
Bundeskanzler ist derzeit vermutlich kein Beruf, bei dem wegen des Bewerberandrangs zusätzliche Stühle in den Flur gestellt werden müssen. Wer Deutschland in den kommenden Jahren regiert, übernimmt jedenfalls keinen Wellnessbetrieb. Wirtschaft, Infrastruktur, Energie, Staatsfinanzen und Demografie liefern genügend Arbeit für mehrere Amtszeiten. Und über erstaunlich vielen Lösungsvorschlägen schwebt zuverlässig derselbe Satz: Dafür haben wir kein Geld.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, nicht sofort nach der nächsten Antwort zu suchen. Vielleicht brauchen wir zunächst eine bessere Frage. Eine einzige, sehr einfache Frage, deren richtige Antwort den Blick auf die wirtschaftlichen Möglichkeiten unseres Landes grundlegend verändert.
Eine Frage, die ein Bundeskanzler beantworten können sollte.
Seine Wähler allerdings auch.
Wie hoch ist das Geldvermögen der Welt?
Bitte einen Moment nicht weiterlesen. Hundert Billionen? Fünfhundert Billionen? Eine Billiarde?
Die Antwort ist erfreulich übersichtlich:
Null.
Nicht ungefähr null. Nicht nach irgendeiner besonderen Wirtschaftstheorie null. Nicht links null und rechts etwas anderes. Einfach null.
Denn Geldvermögen können positiv oder negativ sein. Was für den einen eine finanzielle Forderung ist, ist für einen anderen eine Verbindlichkeit. Ein Mensch kann deshalb ein großes positives Geldvermögen besitzen, während ein anderer verschuldet ist. Dasselbe gilt für Unternehmen, Staaten und ganze Volkswirtschaften.
Aber wir haben nicht nach Deutschland gefragt. Nicht nach Europa.
Wir haben nach der Welt gefragt.
Und die Welt kann gegenüber sich selbst keine finanzielle Forderung besitzen, ohne dass innerhalb derselben Welt jemand die entsprechende Verpflichtung trägt. Wir brauchen dafür keine neue Geldtheorie. Wir müssen lediglich einmal den Betrachtungsraum wechseln: vom Einzelnen zum Ganzen.
Das Geldvermögen der Welt ist null.
Und daraus ergibt sich unmittelbar der zweite Satz:
Das Weltvermögen ist das Weltsachvermögen.
Die finanziellen Forderungen und Verbindlichkeiten der Welt heben sich gegenseitig auf. Der reale Reichtum besteht in dem, was tatsächlich vorhanden ist: Wohnungen, Fabriken, Maschinen, Infrastruktur, Energieanlagen, Boden, Ressourcen, Unternehmen, Technologien sowie Wissen und Können der Menschen.
Geldvermögen verteilt Ansprüche auf diesen Reichtum.
Sachvermögen ist der Reichtum selbst.
Damit wird aus einer kleinen Denksportaufgabe plötzlich eine ziemlich große wirtschaftspolitische Frage. Denn wenn das Geldvermögen der Welt immer null bleibt, können wir nicht alle gemeinsam reicher werden, indem wir versuchen, immer größere Geldvermögen anzuhäufen.
Realer Reichtum entsteht, wenn investiert wird. Wenn aus Geld eine Maschine wird, eine Wohnung, ein Unternehmen, ein Stromnetz, Forschung, Technologie, Bildung oder Produktivität.
Man kann finanzielle Ansprüche auf Reichtum sammeln.
Den Reichtum selbst muss man schaffen.
Für Deutschland lautet die interessante Frage deshalb nicht, ob die Menschen sparen sollen. Für den Einzelnen ist Sparen selbstverständlich sinnvoll. Wer heute nicht alles konsumiert, verschafft sich Möglichkeiten für morgen.
Gesamtwirtschaftlich beginnt die interessante Frage erst danach:
Was entsteht aus unserem Sparen?
Denn wegen eines höheren Kontostandes steht noch keine neue Maschine in einer Fabrik. Keine Wohnung ist gebaut. Kein Stromnetz erneuert und kein Unternehmen produktiver geworden.
Der hier vorgeschlagene Perspektivwechsel lautet deshalb: Aus Geldsparen soll stärker reales Sparen durch Investieren werden. Aus Geld können Maschinen, Wohnungen, Energieanlagen, Infrastruktur, Unternehmen, Forschung, Technologie, Wissen und Können werden.
Kurz gesagt:
Geldvermögen verteilt Ansprüche auf Reichtum. Investitionen schaffen realen Reichtum.
Erst die vollständige Staatsschuldenformel
Bevor wir daraus Folgerungen für Deutschland ziehen, dürfen wir das Ausland nicht einfach wegdefinieren. Für eine offene Volkswirtschaft gilt zunächst die vollständige Beziehung:
Staatsdefizit = Nettogeldvermögensbildung der Privaten minus Leistungsbilanzüberschuss.
Die zugrunde liegende volkswirtschaftliche Identität verbindet den privaten Finanzierungssaldo, den staatlichen Finanzierungssaldo und den Außenbeitrag. Der IWF stellt denselben Zusammenhang über die Differenz zwischen nationalem Sparen und Investieren und dem Leistungsbilanzsaldo dar.
Das heißt: Wenn private Haushalte und Unternehmen insgesamt mehr finanzielle Forderungen aufbauen als Verbindlichkeiten eingehen, braucht dieser Überschuss eine Gegenposition. Sie kann beim Staat liegen. Oder im Ausland.
Deutschland nutzt diese zweite Möglichkeit seit Langem intensiv. Noch 2025 betrug der deutsche Leistungsbilanzüberschuss rund 203 Milliarden Euro beziehungsweise 4,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Für Deutschland kann das funktionieren.
Für die Welt nicht.
Die Erde kann ihren Überschuss schließlich nur schwer beim Mars unterbringen.
Warum wir die Leistungsbilanz gegen null führen wollen
Ein dauerhafter Leistungsbilanzüberschuss bedeutet immer, dass anderswo die Gegenposition entsteht. Deshalb wollen wir den Export keineswegs abschaffen. Wir wollen auch nicht weniger produzieren oder ärmer werden.
Wir wollen schlicht den Saldo steuern.
Unser Ziel wäre eine deutsche Leistungsbilanz von ungefähr null.
Das ist übrigens kein völlig neuer Gedanke. Keynes wollte nach den Erfahrungen der Zwischenkriegszeit mit seiner International Clearing Union ein System schaffen, in dem nicht nur Defizitländer, sondern auch große Überschussländer zur Anpassung verpflichtet werden. Die USA lehnten diese symmetrische Konstruktion damals unter anderem deshalb ab, weil sie selbst das große erwartete Überschussland waren.
Unsere Idee wäre eine heutige, sehr einfache Variante: Solange Deutschland einen Leistungsbilanzüberschuss hat, wird eine Exportabgabe erhoben. Die Einnahmen verschwinden nicht irgendwo im Staatshaushalt, sondern werden zur Senkung der Umsatzsteuer genutzt.
Damit wirken zwei Dinge gleichzeitig in dieselbe Richtung. Exportüberschüsse werden etwas weniger attraktiv, während Kaufen und Investieren im Inland günstiger werden.
Nähert sich die Leistungsbilanz null, sinkt die Exportabgabe. Wird der Saldo negativ, fällt sie auf null. Sollte die Inlandsnachfrage dann dauerhaft zu stark sein und die Leistungsbilanz deutlich ins Minus rutschen, kann die Umsatzsteuer wieder angehoben werden.
Wir besteuern also nicht den Export, weil wir Export nicht mögen.
Wir regeln einen Saldo.
Und wenn andere Überschussländer eines Tages demselben Gedanken folgen, wäre auch das kein Nachteil. Weniger dauerhafte Gläubiger- und Schuldnerpositionen würden zumindest eine wichtige Quelle internationaler wirtschaftlicher Spannungen entschärfen. Der IWF beschäftigt sich gerade deshalb intensiv mit anhaltenden globalen Ungleichgewichten.
Und jetzt wird es im Inland sehr einfach
Haben wir die Leistungsbilanz auf null gebracht, verschwindet das Ausland aus unserer Gleichung.
Dann bleibt:
Staatsdefizit = Nettogeldvermögensbildung der Privaten.
Und jetzt wird die Sache wirklich interessant.
Wollen die Privaten zusätzliches Geldvermögen bilden, braucht es spiegelbildlich ein staatliches Defizit.
Bilden die Privaten kein zusätzliches Geldvermögen, braucht es auch kein staatliches Defizit.
Und bauen die Privaten sogar Geldvermögen ab, weil sie kräftig investieren und reale Vermögenswerte schaffen, muss der Staat spiegelbildlich einen Überschuss erzielen.
Nicht weil der Staat besonders sparsam war. Sondern weil die Privaten real investiert haben.
Damit bekommt auch die übliche Frage eine völlig andere Bedeutung:
Wie finanziert der Staat die neue Brücke?
Vielleicht ist das gar nicht die wichtigste Frage.
Entscheidend ist zunächst, ob wir die Brücke real bauen können. Haben wir die Ingenieure, Bauunternehmen, Maschinen, Stahl, Beton und Arbeitskräfte?
Denn zusätzliche staatliche Ausgaben bestimmen nicht automatisch das Staatsdefizit. Der Finanzierungssaldo des Staates ergibt sich im Zusammenspiel mit dem Finanzierungssaldo der Privaten und – solange wir ihn nicht auf null gebracht haben – mit dem Ausland.
Die neue Brücke kann also gebaut werden, ohne dass dadurch zwangsläufig die Staatsschulden steigen.
Und wenn die Privaten gleichzeitig selbst kräftig investieren und Geldvermögen abbauen, können staatliche Zusatzausgaben sogar mit sinkender Staatsverschuldung zusammenfallen.
Das klingt zunächst beinahe wie ein Wunder.
Ist aber nur Buchhaltung.
Der Staat ist kein Privathaushalt
Genau deshalb funktioniert ein Staatshaushalt anders als ein privater Haushalt.
Ein Privathaushalt kann seine Schulden senken, indem er weniger ausgibt.
Beim Staat kann eine Ausgabenkürzung dagegen dazu führen, dass Einkommen und Investitionen sinken, die Privaten mehr Geldvermögen bilden wollen und das Staatsdefizit am Ende trotzdem steigt.
Umgekehrt kann der Staat sinnvoll investieren und gleichzeitig seine Verschuldung reduzieren, wenn die Privaten selbst stärker ins Investieren kommen.
Die schwarze Null ist also nicht automatisch die Ursache gesunder Staatsfinanzen.
Manchmal kann sie sogar deren Ergebnis verhindern.
Eine kaputte Brücke lässt sich von ihr jedenfalls nur begrenzt beeindrucken.
Zwei Wege, private Geldvermögen abzubauen
Wenn bei ausgeglichener Leistungsbilanz das Staatsdefizit der Nettogeldvermögensbildung der Privaten entspricht, gibt es grundsätzlich zwei Wege, diesen privaten Überschuss kleiner zu machen.
Der erste ist unangenehm.
Die Wirtschaft rutscht ab. Einkommen fallen. Unternehmen verlieren Umsätze. Menschen verbrauchen Ersparnisse, Investitionen brechen ein.
Das private Geldvermögen wird kleiner.
Durch Verarmung.
Der zweite Weg ist wesentlich interessanter.
Menschen und Unternehmen investieren freiwillig. Sie bauen, modernisieren, gründen, produzieren, beteiligen sich an Unternehmen und schaffen reale Vermögenswerte.
Dann wird aus Geldvermögen Sachvermögen.
Das finanzielle Vermögen sinkt beziehungsweise wächst weniger.
Der reale Reichtum wächst.
Das wäre kein Verarmungsprozess.
Das wäre ein Bereicherungsprozess.
Und genau dafür müsste ein neuer Bundeskanzler die Bedingungen schaffen.
Keine Prämie mehr fürs Geldhalten
Damit kommen wir zu unserem eigentlichen Reformvorschlag.
Wenn wir wollen, dass Ersparnisse stärker in reale Investitionen fließen, erscheint es wenig sinnvoll, bloße Geldhaltung zusätzlich zu prämieren.
Prämien auf Geldsparen braucht es in diesem Modell nicht mehr.
Wer eine Rendite möchte, soll investieren, reales Vermögen schaffen oder wirtschaftliches Risiko übernehmen.
Die klassische Zinspolitik verliert damit einen Teil ihrer bisherigen Funktion.
Aber sofort entsteht die nächste Frage: Was passiert, wenn unsere Idee tatsächlich funktioniert?
Wenn Unternehmen investieren, Häuser gebaut werden, Produktionsanlagen entstehen und private Kreditaufnahme kräftig zunimmt, kann irgendwann nicht mehr zu wenig Nachfrage das Problem sein.
Sondern zu viel.
Dann braucht die Wirtschaft eine Bremse.
Die Kreditsteuer
Unser Vorschlag ist eine Kreditsteuer.
Nicht als Strafe für Schuldner. Nicht aus moralischen Gründen. Sondern als steuerbares Instrument zur Begrenzung zusätzlicher kreditfinanzierter Nachfrage.
Ist die Investitionstätigkeit zu schwach, bleibt die Kreditsteuer niedrig.
Steigt die Kreditnachfrage stark und stößt die Wirtschaft zunehmend an ihre realen Kapazitätsgrenzen, kann die Kreditsteuer erhöht werden.
Dann bekämpfen wir Inflation nicht dadurch, dass wir Geldsparen wieder attraktiver machen.
Wir bremsen dort, wo zusätzliche kreditfinanzierte Nachfrage entsteht.
Und die Einnahmen dieser Kreditsteuer können gleichzeitig zur Tilgung staatlicher Schulden verwendet werden.
Dann entsteht ein erstaunlich einfacher Regelkreis:
Zu wenig Investition? Investieren attraktiver machen.
Genügend Investition? Das Staatsdefizit sinkt mit der privaten Nettogeldvermögensbildung.
Zu starke kreditfinanzierte Nachfrage? Kreditsteuer erhöhen, Nachfrage bremsen und Staatsschulden tilgen.
Und plötzlich bekommt der Euro eine neue Möglichkeit
Der Euro hat ein bekanntes Konstruktionsproblem: eine gemeinsame Währung und einen gemeinsamen Leitzins, aber Volkswirtschaften, die sich keineswegs immer im gleichen Zustand befinden.
Eine Kreditsteuer hätte hier einen interessanten Vorteil.
Sie könnte national unterschiedlich hoch sein.
Ein Land mit zu schwacher Investitionstätigkeit könnte Kredite weniger belasten. Ein Land mit starkem Kreditboom könnte sie stärker besteuern. Dass kreditnehmerbezogene makroprudenzielle Instrumente heute schon national unterschiedlich ausgestaltet werden, zeigt zumindest, dass länderspezifische Kreditsteuerung innerhalb einer gemeinsamen Währungsordnung kein völlig fremder Gedanke ist.
Die gemeinsame Währung bliebe.
Aber die Bremse könnte dort wirken, wo sie gebraucht wird.
Und das erste Familienheim?
Auch eine Kreditsteuer muss nicht blind sein.
Der Kredit für das erste selbstgenutzte Familienheim könnte beispielsweise ganz oder teilweise davon befreit werden.
Damit würde der Aufbau realen Vermögens von Familien gezielt erleichtert, während spekulative oder stark kreditgetriebene Vermögensgeschäfte anders behandelt werden könnten.
Aus abstrakter Geldpolitik wird dann plötzlich eine sehr konkrete Frage:
Kann sich eine junge Familie wieder ein eigenes Zuhause leisten?
Genau solche Ergebnisse sollte Wirtschaftspolitik irgendwann produzieren.
Nicht nur schöne Kurven.
Zurück zur Superfrage
Wir haben inzwischen ziemlich weit ausgeholt.
Dabei begann alles mit einer einzigen Frage:
Wie hoch ist das Geldvermögen der Welt?
Null.
Aus dieser Antwort folgt nicht automatisch jedes Detail unseres Modells. Exportabgabe, Umsatzsteuerregelung und Kreditsteuer sind politische Konstruktionen, die geprüft und ausgestaltet werden müssen.
Aber die Superfrage verändert den Ausgangspunkt unseres Denkens.
Wenn das Geldvermögen der Welt null ist, dann ist der Reichtum der Welt realer Reichtum.
Das Weltvermögen ist das Weltsachvermögen.
Dann wird Sparpolitik zu Investitionspolitik.
Dann wird ein Leistungsbilanzüberschuss nicht automatisch zum Pokal, den man möglichst groß machen muss, sondern zu einem Saldo, den man sinnvoll steuern kann.
Dann wird aus der Staatsschuldenfrage eine Frage nach den Finanzierungssalden der übrigen Sektoren.
Und dann muss vor einer neuen Brücke nicht zuerst gefragt werden:
Woher nehmen wir das Geld?
Sondern:
Haben wir die realen Möglichkeiten, sie sinnvoll zu bauen?
Vielleicht ist genau das die Macht einer richtig gestellten Frage.
Sie liefert nicht auf einmal alle Antworten.
Aber sie kann den Punkt verändern, von dem aus wir über alle weiteren Antworten nachdenken.
Und deshalb richtet sich die Superfrage nicht nur an den nächsten Bundeskanzler.
Sie richtet sich genauso an seine Wähler.
Wie hoch ist das Geldvermögen der Welt?
Null.
Und gleich danach kommt die wichtigere Frage:
Wie verwandeln wir unser Geld in realen Reichtum?
Wer sich für die ausführlichen Vorschläge dahinter interessiert, findet sie unter realsparen.de, saldenpolitik.de und kaufwirtschaft.de.
Die Superfrage ist sehr kurz.
Ihre Konsequenzen könnten ziemlich groß sein.
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