Wie der Teufel die Ökonomen verwirrte – Teil 1

Ohne Märchen wird keiner schlau


Von einem kleinen Fehler des Teufels

Der Teufel ist ein schlauer Kerl, daran besteht kein Zweifel, doch wie alle Wesen, die über sehr lange Zeit erfolgreich sind, unterliegt auch er gelegentlich der Versuchung, seine eigene Klugheit zu überschätzen. Einen seiner folgenreichsten Fehler beging er nicht in einer dunklen Höhle oder auf einem Schlachtfeld, sondern in einem bürgerlichen Salon, in einer jener Logen, in denen man dachte, sprach und zuhörte. Der Teufel hatte dort, eher beiläufig und ohne besondere Vorsicht, etwas ausgesprochen, das ihm später noch große Sorgen bereiten sollte. Goethe hörte zu. Und Goethe schrieb mit.

So blieb ein Satz erhalten, der weit über seinen literarischen Ursprung hinauswirkte und einen Mechanismus sichtbar machte, auf dem ein großer Teil der modernen Welt beruhen sollte:
„Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und Gutes schafft.“

Der Teufel hatte damit nichts erklären und schon gar nichts rechtfertigen wollen. Er hatte lediglich seine eigene Funktionsweise beschrieben. Doch die Menschen waren aufmerksamer, als er es erwartet hatte. Sie begannen zu begreifen, dass Eigennutz nicht zwangsläufig zerstörerisch wirken muss, dass er – richtig verschaltet, in ein System eingebettet und durch Ordnung begrenzt – produktiv sein kann, ja sogar zu Wohlstand und Stabilität führen kann. Später nannte man dieses Prinzip die unsichtbare Hand, und noch später erfand man auf dieser Grundlage etwas, das man Kapitalismus nannte.

Warum dem Teufel plötzlich mulmig wurde

Anfangs war dieser Kapitalismus alles andere als zivilisiert. Manchester war kein Paradies, sondern ein Ort, an dem Elend, Ausbeutung und Hoffnungslosigkeit dicht beieinanderlagen, und der Teufel fühlte sich dort durchaus noch wohl. Doch der Teufel konnte weiter denken als viele seiner Kritiker. Er wusste, dass Produktivität wächst, dass Maschinen menschliche Arbeitskraft vervielfachen und dass technischer Fortschritt nicht stehen bleibt. Ihm war klar, dass das Elend, das über Jahrtausende als naturgegeben gegolten hatte, mit wachsender Produktivität prinzipiell überwindbar werden konnte.

Und genau das machte ihm Angst.

Denn wenn die Menschen eines Tages in der Lage wären, ihre eigennützigen Triebe so zu nutzen, dass daraus systematisch Wohlstand entstünde, wenn Knappheit nicht mehr die Regel, sondern die Ausnahme wäre, dann stellte sich eine gefährliche Frage: Worüber sollten sie dann noch streiten? Wofür sollten sie noch kämpfen? Und wozu bräuchte es dann überhaupt noch die Hölle?

Der Gedanke, dass ausgerechnet jene Kräfte, auf die er sich seit jeher verlassen hatte – Egoismus, Ehrgeiz und Gewinnstreben –, am Ende zu etwas führen könnten, das man ohne große Übertreibung als ein Paradies auf Erden bezeichnen müsste, war für den Teufel unerträglich. Wenn so viel Gutes entstünde, wie es menschliches Eigennutzstreben gibt, dann wäre sein Geschäftsmodell ernsthaft bedroht, und die Öfen der Hölle könnten eines Tages kalt bleiben.

Wie man viele verwirrt, ohne jeden Einzelnen zu belügen

Der Teufel dachte lange nach. Auch sein Tag hatte nur vierundzwanzig Stunden, und es war offensichtlich unmöglich, jeden einzelnen Menschen persönlich zu verwirren. Also suchte er nach einem Hebel, nach einer Stelle im System, an der mit geringem Aufwand maximale Wirkung erzielt werden konnte. Schließlich erkannte er den eigentlichen Engpass nicht in der Technik und auch nicht in der Moral, sondern im Denken über Gesellschaft. Und dieses Denken hatte seine eigenen Spezialisten: die Ökonomen.

So begann der Teufel, sich nicht an die Menschen selbst zu wenden, sondern an ihre Vordenker. Er brauchte Multiplikatoren, keine Verführungen im Einzelfall. Schritt für Schritt gelang es ihm, die Volkswirtschaftslehre in eine Richtung zu lenken, die auf den ersten Blick rational, sauber und wissenschaftlich wirkte, bei näherem Hinsehen jedoch systematisch verwirrte. Die Hörsäle der Volkswirtschaftslehre begannen sich in etwas zu verwandeln, das der Hölle erstaunlich ähnlich war – nicht wegen böser Absichten, sondern wegen dauerhaft stabiler Denkfehler.

Um ein Haar wäre er damit auch durchgekommen.

Der Autor dieser Zeilen allerdings betrat diese Vorhölle nie. Er praktizierte den Kapitalismus, ohne ihn zuvor durch die institutionelle Verwirrungsprüfung schicken zu lassen, und analysierte ihn mit Abstand, aus der Realität heraus und ohne die Begriffe für selbstverständlich zu halten. Nun ist der Autor nicht mehr der Jüngste, und vielleicht holt ihn der Teufel eines Tages doch noch ab. Gerade deshalb schreibt er es jetzt auf. Die Erzählung von der großen Verwirrung beginnt hier, mit dem ersten teuflischen Trick, der direkt an der Wurzel des Denkens ansetzt.

Der erste Trick: Wie die Zeit aus dem Denken verschwand

Adam Smith arbeitete gerade an einem Buch, das dem Teufel Sorgen bereitete. Schon der Titel klang gefährlich offenherzig: Der Wohlstand der Nationen. Smith beschrieb darin den Segen der Arbeitsteilung, er sprach von Maschinen, die menschliche Arbeitskraft vervielfachen, und er erklärte, wie Eigennutz – diese uralte teuflische Triebkraft – produktiv wirken kann, wenn man ihn nicht moralisch bekämpft, sondern funktional nutzt. Angetrieben werde all dies, so schrieb Smith, von jener unsichtbaren Hand.

Dem Teufel schwante Übles, denn die Lösung war zu gut beschrieben, zu funktional und zu nahe an der Wahrheit. Also erschien er Smith im Traum, nicht als Verführer und nicht als Lügner, sondern lediglich als ein kleiner gedanklicher Schubs. Er ließ etwas verschwinden, das man leicht übersieht und doch nicht entbehren kann: die Zeit.

Smith erklärte den Kapitalismus fortan als Tausch. Und Tausch ist gleichzeitig. Was gleichzeitig geschieht, braucht keine Zeit. Mit diesem einen Schritt verschwand die vierte Dimension aus dem ökonomischen Denken, und mit ihr alles, was untrennbar an ihr hängt: Risiko, Vorleistung, Geduld und Unternehmertum.

Denn Kapitalismus ist kein Tausch. Er ist ein Prozess über Zeit. Vor zwanzig Jahren wurde eine Erzgrube erschlossen, vor zehn Jahren Maschinen gebaut, heute wird ein Produkt verkauft. Zwanzig Jahre liegen zwischen der ersten Lohnzahlung und dem Verkauf, zwischen Investition und Rückfluss, zwischen Risiko und Ertrag. Wer die Zeit vergisst, vergisst das Risiko, und wer das Risiko vergisst, vergisst die eigentliche Leistung der Unternehmer. Genau hier liegt der Unterschied zur unproduktiven Subsistenzwirtschaft: in der Fähigkeit, Risiko über Zeit zu tragen, besser, als es Fürsten je konnten. Selbst das Geld ist ein Phänomen des Zeitbedarfs des Wirtschaftens. Wer ohne die Zeit denkt, kann das Geldsystem nie verstehen.

Doch all das verschwand aus dem Bewusstsein. Zurück blieb ein zeitloser Unsinn, der sich erstaunlich hartnäckig hielt. Ein meisterhafter Trick. Und die Ökonomen betrieben ihn fortan mit großem Ernst.

(wird fortgesetzt)

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