Kapitalismus – Grundlagen, Probleme, Abhilfe Teil4

Teil 4: Jetzt kommen die Banken

Im letzten Teil haben wir das Wort „Geld“ vorsichtshalber beschlagnahmt und stattdessen drei verschiedene Dinge auseinandergehalten: Rechnungseinheit, Geldvermögen und Zahlungsmittel. Dabei haben wir festgestellt, dass ein Kauf und seine Bezahlung keineswegs dasselbe sind. Der Kauf verändert die Geldvermögenspositionen der Beteiligten. Die spätere Bezahlung mit Zahlungsmitteln verändert dagegen nur noch die Zusammensetzung dieser Positionen.

Anschließend kam unsere Bank aus dem Urlaub zurück. Anna nahm einen Kredit über 100 Euro auf und erhielt dafür 100 Euro zusätzliche Zahlungsmittel auf ihrem Konto. Gleichzeitig entstand ihre Kreditverbindlichkeit über ebenfalls 100 Euro. Die Kreditaufnahme erhöhte deshalb ihr Nettogeldvermögen nicht. Erst als Anna anschließend etwas von Bert kaufte, entstand wieder unser bekannter Kaufsaldo: Anna hatte den Kaufüberschuss, Bert den Verkaufsüberschuss. Der Kredit hatte Annas Kaufüberschuss finanziert.

Damit haben wir die Bank bereits kennengelernt. Aber wir wissen noch nicht, warum wir sie überhaupt brauchen und wie sie in unseren Schaltplan passt.

Das holen wir jetzt nach.

Warum brauchen wir überhaupt Banken?

Wir könnten uns eine Wirtschaft zunächst auch ohne Banken vorstellen. Anna möchte von Bert eine Maschine kaufen, besitzt aber momentan nicht genügend Zahlungsmittel. Bert könnte ihr die Maschine trotzdem liefern und sagen: „Bezahlst du eben in drei Monaten.“ Damit wäre das Problem zunächst gelöst. Bert besitzt eine Forderung gegen Anna und Anna eine entsprechende Verbindlichkeit gegenüber Bert. Wirtschaftlich hat Bert Anna unmittelbar Kredit gewährt.

Das funktioniert hervorragend, solange Bert bereit ist, auf seine Bezahlung zu warten und darauf vertraut, dass Anna später zahlen kann und zahlen wird. Schwieriger wird es, wenn Bert sein Zahlungsmittel sofort haben möchte. Vielleicht muss er selbst Löhne zahlen, Material kaufen oder eine andere Rechnung begleichen. Dann hilft ihm die Aussicht wenig, in drei Monaten eine Zahlung von Anna zu erhalten.

Wir haben also zwei unterschiedliche Bedürfnisse: Anna möchte heute kaufen und später zahlen. Bert möchte heute verkaufen und heute bezahlt werden. Irgendjemand muss diese zeitliche Lücke überbrücken.

Und jetzt wird die Bank interessant.

Anna geht zur Bank und bittet um einen Kredit. Die Bank prüft dabei nicht einfach, ob Anna gerade 100 Euro besitzt – dann bräuchte sie den Kredit schließlich nicht. Sie prüft vielmehr, ob sie erwartet, dass Anna künftig in der Lage sein wird, ihre Verpflichtung zu erfüllen. Dafür betrachtet sie Einkommen, Vermögen, Sicherheiten, Geschäftsmodell, erwartete Einnahmen oder andere Informationen.

Die Bank versucht also, etwas ausgesprochen Schwieriges zu beurteilen: die Zukunft.

Natürlich kennt auch die Bank die Zukunft nicht. Sie versucht lediglich, Unsicherheit in ein kalkulierbares Risiko zu verwandeln. Sie prüft Schuldner, verteilt Risiken auf viele Kreditverhältnisse, verlangt Zinsen und Sicherheiten und organisiert die rechtliche Durchsetzbarkeit ihrer Forderungen.

Damit erfüllt sie eine Funktion, die in unserer arbeitsteiligen Wirtschaft beinahe zwangsläufig entsteht. Zwischen Leistung und Gegenleistung kann Zeit liegen. Zwischen Kauf und Bezahlung kann Zeit liegen. Zwischen einer heutigen Investition und ihren zukünftigen Erträgen kann sehr viel Zeit liegen. Wo wirtschaftliche Vorgänge zeitlich auseinanderfallen, entsteht Finanzierungsbedarf.

Unser Haus aus dem ersten Artikel lässt grüßen. Bevor es verkauft werden kann, müssen Bauarbeiter bezahlt, Beton gekauft und Maschinen eingesetzt werden. Irgendjemand muss diese Vorleistungen finanzieren.

Der Kapitalismus ist eben kein zeitloser Tauschplatz.

Er ist ein Prozess.

Kredit verbindet Gegenwart und Zukunft

Damit können wir Kredit zunächst sehr nüchtern betrachten. Kredit bedeutet, dass jemand heute über wirtschaftliche Handlungsmöglichkeiten verfügen kann und dafür eine Verpflichtung für die Zukunft übernimmt. Anna kann heute die Maschine kaufen, weil sie verspricht, den Kredit später zurückzuzahlen.

Ob dieser Kredit vernünftig war, hängt wesentlich davon ab, was zwischen heute und später geschieht. Produziert Anna mit der Maschine etwas, das andere Menschen freiwillig kaufen, kann aus der heutigen Finanzierung eine erfolgreiche Investition werden. Hat sie sich geirrt, bleibt die Verpflichtung trotzdem bestehen.

Hier begegnet uns wieder das Risiko aus unserem ersten Artikel. Nur sehen wir jetzt genauer, wie es verteilt werden kann. Der Unternehmer trägt das Risiko seines Projekts. Die Bank trägt das Risiko, dass ihre Forderung nicht vollständig erfüllt wird. Andere Beteiligte tragen andere Risiken.

Und wieder brauchen wir dafür zunächst keine moralische Bewertung. Kredit ist weder gut noch böse. Er ist eine Methode, Zeit wirtschaftlich zu überbrücken.

Das wird später wichtig werden. Denn dieselbe Konstruktion kann eine neue Fabrik finanzieren, eine bereits vorhandene Immobilie verteuern, privaten Konsum vorziehen oder einem Staat ermöglichen, heute mehr auszugeben, als er heute einnimmt. Der Kreditmechanismus ist zunächst derselbe. Seine wirtschaftlichen Folgen müssen es nicht sein.

Die Bank muss nicht erst 100 Euro finden

Nun kommen wir zu einem Punkt, an dem unser Schaltplan etwas ungewohnt aussieht. Wenn Anna 100 Euro Kredit haben möchte, könnte man sich vorstellen, dass die Bank zunächst jemanden finden muss, der 100 Euro gespart und bei ihr eingezahlt hat. Die Bank würde diese vorhandenen 100 Euro anschließend an Anna weiterreichen.

So kann Finanzierung aussehen. Aber ein moderner Bankkredit setzt nicht voraus, dass vorher ein anderer Kunde genau diese 100 Euro eingezahlt hat.

Gewährt die Bank Anna einen Kredit über 100 Euro, entstehen in ihrer Bilanz gleichzeitig zwei Positionen. Auf der Aktivseite steht die neue Forderung gegen Anna. Auf der Passivseite entsteht Annas Guthaben bei der Bank. Anna besitzt damit eine zusätzliche positive Zahlungsposition, über die sie verfügen kann.

Die Bank hat also nicht einfach ein bereits vorhandenes Zahlungsmittel aus einem anderen Sparschwein genommen und Anna übergeben. Durch die Kreditvergabe ist ein neues Bankguthaben entstanden.

Deshalb konnten wir im letzten Teil sagen: Bankkredit kann Zahlungsmittel schaffen.

Aber wir wissen inzwischen auch, was dadurch nicht automatisch entsteht. Auf Annas Seite stehen dem neuen Zahlungsmittel gleich hohe neue Verbindlichkeiten gegenüber. Auf der Seite der Bank steht ihrer neuen Forderung eine entsprechende Verbindlichkeit gegenüber.

Die Zahlungsmittelmenge kann steigen, ohne dass dadurch das Nettogeldvermögen steigt.

Wenn wir alles einfach „Geld“ nennen würden, hätten wir an dieser Stelle bereits wieder ein ordentliches Durcheinander. Die Beschlagnahme bleibt also vorerst bestehen.

Aber kann die Bank dann unbegrenzt Zahlungsmittel schaffen?

Jetzt könnte unser Gesellschaftsklempner auf eine gefährliche Idee kommen. Wenn die Bank ein Guthaben durch Kreditvergabe erzeugen kann, warum schreibt sie Anna dann nicht einfach eine Million gut? Oder eine Milliarde? Warum sind Banken überhaupt jemals knapp bei Kasse?

Weil die Fähigkeit einer Bank zur Kreditvergabe nicht grenzenlos ist. Sie muss unter anderem Kreditrisiken tragen, regulatorische Anforderungen erfüllen, wirtschaftlich arbeiten und vor allem gewährleisten können, dass die von ihr geschaffenen Zahlungsmittel auch dann funktionieren, wenn ihre Kunden an Kunden anderer Banken bezahlen.

Und genau dort wird es für unseren Schaltplan interessant.

Anna möchte schließlich nicht nur bei Kunden ihrer eigenen Bank einkaufen. Sie möchte Bert bezahlen. Und Bert hat sein Konto bei einer anderen Bank.

Damit verlassen wir die einzelne Bank.

Anna bei Bank A, Bert bei Bank B

Anna besitzt nach ihrer Kreditaufnahme 100 Euro Guthaben bei Bank A. Bert verkauft ihr die Maschine und möchte die 100 Euro auf seinem Konto bei Bank B erhalten. Bank A vermindert Annas Guthaben um 100 Euro, während Bank B Bert ein entsprechendes Guthaben gutschreibt.

Damit ist die Sache zwischen Anna und Bert erledigt.

Zwischen den beiden Banken ist sie es noch nicht.

Bank B hat ihrem Kunden Bert eine zusätzliche Forderung gegen sich selbst eingeräumt. Dafür benötigt sie einen entsprechenden Ausgleich gegenüber Bank A. Die Banken brauchen also ihrerseits etwas, womit sie ihre gegenseitigen Zahlungspositionen verrechnen und ausgleichen können.

Nun begegnet uns erneut das Prinzip, das wir im letzten Teil eingeführt haben: Ein Zahlungsmittel funktioniert innerhalb eines bestimmten Benutzer- und Akzeptanzkreises.

Für Anna ist ihr Guthaben bei Bank A ein Zahlungsmittel. Für Bank A ist Annas Guthaben aber nicht das Zahlungsmittel, mit dem sie ihre Verpflichtung gegenüber Bank B endgültig ausgleicht. Dafür benötigen die Banken ein Zahlungsmittel ihrer eigenen Ebene.

Und dafür dienen Zentralbankreserven.

Plötzlich taucht die Zentralbank in unserem Schaltplan auf.

Nicht am Anfang.

Sondern ziemlich weit hinten.

Zahlungsmittel haben Benutzerkreise

Damit können wir etwas erkennen, das durch das allgemeine Wort „Geld“ leicht verdeckt wird. Nicht jedes Zahlungsmittel ist für jeden Wirtschaftsteilnehmer dasselbe Zahlungsmittel.

Unternehmen und Haushalte verwenden im Alltag überwiegend Guthaben bei Geschäftsbanken und Bargeld als Zahlungsmittel. Geschäftsbanken wiederum können ihre gegenseitigen Zahlungspositionen über Guthaben bei der Zentralbank ausgleichen. Diese Guthaben nennen wir Zentralbankreserven.

Wir bekommen damit eine Hierarchie von Zahlungsmitteln. Was für Anna ein vollkommen ausreichendes Zahlungsmittel ist, muss für ihre Bank auf der nächsten Ebene noch lange keines sein.

Bargeld bildet dabei einen interessanten Sonderfall. Es wird von der Zentralbank ausgegeben, kann aber auch von Haushalten und Unternehmen unmittelbar als Zahlungsmittel verwendet werden. Für unseren grundsätzlichen Schaltplan müssen wir uns damit noch nicht länger beschäftigen.

Wichtig ist zunächst nur die Struktur: Haushalte und Unternehmen bezahlen innerhalb ihres Zahlungskreises. Banken müssen die daraus entstehenden Positionen auf ihrer eigenen Ebene ausgleichen.

Und dort treffen wir auf die Zentralbank.

Jetzt wissen wir auch, warum sie dort steht.

Die Zentralbank kommt zuletzt – und ist trotzdem zentral

Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass die Zentralbank unwichtig wäre. Im Gegenteil. Weil die Geschäftsbanken ihre gegenseitigen Zahlungspositionen auf dieser übergeordneten Ebene ausgleichen, beeinflusst die Zentralbank wesentliche Bedingungen des gesamten Zahlungssystems. Sie setzt zentrale Zinssätze, stellt unter bestimmten Bedingungen Reserven bereit und sorgt gemeinsam mit anderen Institutionen dafür, dass der Zahlungsverkehr funktioniert.

Sie ist also tatsächlich zentral.

Aber für unseren Erklärungsweg musste sie nicht am Anfang stehen.

Wir konnten zunächst fragen, warum überhaupt jemand Finanzierung benötigt. Dann haben wir gesehen, wie Banken durch Kreditvergabe Zahlungsmittel schaffen können. Erst als diese Zahlungsmittel zwischen Kunden verschiedener Banken übertragen wurden, brauchten wir eine übergeordnete Abrechnungsebene.

Unser Schaltplan läuft deshalb weiterhin von unten nach oben:

Produktion → Kauf → Kaufsaldo → Finanzierungsbedarf → Kredit → Zahlungsmittel → Bankensystem → Zentralbank.

Dabei ist eine Einschränkung wichtig. Das ist keine Behauptung darüber, wie Banken oder Zentralbanken historisch entstanden sind. Wir behaupten nicht, dass irgendwann zuerst Anna eine Maschine kaufte und daraufhin jemand die Zentralbank erfand.

Wir betrachten die Sache funktional.

Wir bauen das System aus den wirtschaftlichen Vorgängen heraus auf, für die seine einzelnen Bauteile benötigt werden.

Vielleicht beginnt die Geldtheorie an der falschen Stelle

Häufig beginnt die Erklärung des Geldsystems bei Zentralbankgeld, Geschäftsbanken oder einer bestimmten Geldmenge. Anschließend wird untersucht, was Veränderungen dieser Größen mit Preisen, Krediten, Investitionen und der Wirtschaft machen.

Wir sind den umgekehrten Weg gegangen.

Wir begannen mit einer arbeitsteiligen Produktion. Weil Produktion Zeit benötigt, muss jemand vorleisten. Weil Menschen kaufen und verkaufen, entstehen Kaufsalden. Kaufüberschüsse können Finanzierungsbedarf erzeugen. Kredit kann diesen Finanzierungsbedarf decken. Bankkredit kann dafür Zahlungsmittel schaffen. Und weil diese Zahlungsmittel zwischen Kunden verschiedener Banken übertragen werden, benötigen die Banken wiederum ein gemeinsames Zahlungsmittel für ihren gegenseitigen Ausgleich.

Damit erscheint das Zahlungssystem nicht mehr als Ausgangspunkt der Wirtschaft. Es erscheint als Infrastruktur einer Wirtschaft, deren reale Vorgänge bereits vorher logisch beschrieben werden können.

Vielleicht ist das nur ein kleiner Unterschied in der Reihenfolge.

Vielleicht ist es ein ziemlich großer.

Wir werden sehen.

Aber wer bestimmt eigentlich, wie viel gekauft wird?

Bis hierher haben wir vor allem erklärt, wie Käufe finanziert und bezahlt werden können. Eine ganz andere Frage haben wir noch kaum berührt: Warum finden diese Käufe überhaupt statt?

Eine Bank kann Anna Zahlungsmittel zur Verfügung stellen. Sie kann Anna aber nicht dazu zwingen, eine Maschine zu kaufen. Ebenso wenig kann sie Bert zwingen, eine neue Fabrik zu bauen, einen zusätzlichen Mitarbeiter einzustellen oder seine Produktion auszuweiten.

Zahlungsmittel ermöglichen Käufe.

Sie sind nicht mit Käufen identisch.

Und damit kommen wir zu einem Zusammenhang, der für unser späteres Verständnis von Konjunktur entscheidend wird. Wir können sehr viele Zahlungsmittel haben, ohne dass daraus automatisch entsprechend viele zusätzliche Käufe entstehen. Umgekehrt kann zusätzliche Nachfrage in einer bestimmten Situation die Produktion erhöhen – und in einer anderen Situation hauptsächlich die Preise.

Offenbar müssen wir also wissen, auf welche wirtschaftliche Situation ein zusätzlicher Kauf trifft.

Und dafür brauchen wir wieder unseren alten Bekannten aus dem ersten Artikel: den Wettbewerb.

Nur schauen wir diesmal genauer hin. Denn manchmal konkurrieren Käufer um knappe Waren. Und manchmal konkurrieren Verkäufer um knappe Käufer.

Das klingt zunächst nach einem kleinen Unterschied.

Für die Wirkung zusätzlicher Käufe ist es ein gewaltiger.

Im nächsten Teil unseres Schaltplans müssen wir deshalb zwei Welten auseinanderhalten:

Verkäufermarkt und Käufermarkt.

Dann wird sich zeigen, warum dieselben zusätzlichen 100 Euro in einer Wirtschaft völlig unterschiedliche Wirkungen haben können.

Und vielleicht verstehen wir anschließend auch besser, weshalb sich Ökonomen seit Generationen darüber streiten, ob mehr Zahlungsmittel nun die Wirtschaft ankurbeln oder einfach nur die Preise erhöhen.

Unser beschlagnahmtes Wort darf bis dahin weiterhin auf der Werkbank liegen.

Unbeaufsichtigt kommt es uns noch nicht zurück in die Anlage.