweite verdrängt, entsteht Wunschdenken. Und wenn eine ganze Gesellschaft dieses Wunschdenken moralisch auflädt, kann daraus etwas entstehen, das ich inzwischen tatsächlich als eine Form politischen Wahnsinns bezeichnen würde.

Nicht weil plötzlich alle Menschen verrückt geworden wären.

Sondern weil ein gesellschaftliches Korrektiv ausfällt.

Wir kennen das schon

Vielleicht reagieren deshalb manche Ostdeutsche empfindlicher auf dieses Muster.

Sie haben schon einmal in einem Staat gelebt, dessen gesellschaftliche Ziele auf dem Papier teilweise wunderbar klangen: Frieden, Antifaschismus, soziale Sicherheit, keine Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.

Das Problem der DDR bestand nicht darin, dass jeder dieser Sätze falsch gewesen wäre. Das Problem entstand dort, wo die Wirklichkeit immer weniger zum eigenen Anspruch passte und das System trotzdem immer weniger in der Lage war, seinen Weg grundsätzlich infrage zu stellen.

Irgendwann musste nicht mehr der Weg korrigiert werden.

Stattdessen musste die Wirklichkeit zur Ideologie passend erklärt werden.

Der alte DDR-Witz bringt diese Erfahrung besser auf den Punkt als hundert Seiten politische Theorie:

„Gestern standen wir am Abgrund. Heute sind wir einen Schritt weiter.“

Vielleicht ist genau diese Erfahrung tatsächlich die stille Reserve des Ostens.

Wer einmal erlebt hat, wie weit das gut Gemeinte und das gut Gemachte auseinanderfallen können, entwickelt möglicherweise eine besondere Empfindlichkeit dafür, wenn eine Gesellschaft wieder beginnt, ihre Absichten mit ihren Ergebnissen zu verwechseln.

Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass „der Ossi“ recht hat oder dass jede ostdeutsche Protestwahl vernünftig wäre. Aber vielleicht sollten wir endlich aufhören, jede Abweichung vom gewünschten Wahlverhalten ausschließlich als Defizit der Wähler zu betrachten.

Und wenn nur die Blauen widersprechen?

Damit kommen wir zu einem unangenehmen politischen Problem.

Wenn ein erheblicher Teil der Bevölkerung den Eindruck gewinnt, dass bestimmte Fragen von den etablierten Parteien nicht mehr gestellt werden, wird er irgendwann diejenigen wählen, die sie stellen.

Das bedeutet nicht, dass deren Antworten richtig sind.

Eine schlechte Antwort wird nicht dadurch gut, dass andere eine notwendige Frage nicht stellen.

Aber eine notwendige Frage verschwindet eben auch nicht dadurch, dass sie von der falschen Partei gestellt wird.

Wer den Aufstieg der AfD verstehen oder begrenzen möchte, sollte deshalb vielleicht weniger Energie darauf verwenden, deren Wähler moralisch einzuordnen, und mehr darauf, jene Fragen zurückzuerobern, die diese Menschen überhaupt dorthin treiben.

Ich hoffe ausdrücklich, dass Politiker anderer Parteien das tun. Denn die Revolution, die ich mir wünsche, braucht keine neue herrschende Partei. Sie braucht nicht einmal neue Menschen.

Sie braucht einen anderen Denkmodus.

Vielleicht brauchen wir tatsächlich eine neue friedliche Revolution

1989 gingen Menschen auf die Straße, weil das politische System selbst nicht mehr reformierbar erschien. Heute besitzen wir etwas, das sie damals nicht hatten: freie Wahlen, konkurrierende Parteien, unabhängige Gerichte, Meinungsfreiheit und eine Öffentlichkeit, in der wir über all das streiten können.

Nutzen wir das.

Wir brauchen keine Revolution gegen Menschen. Niemand muss aus Institutionen vertrieben, mundtot gemacht oder politisch vernichtet werden. Wir müssen auch keine Gesinnungsethik abschaffen. Im Gegenteil: Wir brauchen Menschen, die leidenschaftlich für Frieden, Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit und den Schutz unserer Lebensgrundlagen eintreten.

Wir müssen lediglich dafür sorgen, dass unmittelbar neben jedem guten Ziel wieder eine zweite Frage steht:

Was soll dabei herauskommen?

Vielleicht besteht der neue Zeitgeist tatsächlich nur aus dieser einen zusätzlichen Frage.

Dann wäre die Revolution diesmal ausgesprochen friedlich. Sie fände vor allem in unseren Köpfen statt. Das gut Gemeinte dürfte bleiben. Es müsste sich nur wieder vom Verstand überprüfen lassen.

Vielleicht bin ich tatsächlich verrückt, weil ich glaube, dass man mit einer so einfachen Frage etwas verändern kann. Damit könnte ich leben.

Sehr viel schwieriger fände ich es, wenn wir eines Tages tatsächlich am Abgrund stehen und niemand mehr erklären kann, warum wir unbedingt noch den nächsten Schritt machen mussten.

Morgen besiegen wir Russland und übermorgen retten wir den Rest der Welt.

Oder wir holen vorher unseren Verstand zurück.

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