Kapitalismus – Grundlagen, Probleme, Abhilfe Teil5

Teil 5: Wer konkurriert eigentlich um wen?

Im letzten Teil sind wir bei der Zentralbank angekommen. Allerdings auf einem etwas ungewöhnlichen Weg. Wir haben nicht mit einer Geldmenge begonnen und anschließend gefragt, was diese mit der Wirtschaft macht. Wir sind von der arbeitsteiligen Produktion über Kauf, Kaufsaldo, Finanzierung und Zahlungsmittel bis zum Bankensystem gegangen. Erst als Banken ihre gegenseitigen Zahlungspositionen ausgleichen mussten, tauchte die Zentralbank in unserem Schaltplan auf.

Damit wissen wir inzwischen recht gut, wie ein Kauf finanziert und bezahlt werden kann. Eine viel wichtigere Frage haben wir bislang jedoch weitgehend offengelassen: Warum kauft überhaupt jemand? Und selbst wenn jemand zusätzlich kauft, wissen wir noch lange nicht, was dieser Kauf bewirkt. Vielleicht wird anschließend mehr produziert. Vielleicht steigt einfach nur der Preis.

Offenbar fehlt unserem Schaltplan noch etwas.

Wir müssen wissen, wer auf einem Markt eigentlich um wen konkurriert.

Verkäufermarkt und Käufermarkt

Zu jedem geplanten Kauf gehört jemand, der kaufen möchte, und zu jedem geplanten Verkauf jemand, der verkaufen möchte. Solange diese Pläne zusammenpassen, ist die Sache zunächst unspektakulär. Interessant wird es, wenn die geplanten Käufe und Verkäufe nicht zusammenpassen.

Stellen wir uns vor, zehn Menschen möchten ein Haus kaufen, aber nur fünf Menschen möchten eines verkaufen. Dann existieren mehr Kaufpläne als Verkaufspläne. Nicht jeder Käufer kann seinen Plan verwirklichen. Die Käufer müssen um die vorhandenen Verkaufsangebote konkurrieren. Sie können höhere Preise bieten, geringere Ansprüche stellen oder sich schneller entscheiden.

Das nennen wir einen Verkäufermarkt.

Drehen wir die Situation um. Zehn Eigentümer möchten ein Haus verkaufen, aber nur fünf Menschen möchten eines kaufen. Nun können nicht alle Verkäufer ihre Pläne verwirklichen. Die Verkäufer müssen um die fehlenden Käufer konkurrieren. Sie können ihre Preise senken, bessere Qualität anbieten, zusätzliche Leistungen versprechen oder schlicht länger auf einen Käufer warten.

Das nennen wir einen Käufermarkt.

In beiden Fällen herrscht Wettbewerb.

Aber der Wettbewerb findet auf unterschiedlichen Seiten des Marktes statt.

Und jetzt können wir diese Unterscheidung mit unserem Kaufsaldo verbinden.

Käufer- und Verkäufermarkt sind Saldenphänomene

Im zweiten Teil haben wir gelernt, dass sich die tatsächlich realisierten Kaufsalden einer geschlossenen Gruppe immer zu null addieren müssen. Was der eine mehr verkauft, muss ein anderer mehr kaufen.

Das gilt ex post, also nachdem die Geschäfte stattgefunden haben.

Für die Pläne vorher gilt es nicht.

Menschen können Wirtschafts- und Kaufpläne machen, die für jeden Einzelnen möglich erscheinen, in ihrer Gesamtheit aber gar nicht gleichzeitig verwirklicht werden können. Genau das geschieht in unseren beiden Marktsituationen.

Im Verkäufermarkt wollen insgesamt mehr Menschen kaufen, als andere zu den bestehenden Bedingungen verkaufen wollen. Es gibt also einen Überschuss an Kaufplänen. In unserer inzwischen vertrauten Sprache bedeutet das:

Es besteht ein Überschuss der Pläne zum Geldvermögensabbau gegenüber den dazu passenden Plänen zum Geldvermögensaufbau.

Denn wer mehr kaufen als verkaufen möchte, plant einen Kaufüberschuss und damit einen Abbau seiner finanziellen Nettoposition. Wenn aber mehr Geldvermögen abgebaut werden soll, als andere Wirtschaftsteilnehmer gleichzeitig aufbauen wollen, können diese Pläne nicht alle verwirklicht werden.

Deshalb konkurrieren die Käufer um die fehlenden Verkaufspläne.

Im Käufermarkt ist es genau umgekehrt. Hier wollen insgesamt mehr Menschen verkaufen, als andere zu den bestehenden Bedingungen kaufen wollen. Es gibt also einen Überschuss an Verkaufsplänen.

Damit besteht zugleich:

ein Überschuss der Pläne zum Geldvermögensaufbau gegenüber den dazu passenden Plänen zum Geldvermögensabbau.

Auch diese Pläne können nicht alle gleichzeitig verwirklicht werden. Nun konkurrieren aber die Verkäufer um die fehlenden Kaufpläne.

Damit können wir unsere beiden Marktformen erstmals vollständig aus unserem bisherigen Schaltplan heraus beschreiben:

Verkäufermarkt = Überschuss geplanter Geldvermögensabbauten → Käufer konkurrieren um Verkäufer.

Käufermarkt = Überschuss geplanter Geldvermögensaufbauten → Verkäufer konkurrieren um Käufer.

Das ist mehr als eine neue Beschreibung für Angebot und Nachfrage. Denn damit verbinden wir die Konkurrenzsituation unmittelbar mit den finanziellen Plänen der Wirtschaftsteilnehmer.

Das werden wir später noch dringend brauchen.

Der Vertrag selbst wird wertvoll

Nun geschieht im Käufermarkt etwas ausgesprochen Interessantes. Wenn zehn Unternehmen verkaufen wollen, aber nur fünf Käufer vorhanden sind, ist für den Verkäufer nicht mehr allein wichtig, zu welchem Preis er verkauft.

Zunächst muss er überhaupt einen Vertrag bekommen.

Kommt sein Vertrag nicht zustande, verkauft vielleicht sein Wettbewerber. Der Verkäufer bleibt auf seinem Produkt sitzen, erzielt den geplanten Umsatz nicht und kann seinen geplanten Geldvermögensaufbau nicht verwirklichen.

Der konkrete Vertragsabschluss bekommt damit für ihn einen eigenen wirtschaftlichen Wert.

Wir können das als sein konkretes Vertragsinteresse bezeichnen.

Je schlechter seine Alternative aussieht, wenn der Vertrag mit diesem Käufer nicht zustande kommt, desto größer ist sein Interesse am Vertragsabschluss. Und je größer dieses Interesse ist, desto mehr wird er bereit sein zu tun, um den Käufer für sich zu gewinnen.

Er kann seinen Preis senken. Er kann seine Qualität verbessern. Er kann schneller liefern. Er kann längere Garantien anbieten. Er kann neue Produkte entwickeln. Er kann seinen Service verbessern.

Oder er kann dem Kunden am Sonntagabend noch erklären, warum die Wärmepumpe nicht warm wird. 🙂

Das Entscheidende daran ist: Der Unternehmer muss dafür kein besserer Mensch werden.

Er braucht den Vertrag.

Und weil er den Vertrag braucht, muss er sich dafür interessieren, was der Käufer möchte.

Damit können wir unser freundliches Konkurrenzparadoxon aus dem ersten Teil nun genauer verstehen:

Eigennutz kann durch Wettbewerb in Fremdnutzen übersetzt werden, wenn Anbieter um Käufer konkurrieren.

Der Verkäufer möchte seinen eigenen Vorteil.

Gerade deshalb muss er einen Vorteil für den Käufer anbieten.

Der Käufer hat weiterhin seinen eigenen Kugelschreiber.

Jetzt wissen wir aber genauer, warum dieser Kugelschreiber Macht besitzt.

Im Verkäufermarkt dreht sich die Sache um

Im Verkäufermarkt ist das konkrete Vertragsinteresse anders verteilt. Nun möchten mehr Menschen kaufen, als andere verkaufen wollen. Für den Verkäufer ist es vergleichsweise leicht, einen Vertragspartner zu finden. Scheitert der Vertrag mit Anna, wartet vielleicht schon Bert.

Der Verkäufer ist deshalb weniger stark auf diesen konkreten Käufer angewiesen.

Anna dagegen möchte unbedingt eines der knappen Angebote bekommen. Kommt ihr Vertrag nicht zustande, kann sie leer ausgehen. Nun besitzt der Käufer das größere Interesse daran, dass der Vertrag zustande kommt.

Damit dreht sich die Konkurrenzrichtung um.

Der Käufer bietet möglicherweise einen höheren Preis, akzeptiert längere Lieferzeiten, verzichtet auf Sonderwünsche oder nimmt Bedingungen hin, die er in einem Käufermarkt niemals akzeptiert hätte.

Der Unternehmer ist noch derselbe.

Der Kunde ist noch derselbe.

Geändert hat sich die Salden- und Konkurrenzlage.

Das erklärt einen erstaunlich großen Teil dessen, was wir im täglichen Wirtschaftsleben beobachten.

Käufermärkte sind eine erstaunliche Maschine

Damit verstehen wir nun auch besser, warum ein funktionierender Käufermarkt eine so bemerkenswerte gesellschaftliche Konstruktion sein kann.

Mehrere Anbieter möchten verkaufen. Aber nicht jeder von ihnen kann sicher sein, dass sein Verkaufsplan aufgeht. Deshalb müssen sie um die Kaufentscheidungen ihrer Kunden konkurrieren.

Die Aussicht auf Gewinn lockt Unternehmen in die Produktion. Die Unsicherheit des späteren Verkaufs zwingt sie gleichzeitig dazu, sich am Käufer zu orientieren.

Sie können billiger werden. Sie können besser werden. Sie können schneller werden. Sie können etwas völlig Neues erfinden.

Und sie können scheitern.

Genau das ist für den einzelnen Unternehmer unangenehm und für das System gleichzeitig außerordentlich wichtig.

Auf einem funktionierenden Käufermarkt zwingt das konkrete Vertragsinteresse der Anbieter sie dazu, sich am Nutzen der Käufer zu orientieren.

Wir benötigen dafür keinen selbstlosen Unternehmer.

Wir benötigen eine Konkurrenzsituation, in der der Unternehmer den Kunden braucht.

Damit beginnt sich auch unsere frühere Überlegung über das humanistische Potenzial des Kapitalismus mit Leben zu füllen. Menschen müssen einander nicht lieben, um miteinander zu kooperieren. Der Verkäufer möchte einen Vorteil erzielen. Aber um diesen Vorteil zu bekommen, muss er einem anderen Menschen etwas anbieten, das dieser freiwillig kauft.

Der Kaufvertrag wird zum Kooperationsinstrument.

Was machen zusätzliche 100 Euro?

Nun können wir eine Frage wieder aufnehmen, die uns bereits im letzten Teil begegnet ist.

Was geschieht, wenn Anna zusätzliche 100 Euro ausgibt?

Nehmen wir zunächst einen Käufermarkt. Es bestehen mehr Pläne zum Geldvermögensaufbau als entsprechende Pläne zum Geldvermögensabbau. Anders gesagt: Es gibt mehr Verkaufspläne als Kaufpläne.

Annas zusätzlicher Kauf liefert nun etwas, das bislang gefehlt hat.

Einen zusätzlichen Kaufplan.

Sofern Anna dafür nicht gleichzeitig einen zusätzlichen Verkauf plant, steuert sie einen zusätzlichen Plan zum Geldvermögensabbau bei. Damit kann ein Verkäufer einen zuvor nicht realisierbaren Verkaufsplan verwirklichen.

Besitzt dieser Verkäufer freie Produktionskapazitäten, kann der zusätzliche Absatz zusätzliche Produktion auslösen. Vielleicht werden mehr Arbeitsstunden benötigt, zusätzliche Vorprodukte bestellt oder neue Maschinen angeschafft.

Der zusätzliche Kauf hat dann vor allem eine Mengenwirkung.

Nun machen wir dasselbe Experiment im Verkäufermarkt. Hier bestehen bereits mehr Pläne zum Geldvermögensabbau als entsprechende Pläne zum Geldvermögensaufbau. Es gibt mehr Kaufpläne als Verkaufspläne.

Annas zusätzlicher Kaufplan liefert jetzt nicht das bislang fehlende Gegenstück.

Er vergrößert den bereits vorhandenen Überhang.

Noch mehr Käufer konkurrieren um die vorhandenen Verkaufsangebote. Anbieter können höhere Preise verlangen, ohne sofort ihren Kunden zu verlieren.

Der zusätzliche Kauf hat deshalb eher eine Preiswirkung.

Anna ist dieselbe.

Die zusätzlichen 100 Euro sind dieselben.

Geändert hat sich nur die Salden- und Konkurrenzsituation, auf die ihr Kauf trifft.

Ein Anschluss für später

An dieser Stelle bauen wir schon einmal einen Anschluss in unseren Schaltplan ein, den wir erst sehr viel später benötigen werden.

Stellen wir uns vor, wir befinden uns in einem Käufermarkt. Es bestehen mehr Pläne zum Geldvermögensaufbau als entsprechende Pläne zum Geldvermögensabbau. Verkäufer suchen Käufer.

Nun tritt ein zusätzlicher Wirtschaftsteilnehmer auf und beschließt, mehr zu kaufen, als er im gleichen Zeitraum verkauft beziehungsweise an Einnahmen erzielt.

Er fügt dem System also einen zusätzlichen Plan zum Geldvermögensabbau hinzu.

Damit liefert er genau das Gegenstück, das den anderen Wirtschaftsteilnehmern bislang gefehlt hat. Ein Teil ihrer geplanten Geldvermögensaufbauten kann nun tatsächlich realisiert werden. Zusätzliche Verkäufe können zusätzliche Produktion und Beschäftigung ermöglichen.

Nun versetzen wir denselben Wirtschaftsteilnehmer in einen Verkäufermarkt.

Auch hier fügt er einen zusätzlichen Plan zum Geldvermögensabbau hinzu.

Aber diesmal fehlt dieser Plan gar nicht.

Es bestehen bereits mehr Pläne zum Geldvermögensabbau als entsprechende Pläne zum Geldvermögensaufbau. Der zusätzliche Käufer verschärft deshalb zunächst den bestehenden Überhang. Die Käuferkonkurrenz nimmt zu und die Wirkung kann stärker auf die Preise gehen.

Wir müssen an dieser Stelle noch gar nicht diskutieren, wer dieser zusätzliche Wirtschaftsteilnehmer sein könnte und warum er so handeln sollte.

Wir merken uns lediglich:

Derselbe zusätzliche Plan zum Geldvermögensabbau kann in einem Käufermarkt völlig anders wirken als in einem Verkäufermarkt.

Das ist ein Anschlussstück.

Wir verschließen es vorerst mit einem Stopfen.

Unser Gesellschaftsklempner weiß inzwischen: Leitungen, die man später noch brauchen könnte, reißt man nicht vorschnell wieder aus der Wand.

Vielleicht streiten wir manchmal über die falsche Frage

Damit können wir eine scheinbar einfache Frage etwas präziser stellen:

Was geschieht, wenn zusätzliche Nachfrage in eine Wirtschaft gelangt?

Eine mögliche Antwort lautet: Die Wirtschaft wächst.

Eine andere lautet: Die Preise steigen.

Beide Antworten können richtig sein.

Die entscheidende Frage lautet nämlich nicht nur, wie viel zusätzliche Nachfrage entsteht, sondern welche Pläne vorher miteinander unvereinbar waren.

Im Käufermarkt fehlen relativ zu den Verkaufsplänen Pläne zum Geldvermögensabbau. Zusätzliche Käufe können deshalb zunächst die Realisierung vorhandener Verkaufspläne ermöglichen und bei freien Kapazitäten Produktion und Beschäftigung erhöhen.

Im Verkäufermarkt fehlen relativ zu den Kaufplänen Pläne zum Geldvermögensaufbau. Zusätzliche Käufe verschärfen dort zunächst den bereits bestehenden Überhang an Kaufplänen und können deshalb stärker auf die Preise wirken.

Damit bekommt unser Schaltplan ein weiteres wichtiges Bauteil:

Die Wirkung eines zusätzlichen Kaufplans hängt davon ab, auf welche Salden- und Konkurrenzsituation er trifft.

Das ist präziser als die Frage, was „mehr Geld“ mit einer Wirtschaft macht.

Denn Zahlungsmittel ermöglichen Käufe.

Aber der Kaufplan ist es, der auf einen Verkaufsplan trifft.

Aber Käufermärkte entstehen nicht von selbst

Nun sollten wir allerdings nicht aus einem funktionierenden Mechanismus schließen, dass dieser immer funktionieren müsse.

Unternehmen konkurrieren miteinander. Erfolgreiche Unternehmen wachsen, andere verschwinden. Unternehmen können fusionieren. Hohe Markteintrittskosten können neue Wettbewerber fernhalten. Technische Vorsprünge, Patente oder Netzwerkeffekte können einzelnen Unternehmen starke Marktpositionen verschaffen.

Damit kann Wettbewerb seine eigenen Voraussetzungen verändern.

Nehmen wir einen Markt mit zwanzig Anbietern. Alle konkurrieren intensiv um Kunden. Einige sind erfolgreicher, investieren ihre Gewinne, wachsen und kaufen vielleicht Wettbewerber auf. Andere verschwinden.

Nach zwanzig Jahren sind möglicherweise nur noch drei große Anbieter übrig.

Der Wettbewerb hat funktioniert.

Und gerade dadurch kann eine Situation entstanden sein, in der der Wettbewerb schwächer geworden ist.

Auch hier begegnet uns wieder unsere Rationalitätenfalle. Für jedes einzelne Unternehmen ist es vernünftig, Marktanteile zu gewinnen, Konkurrenten zu übernehmen und seine Marktposition zu stärken.

Für die Gesamtheit kann daraus eine Marktstruktur entstehen, in der der Käufer immer weniger Auswahl besitzt.

Wettbewerb kann Wettbewerb erzeugen. Wettbewerb kann aber auch Konzentration erzeugen.

Das ist kein Grund, Wettbewerb abzulehnen.

Es ist ein Grund, seinen Schaltplan zu verstehen.

Und jetzt wird es makroökonomisch

Bislang haben wir Käufer- und Verkäufermärkte anhand einzelner Güter betrachtet. Häuser, Maschinen, Brötchen.

Nun können wir eine gefährliche Frage stellen:

Was geschieht, wenn in einer ganzen Volkswirtschaft die Pläne zum Geldvermögensaufbau größer sind als die Pläne zum Geldvermögensabbau?

Viele Wirtschaftsteilnehmer möchten mehr verkaufen beziehungsweise Einkommen erzielen, als sie selbst kaufen wollen. Jeder einzelne Plan kann vernünftig sein.

Gemeinsam können diese Pläne aber nicht verwirklicht werden.

Denn die geplanten Geldvermögensaufbauten der einen brauchen die geplanten Geldvermögensabbauten der anderen.

Fehlen diese, beginnen Verkäufer um die fehlenden Käufer zu konkurrieren. Preise können sinken. Produktion kann reduziert werden. Investitionen können ausfallen. Menschen können arbeitslos werden. Einkommen können sinken.

Und sinkende Einkommen können wiederum dazu führen, dass noch weniger gekauft wird.

Plötzlich haben wir keine kleine Geschichte über einen Markt mehr.

Wir haben den Anfang einer Konjunkturtheorie.

Eine Maschine kann technisch vorhanden sein. Ein Mensch kann arbeiten wollen. Rohstoffe können verfügbar sein. Trotzdem kann die Produktion unterbleiben, wenn niemand erwartet, das zusätzliche Produkt anschließend verkaufen zu können.

Aus der Perspektive unseres Schaltplans ist das gar nicht besonders geheimnisvoll.

Produktion braucht erwartete Käufe.

Gleichgewicht ist zunächst keine Zauberei

Der Begriff „wirtschaftliches Gleichgewicht“ klingt nach komplizierten Modellen, Gleichungssystemen und Menschen, die in Mathematik deutlich besser aufgepasst haben als unser Gesellschaftsklempner.

Wir können zunächst viel einfacher anfangen.

Ein wirtschaftliches Gleichgewicht liegt für unsere Betrachtung dann vor, wenn die geplanten Käufe und geplanten Verkäufe miteinander vereinbar sind.

Das bedeutet keineswegs, dass jeder Einzelne genau gleich viel kaufen wie verkaufen muss.

Anna kann einen Verkaufsüberschuss planen.

Bert kann einen Kaufüberschuss planen.

Entscheidend ist lediglich, dass beide Pläne zusammenpassen.

Die geplanten Geldvermögensaufbauten der einen benötigen geplante Geldvermögensabbauten der anderen in entsprechender Höhe.

Damit laufen nun sehr viele Leitungen unseres bisherigen Schaltplans zusammen.

Kaufsalden.

Geldvermögen.

Finanzierung.

Kredit.

Zahlungsmittel.

Konkurrenz.

Käufermarkt.

Verkäufermarkt.

Konjunktur.

Das sind keine voneinander getrennten Geschichten.

Sie gehören zu derselben Anlage.

Die nächste Rationalitätenfalle wartet schon

Nun können wir endlich eine Frage stellen, die für den weiteren Verlauf unserer Geschichte entscheidend wird.

Was ist für einen einzelnen Menschen vernünftig, wenn er Geldvermögen aufbauen möchte?

Er versucht, mehr einzunehmen als auszugeben. Er plant einen Verkaufsüberschuss. Sein Geldvermögen soll steigen.

Das ist individuell vollkommen vernünftig.

Was geschieht aber, wenn sehr viele Menschen gleichzeitig genau dasselbe versuchen?

Wir kennen inzwischen die Antwort:

Die geplanten Geldvermögensaufbauten der einen brauchen geplante Geldvermögensabbauten der anderen.

Wer sind diese anderen?

Andere Haushalte?

Unternehmen?

Irgendwann vielleicht ein Wirtschaftsteilnehmer mit Finanzamt?

Das Ausland?

Und was geschieht, wenn auch diese anderen lieber Geldvermögen aufbauen möchten?

Damit stehen wir vor einer der folgenreichsten Rationalitätenfallen unserer Wirtschaft.

Und jetzt müssen wir über etwas reden, das nahezu überall als Tugend gilt:

Sparen.

Keine Sorge.

Wir werden niemandem sein Sparschwein wegnehmen.

Wir schauen nur nach, was auf der anderen Seite davon passiert.