Hegel – der neue Zeitgeist (hegel.info)

Unsere Gesellschaft hat sich daran gewöhnt, in Gegensätzen zu denken. Links oder rechts. Markt oder Staat. Kapital oder Arbeit. Freiheit oder Sicherheit. Ökologie oder Ökonomie. Gut oder böse. Wir suchen nach der richtigen Seite – und wenn wir sie gefunden haben, versuchen wir, die andere zu besiegen.

Vielleicht liegt genau darin eines unserer größten Probleme. Denn gesellschaftliche Widersprüche verschwinden nicht dadurch, dass wir eine ihrer Seiten für falsch erklären. Vielleicht brauchen wir deshalb einen neuen Zeitgeist. Und vielleicht ist ausgerechnet ein mehr als 250 Jahre alter Philosoph dafür erstaunlich aktuell: Georg Wilhelm Friedrich Hegel.

Hegel ist nicht gerade dafür berühmt geworden, einfach zu schreiben. Hinter seiner schwierigen Sprache steckt aber ein Gedanke, der für unsere Gegenwart erstaunlich nützlich sein könnte: Ein Widerspruch muss nicht das Ende des Denkens sein. Er kann sein Anfang sein.

Dabei sollten wir Hegel nicht auf die populäre Formel „These – Antithese – Synthese“ reduzieren. Sie beschreibt eine dialektische Denkbewegung zwar anschaulich, ist aber nicht Hegels eigene Standardformel. Für unseren Zusammenhang ist ein anderer Begriff viel interessanter: Aufhebung.

Das deutsche Wort besitzt eine wunderbare Mehrdeutigkeit. Wir können etwas aufheben, indem wir es beenden. Wir können etwas aufheben, indem wir es bewahren. Und wir können etwas auf eine höhere Ebene heben. Genau darin steckt eine faszinierende Methode für gesellschaftliche Konflikte.

Eine Position muss nicht vollständig falsch sein, damit eine andere richtig sein kann. In beiden können Teilwahrheiten stecken. Etwas kann überwunden werden, während etwas anderes bewahrt werden muss. Aus dem Widerspruch kann schließlich etwas Neues entstehen, das vorher in keiner der beiden Positionen vollständig enthalten war.

Der Widerspruch wird damit nicht zum Problem des Denkens. Er wird zu seinem Werkzeug.

Die Geschichte hat mit Hegel dabei etwas Bemerkenswertes gemacht. Nach seinem Tod entwickelte sich seine Wirkungsgeschichte selbst in gegensätzliche politische Richtungen. Es entstanden linke und rechte Hegelianer. Die einen betonten gesellschaftliche Widersprüche, Veränderung und Emanzipation. Aus dieser Richtung führte schließlich ein Weg zu Karl Marx. Andere betonten Staat, Ordnung und Institutionen.

Hegel wurde links gelesen. Hegel wurde konservativ gelesen. Und vielleicht ist gerade das heute seine große Chance.

Denn wir müssen uns gar nicht entscheiden, welcher Hälfte seiner Wirkungsgeschichte Hegel „wirklich“ gehört. Wir können Hegel auf Hegel anwenden. Wir können sogar die politische Spaltung seines eigenen Erbes aufheben.

Die Linke hat recht, wenn sie darauf hinweist, dass gesellschaftliche Verhältnisse Widersprüche enthalten, Ungerechtigkeiten hervorbringen und deshalb verändert werden müssen. Die konservative Seite hat recht, wenn sie daran erinnert, dass Gesellschaften funktionierende Institutionen, Ordnung, Kontinuität und Bewahrung brauchen.

Beides kann gleichzeitig wahr sein.

Veränderung ohne Bewahrung kann zerstören. Bewahrung ohne Veränderung kann erstarren.

Die interessante Frage lautet deshalb nicht länger: Links oder rechts? Sie lautet: Was müssen wir verändern – und was müssen wir dabei bewahren?

Das ist etwas anderes als die Suche nach der politischen Mitte. Ein Kompromiss nimmt häufig von beiden Seiten etwas weg. Jeder gibt einen Teil seiner Position auf, bis man sich irgendwo dazwischen trifft. Eine Synthese versucht etwas Anspruchsvolleres. Sie fragt zunächst, was an beiden Positionen richtig ist, und versucht anschließend, aus diesen Teilwahrheiten etwas Neues zu konstruieren.

Die Lösung muss dann keineswegs zwischen den bisherigen Positionen liegen. Sie kann auf einer neuen Ebene entstehen. Genau deshalb bedeutet Aufhebung nicht einfach Versöhnung. Sie bedeutet Überwindung und Bewahrung zugleich.

Dafür müssen wir allerdings etwas wieder lernen, das unserer politischen Kultur zunehmend schwerfällt: Die Antithese muss legitim sein.

Sie muss nicht wahr sein. Sie muss nicht sympathisch sein. Wir müssen ihr nicht zustimmen. Aber wir müssen sie zunächst denken dürfen. Denn eine Gegenposition hat eine wichtige Funktion: Sie kann uns die Schwachstellen unserer eigenen Position zeigen.

Wenn wir eine Antithese bereits moralisch delegitimieren, bevor wir sie geprüft haben, verlieren wir genau diese Funktion. Wir schützen dann möglicherweise unsere eigene These so erfolgreich vor Kritik, dass wir ihre Fehler nicht mehr erkennen können.

Wo die Antithese nicht mehr legitim ist, gelingt auch keine Synthese mehr.

Dann bleibt die Polarität. Aus Polarität entstehen Lager. Aus Lagern können Feindbilder entstehen. Und irgendwann betrachten wir nicht mehr die Argumente des anderen, sondern nur noch den anderen selbst. Vielleicht beginnt gesellschaftlicher Frieden deshalb viel früher, als wir gewöhnlich denken: mit der Legitimation des Widerspruchs.

Vielleicht ist deshalb schon unsere übliche Frage falsch gestellt. Statt bei jedem gesellschaftlichen Konflikt sofort zu fragen „Wer hat recht?“, könnten wir zunächst fragen: „Auf welcher Ebene hat wer recht?“

Denn der Einzelne kann recht haben und die Gesellschaft trotzdem zu einem anderen Ergebnis kommen. Eine Aussage kann kurzfristig richtig und langfristig falsch sein. Eine wirtschaftlich vernünftige Entscheidung kann gesellschaftlich problematisch sein. Was für einen einzelnen Marktteilnehmer vernünftig ist, kann für alle Marktteilnehmer gemeinsam unvernünftig werden.

Gesellschaftliche Wahrheit ist deshalb häufig keine einfache Entscheidung zwischen wahr und falsch. Sie verlangt nach Ebenenzuordnung. Erst wenn wir die Ebenen auseinanderhalten, können wir die Teilwahrheiten erkennen. Und erst wenn wir die Teilwahrheiten erkannt haben, können wir versuchen, sie wieder zusammenzuführen.

Unser bisheriges Denken funktioniert häufig nach dem Muster:

Widerspruch → Urteil → Lager → Gegner.

Ein anderer Weg wäre:

Widerspruch → Ebenentrennung → Teilwahrheiten → Aufhebung → neue Lösung.

Das wäre keine neue Ideologie. Es wäre eine andere Methode des Denkens.

Und hier bekommt die Sache eine schöne Selbstbezüglichkeit. Hegel versuchte zu verstehen, wie sich der Geist einer Epoche in Geschichte, Gesellschaft und ihren Institutionen ausdrückt. Philosophie sollte ihre eigene Zeit gedanklich erfassen.

Mehr als zweihundert Jahre später erlauben wir uns eine kleine Umkehrung.

Wir wollen mit Hegel nicht nur unseren Zeitgeist beschreiben. Wir wollen Hegel selbst zum neuen Zeitgeist machen.

Natürlich nicht den historischen Hegel mit jedem seiner konkreten Urteile über Staat und Gesellschaft. Wir wollen keinen Hegel-Kult und müssen auch keine Hegelianer werden. Was zum Zeitgeist werden soll, ist eine Denkbewegung: Widersprüche aushalten, die Antithese legitimieren, Bezugsebenen unterscheiden, Teilwahrheiten erkennen, das Richtige bewahren, das Falsche überwinden und daraus etwas Neues schaffen.

Damit wird aus dem Philosophen, der den Geist seiner Zeit verstehen wollte, eine Referenz für einen Zeitgeist, den unsere Zeit vielleicht erst noch entwickeln muss.

Hegel beschrieb den Zeitgeist. Jetzt machen wir Hegel zum Zeitgeist.

Vielleicht braucht unsere Zeit nämlich gar keine neue große Ideologie. Davon hatten wir genügend. Vielleicht brauchen wir vielmehr eine neue Art, mit unterschiedlichen Wahrheiten, Interessen und gesellschaftlichen Gegensätzen umzugehen.

Einen Zeitgeist, der nicht verlangt, dass eine Seite die andere besiegt. Der Kritik nicht als Angriff, sondern als Werkzeug der Verbesserung versteht. Der den politischen Gegner nicht deshalb braucht, um ihn zu vernichten, sondern weil dessen Widerspruch uns helfen kann, die Fehler unseres eigenen Denkens zu erkennen.

Die Antithese ist nicht die Lösung. Aber ohne Antithese finden wir die Lösung möglicherweise nicht.

Vielleicht genügt es deshalb, ein altes Werkzeug wiederzuentdecken und auf unsere heutigen Probleme anzuwenden:

Nicht die Polarität gewinnen. Die Polarität aufheben.

Und vielleicht können wir diesen neuen Zeitgeist tatsächlich nach dem Philosophen benennen, dessen eigenes Erbe links und rechts weiterlebte.

Hegel. Nicht links. Nicht rechts. Aufhebung.

Das wäre der neue Zeitgeist.

Und er wäre eine Hälfte dessen, was wir Synergiewende nennen können.

Die andere Hälfte führt uns zu einem zweiten alten Bekannten: zu Kant – und zu einer neuen Aufklärung.

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